Werner knallhart

Liebe Deutsche Bahn - her mit dem kostenlosen Internet!

Die Deutsche Bahn bastelt an einem Angebot von Online-Inhalten speziell für den ICE. Wozu der ganze altmodische Aufwand? Gebt uns in den Zügen einfach endlich freien Internetempfang!

Bis Ende 2014, so verspricht die Deutsche Bahn, soll das gesamte ICE-Kernnetz voll internettauglich sein. Quelle: dpa

Neulich besuchte mich ein Freund aus Saarbrücken in Berlin. Und er erzählte von seiner langen Fahrt auf der Autobahn: "Ich bin mitunter etwas gemütlicher gefahren und habe mich da hinter so einen neuen Fernbus gehängt."
"Ach, zum Sprit sparen im Windschatten, ne?"
"Nee, für WLAN. Das Netz aus dem Bus war echt gut."

Der Dialog ist nicht erfunden. Dank des kostenlosen Internets in den Reisebussen haben selbst findige Autofahrer Internet unterwegs. Solange der Mindestabstand stimmt, warum nicht?

Und bei der Bahn? Da stimmt gar nichts. Vor einigen Wochen im Zug auf meiner abendlichen Rückreise von Köln nach Berlin: Ich sitze in einem der gerade erst kürzlich kernsanierten ICE der zweiten Generation. Es riecht nach Leder und neuem Teppich. Morgens hatte ich mir auf dem Hinweg einen Internet-Hotspot-Zugang gekauft, der 4,95 Euro kostet und 24 Stunden gültig ist. Dennoch hatte ich schon morgens zwischen Berlin und Hannover keinen Internetzugang. Denn zwar funktioniert das WLAN im Zug wunderbar. Nur hat der Zug auf seiner Reise über die grünen Wiesen keinen Kontakt zum Internet. Merke: Steht außen auf einem ICE "Hotspot", dann heißt das noch lange nicht "Internet".

An diesen Bahnhöfen surfen Sie umsonst
Gute Nachrichten für Pendler: An deutschen Bahnhöfen können sie täglich 30 Minuten kostenlos das WLAN nutzen. Wer länger als 30 Minuten das Internet nutzt, surft anschließend zum Telekom-Tarifen weiter. Zu den 100 Bahnhöfen, an denen dies möglich ist, gehören unter anderem die Berliner Bahnhöfe Hauptbahnhof, Ostbahnhof, Zoologischer Garten, Gesundbrunnen, Lichtenberg, Spandau und Wannsee. Quelle: dpa
Auch in Bremen können Pendler 30 Minuten lang kostenlos surfen. Wenn die Verspätung nicht allzu extrem ist, sollte das ausreichen. Quelle: dapd
Auch in immer mehr Innenstädten deutschlands können Smartphone- und Tablet-Nutzer kostenfrei Surfen. Jetzt geht das unter anderem auch am Hauptbahnhof Dresden sowie Dresden-Neustadt. Quelle: dpa
Wer am Hamburger Hafen unterwegs ist, kann ab sofort kostenfrei mit dem Smartphone, Tablet oder Laptop im Internet surfen. Um am Projekt "HotSpot-City" der Telekom teilnehmen zu können, müssen Nutzer sich nur ein Profil auf der Online-Seite der Telekom anlegen und schon sollen sie lossurfen können. Für mobile Endgeräte gibt es eine App. Gleiches funktioniert nun auch an den Bahnhöfen Hamburg-Hauptbahnhof, Hamburg-Altona und Hamburg-Harburg. Quelle: dpa
Auch Reisende am Hauptbahnhof Hannover beziehungsweise Hannover-Messe können sich künftig ganz einfach für eine halbe Stunde gratis einwählen: WLAN-Netz "Telekom" wählen und verbinden. Dann die Handynummer auf der Startseite (Hotspot-Portal) eingeben. Der Zugangscode kommt dann per SMS aufs Handy. Quelle: dpa
„Wir wollen den Aufenthalt im Bahnhof für unsere Kunden noch attraktiver machen. Die kostenlose WLAN-Nutzung ermöglicht es, während der Zeit am Bahnhof zum Beispiel Smartphone oder Tablet mit der Cloud zu synchronisieren“, sagt Dr. André Zeug, Vorstandsvorsitzender der DB Station&Service AG. Das geht jetzt auch an am Frankfurter Hauptbahnhof, dem Bahnhof am Regional- und Fernbahnhof des Frankfurter Flughafen sowie dem Bahnhof Hauptwache. Quelle: dpa
„Der umfangreiche Ausbau von HotSpots ermöglicht es künftig noch mehr Reisenden, an Bahnhöfen drahtlos im Internet zu surfen und E-Mails zu verschicken. Damit kommen wir unserer Vorstellung vom vernetzten Leben und Arbeiten wieder ein Stück näher“, sagt Dirk Backofen, Leiter Marketing Geschäftskunden Telekom Deutschland. Davon profitieren auch Pendler am Düsseldorfer Hauptbahnhof sowie dem Bahnhof am Flughafen Düsseldorf. Quelle: AP
Auch in Köln - konkret an den Bahnhöfen: Köln Hansaring, Hauptbahnhof, Köln Messe/Deutz und Köln/Bonn Flughafen - können Pendler künftig gratis surfen. In den vergangenen Jahren ist die Nutzung der WLAN-HotSpots an Bahnhöfen um durchschnittlich 20 Prozent angestiegen. Quelle: ZBSP
Nachdem allein im letzten Jahr 75 Bahnhöfe mit dieser Technik neu ausgerüstet worden sind, bieten DB und Telekom gegenwärtig an 105 Bahnhöfen einen drahtlosen Zugang zum Internet über WLAN an. Darunter auch der Hauptbahnhof von Leipzig. Quelle: AP
Nach Ablauf der 30 kostenlosen Minuten wird der Kunde automatisch ausgeloggt und kann sich bewusst für eine weitere Nutzung entscheiden. Dafür bietet die Telekom mehrere Tarife zur Auswahl an, mit denen die Nutzung kostengünstig fortgesetzt werden kann. Ein Tagespass kostet beispielsweise 4,95 Euro. Zu den Orten, an denen das möglich ist, gehören auch München Donnersbergerbrücke, der Münchner Hauptbahnhof sowie der Flughafen München. Eine vollständige Übersicht aller Bahnhöfe, die das Gratis-WLAN anbieten, finden Sie hier. Quelle: dpa

Nun war ich also auf dem Rückweg und schaltete mein iPad an. Noch nicht einmal ein Hotspot! Ich ging zur Zugbegleiterin. Die hatte sich vor einer Horde laut und heiser singender Fußballfans in ihr Dienstabteil verkrochen.

"Entschuldigung. Ich kann den Hotspot hier an Bord nicht finden."
"Kein Wunder. Dieser ICE hat keinen."
"Aber auf der Hinfahrt hatte ich Internet. Und jetzt fahre ich doch einfach in die Gegenrichtung."
"Das mag sein. Aber es sind nicht in allen ICEs Hotspots verfügbar."
"Aber dieser ICE ist doch gerade erst renoviert worden."
"Ja, aber WLAN wurde dabei nicht überall mit eingebaut."
"Was?"
"Tja."
"Also habe ich fünf Euro zum Fenster rausgeschmissen?"
An dieser Stelle war es dann endlich Zeit für den Wahlspruch eines jeden Zugbegleiters: "Tut mir leid, ich kann's nicht ändern." Naja, sie hätte auch sagen können: "Wenn ich Ihnen aufzählen würde, was an diesen nagelneu renovierten ICEs alles nicht funktioniert, fange ich an zu heulen."  Aber sie war ja Vollprofi.

Ist das nicht unfassbar? Die Strecke Köln-Berlin gilt laut Bahn als fertig ausgebaute Internet-Trasse. Trotzdem klappt es nicht. Reaktion: Schulterzucken. Man hat den Eindruck, Internet im Zug ist für die Bahn einfach nur lästig. Aber das will die Bahn nicht auf sich sitzen lassen. Und rackert sich an einer Lösung ab. Und wenn das am Ende alles so wird, wie es sich abzeichnet, dann werden noch viele Tränen fließen. Bei Kunden und Personal. Das sage ich Ihnen. Denn:

Das ICE-Portal kommt. Eine Pseudo-Internetwelt mit Information zur Reise, zum gastronomischen Angebot, mit Nachrichten, Spielen, Lesestoff und Podcasts. Alles auf dem eigenen Computer oder Telefon. Kunden dürfen es jetzt schon in ausgewählten Zügen testen. Um sich davon zu überzeugen, dass rein überhaupt nichts zeitgemäß funktioniert. Nichts! Nicht ein Inhalt ließ sich sauber und ohne Probleme aufrufen. Das meiste einfach gar nicht. Da wird für die Kunden ein Testsystem gestartet und der Frustfaktor liegt bei rund 100 Prozent. Soviel zur Einstimmung. Und ob es auch in Zukunft kostenlos sein wird, ist laut Bahn nicht entschieden.

Aber seien wir fair. Es ist ein Test. Und der darf dann auch kolossal scheitern. Das Traurige: Selbst voll funktionsfähig wäre das Angebot ein ziemlicher Flop. Denn das Ganze ist kein World Wide Web, sondern kommt vom zugeigenen Server. Intranet sozusagen.

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