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Werner Knallhart
Quelle: imago images

Lockt die Deutschen zur BahnCard 100!

Fliegen ist klimatechnisch kritisch, Autofahren obendrein Zeitverschwendung und die Deutsche Bahn wächst und wird jetzt sogar zehn Prozent billiger. Zeit für die BahnCard 100 auf Firmenkosten für alle.

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Bahnfahren ist zurzeit vor allem noch der perfekte Lifestyle für Menschen, die Pünktlichkeit für eine spießige Tugend halten, die in geschlossenen Bordrestaurants Kalorien sparen wollen, oder im W-LAN WifionICE einfach mal Digital Detox betreiben.

Und für alle, die noch zögern: Bahnfahren wird immerhin billiger. Der Chef der Deutschen Bahn Richard Lutz hat am Sonntag nochmal zugesichert: Die von der Bundesregierung versprochene Senkung der Mehrwertsteuer von 19 Prozent auf sieben Prozent wird direkt auf die Ticketpreise durchgereicht. Die Bahn spricht davon, dass Bahnfahren dadurch rund zehn Prozent billiger wird. 

Hä? Die Differenz zwischen 19 und 7 macht doch 12. Warum dann nur 10 Prozent? Ist da etwa eine unverschämt offensichtliche Abzocke sondergleichen geplant? Zum Glück nein. Erinnern wir uns bitte mal dunkel an unseren Mathe-Leistungskurs und rechnen wir eben kurz:

Wenn ich auf einen Ticket-Nettopreis von sagen wir mal 100 Euro wie bislang 19 Prozent Mehrwertsteuer draufknalle, dann kostet das Ticket brutto 119 Euro. Will ich aber wissen, was das Ticket nach der Mehrwertsteuersenkung kosten wird, darf ich von diesen 119 Euro nicht einfach die Mehrwertsteuer in Höhe der versprochenen Senkung (12 Prozentpunkte) abziehen. Das wären ja 12 Prozent vom Brutto, also zu viel. Ich muss vielmehr die neuen 7 Prozent auf den Nettopreis draufhauen. Also kostet besagtes Ticket künftig 100 Euro plus 7 Prozent, also 107 Euro. Und das macht eine Preissenkung um 12 Euro im Vergleich zu den bisherigen 119 Euro. Und 12 von 119 sind ungefähr 10 Prozent.

Die Bahn hat also recht. Aber was genau wird denn zehn Prozent billiger, wenn es heißt: Tickets werden billiger? Was wird etwa aus den BahnCards? Das Klimakabinett hat dies offenbar noch nicht klar gesagt, denn auch Insider sind sich unsicher. Eine BahnCard 25 oder BahnCard 50 sind zumindest ja keine Fahrkarte sondern eine Art Kundenkarte, eine Rabattkarte. Diese Haarspalterei wäre bitter, aber vorstellbar. Legt es die Bundesregierung auf einen Shitstorm an, könnte sie die BahnCards also von der Mehrwertsteuerreduzierung ausnehmen.

Mit einer Ausnahme von der Ausnahme: Der BahnCard 100. Weil man dank der BahnCard 100 überhaupt kein Ticket braucht, ist die BahnCard 100 keine Rabattkarte, sondern eine bundesweite Netzkarte. Ein Ticket eben. So!

Ergo muss auch die BahnCard 100 billiger werden. Was allein schon klimapolitisch Sinn macht, weil Inhaber der BahnCard 100 wahre Klima-Engel sind (sage ich jetzt mal in aller Bescheidenheit als BahnCard-100-Inhaber): Wir steigen nur widerwillig auf einen Inlandsflug um. Wir haben ja schon ein Bahnticket. Und wer immer und überall jederzeit in einen ICE springen kann, als sei es seiner, braucht kein Auto.

Die BahnCard 100 macht Menschen zu notorischen CO2-Sparern und die Arbeitgeber zu ihren Gehilfen. Die Devise muss also lauten: Lockt die Deutschen zur BC100. Das geht am schnellsten über den gesenkten Preis. Der sähe mit sieben Prozent Steueraufschlag so aus:

BahnCard 100 (2. Klasse): statt 4.395 dann rund 3.950 Euro.
BahnCard 100 (1. Klasse): statt 7.435 dann rund 6.685 Euro.

Die Preise beider Varianten springen also einen Tausenderzähler nach unten. Das sieht gut aus. Und dazu kommt: Kinder unter 15 Jahren fahren sowieso kostenlos mit. Und ganz entscheidend: Die BC100 hat das eingebaute Nahverkehrsticket. Wer etwa in Berlin wohnt und sich im Wesentlichen innerhalb des S-Bahnrings bewegt, kann die BahnCard 100 in Tarifzone A nutzen und spart für die Jahreskarte AB in den Berliner U-Bahnen und Bussen 728 Euro. Da schweigt die Flugbranche besser bedröppelt. Alles, was sie jetzt für sich einfordern könnte, wäre klimapolitisch kontraproduktiv und deshalb nicht mehr zeitgemäß.

Das Auto wird erst wieder konkurrenzfähig, wenn es autonom und elektrisch fährt

Wären da noch die Themen Unpünktlichkeit und technische Pannen an Bord. Die Hoffnung für alle Perfektionisten ist, dass die Bahn dank der vielen frischen Milliarden Euro, die wir Steuerzahler ihnen außerdem schenken werden (Bahnvorstand Pofalla spricht schon von „Rückenwind in Orkanstärke“) viele neue Züge kaufen will. Die Flotte soll bis 2022/2023 von 280 auf 380 Fernverkehrszüge steigen, darunter 30 neue Hochgeschwindigkeitszüge im Stile der ICE 3, wie sie schon heute zwischen Rhein-Main und Köln flitzen. Auf den Haupttrassen soll der ICE-Takt irgendwann bis 2030 von stündlich auf halbstündlich halbiert werden und mittelgroße Städte bekommen alle zumindest InterCity-Anschluss und das Schienennetz wird auf weltweites Topniveau hochgerüstet. Wenn alles gut geht, dann steht „Deutsche Bahn“ bald für Premium-Hightech als Leuchtturm des Innovationsstandorts Deutschland.

Sollte dann die Technik endlich zuverlässiger sein, ist die Bahn komfortabler als das Flugzeug, schneller als das Auto, in den Großstädten besser erreichbar als der Fernbus und damit das beste Fernstrecken-Verkehrsmittel. Wer seinen viel und weit reisenden Mitarbeitern nun etwas Gutes tun will, versorgt sie künftig deshalb wohl besser mit der BahnCard 100, statt mit einem Firmenwagen.

Denn das Auto wird auf der Fernstrecke erst dann wieder konkurrenzfähig, wenn es irgendwann elektrisch und autonom fährt und sich jeder auf der Autobahn dem widmen kann, was er sonst an Bord eines ICE tut: Excel-Tabellen ausfüllen und Netflix gucken, ohne sich um den Verkehr kümmern zu müssen. Und selbst, wenn das irgendwann in vielen Jahren tatsächlich möglich ist: Mit 300 Sachen von Frankfurt nach Köln - soviel ich weiß, plant mit solchen Geschwindigkeiten noch nicht einmal Tesla. Mit dem Zug geht das schon jetzt.

So wie es aussieht, werden die 20er-Jahre dank der Klima-Milliarden aus dem Staatshaushalt das Bahn-Jahrzehnt. Und die BahnCard 100 im Geldbeutel (oder künftig auf dem Smartphone?) wird vielleicht ja tatsächlich im großen Stil zu dem, was einst der Autoschlüssel in der Hosentasche war: die große Freiheit. Einfach einsteigen und los.

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