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Werner knallhart

Lufthansa: Was die Flugbegleiter täglich ertragen müssen

Ich hatte Glück: Ich habe Lufthansa gebucht und bin trotzdem geflogen. Und habe gemerkt: Das Kabinenpersonal muss so viele Management-Fehler ausbügeln, sogar bei der Sicherheit an Bord. Es verdient eine komfortable Rente.

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Das Kabinenpersonal der Lufthansa verdient eine komfortable Rente. Quelle: dapd

Es gibt längst keinen vernünftigen Grund mehr, Lufthansa anderen Fluggesellschaften vorzuziehen. Also aus Kundensicht jetzt. Die Piloten haben es natürlich gut. Sie kassieren noch Mondgehälter aus Zeiten, in denen Luftfahrt noch Glamour hatte und Piloten noch wie Ärzte verehrt wurden. Dieses Glück hatten Lokführer nie. Aber ich schweife ab.

Aus Kundensicht unterscheiden sich Fluggesellschaften im Wesentlichen noch im Preis und in der Lackierung der Maschine. Aber sonst?

Ich bin seit Jahren keine Fernstrecke mehr mit Lufthansa geflogen. Am Sonntag war es für mich mal wieder soweit. Und ich war gespannt. Der Flug ging von Berlin über Frankfurt nach Brasilien (für den Rückflug stellte ich mich auf einen zuverlässigeren Carrier ein).

Essen und Getränke – nach drei Stunden Wartezeit
Grundsätzlich gibt es nur dann Geld, wenn die Fluggesellschaft für die Verspätungen, Umbuchungen oder Flugannullierungen selbst verantwortlich ist. Beispiele sind etwa technische Probleme oder Schwierigkeiten, rechtzeitig Crews vor Ort zu schaffen. Quelle: REUTERS
Doch nicht für alles können die Airlines in die Pflicht genommen werden. Kein Anspruch auf Entschädigung besteht etwa bei Streiks oder Verzögerungen durch Wetter. Quelle: dpa
Vorhersehbare Folgen der Witterung, auf die Airline reagieren kann, setzen die Fluggastrechte nicht außer Kraft. Kommt es zum Beispiel bei der Enteisung der Maschinen zu Verzögerungen, müssen die Fluggesellschaften zahlen. Quelle: dpa
Die Höhe der Entschädigung richtet sich nach der Strecke, die geflogen wird. Das meiste Geld gibt es bei Langstrecken ab 3500 Kilometern. Dann kann der Fluggast 600 Euro fordern. Bei Strecken zwischen 1500 und 3500 Kilometern werden 400 Euro fällig, darunter 200 Euro. Quelle: dpa
In allen Fällen gilt: Geld gibt es erst dann, wenn die Verspätung mindestens drei Stunden beträgt. Quelle: dpa
Auch bei Verspätungen etwa wegen des Wetters oder wegen eines Streiks haben bestimmte Fluggäste Rechte. So müssen sie ausreichend mit Essen und Getränken versorgt werden. Zudem haben sie das Recht auf ein kostenloses Telefonat. Bei sehr langen Wartezeiten muss sogar eine Hotelübernachtung gestellt werden. Quelle: AP
Die genannte Unterstützung richtet sich nach der Flugstrecke und der Dauer der Verspätung. Die Regel greift bei Kurzstrecken unter 1500 Kilometern erst ab einer Wartezeit von zwei Stunden, zwischen 1500 bis 3500 Kilometern ab drei Stunden und bei noch längeren Flügen nach vier Stunden. Quelle: dpa

Nach wenigen Stunden war mir klar: Die Qualität des Services an Bord unterscheidet sich tatsächlich von der anderer Gesellschaften. Aber nicht zugunsten von Lufthansa. Darunter leiden aber nicht nur die Kunden, sondern auch das Personal.

1. Sicherheitsinstruktionen an Bord nicht mehr für alle Passagiere

Auch bei Lufthansa kostet es mittlerweile extra, wenn man zusammensitzen will. Eigentlich ein alter Billigfliegertrick. So erscheint man in der Trefferliste der Flugsuchmaschinen wie Swoodoo oder Skyscanner mit attraktiven Preisen schön weit oben. Und extra abgesahnt wird ganz legal dann später im Buchungsvorgang. Der ursprünglich angegebene Preis gilt also etwa nur für Familien, denen es Wurscht ist oder sogar entgegenkommt, wenn sie auf einem 11-Stunden-Flug getrennt und bunt verteilt in der Maschine platziert werden und sich nur zu sehen bekommen, wenn einer mal austreten muss.

Wir haben uns diese Extrakosten für den Flug von Berlin nach Frankfurt gespart. Und haben gelernt: Man bekommt dann prompt die miesesten Plätze. Im Airbus A320-200 sind es bei Lufthansa die in Reihe 5. Die Reihe 5 ist die erste Economy-Reihe hinter der Business. Die zwei Klassen werden ja normalerweise mit einem Vorhang abgetrennt.

Bei Lufthansa ist dieser Vorhang aber mit Plastik verstärkt und hing uns derart dicht vor den Visagen, dass es kaum möglich war, ihn mit den Augen scharf zu stellen. Außerdem hing er starr über dem Fach mit den Zeitschriften vor uns. Wer die Karte mit den Sicherheitsanweisungen entnehmen wollte, müsste ganz schön fummeln.

Apropos Sicherheit: Wer im Vorfeld nicht für seine Platzwahl extra bezahlt, dem wird unter Umständen die mündliche Sicherheitsunterweisung durch die Flugbegleiter verwehrt. Nicht, dass ich diese nicht schon an die dreihundert Mal gesehen hätte. Aber ist es nicht vorgeschrieben, alle Passagiere zu instruieren? Zumindest die, die freiwillig hingucken? Von den äußeren und mittleren Plätzen A, B, E und F in Reihe 5 aus sieht man nichts. Außer dem blauen Vorhang. Oder genauer: Vom Fensterplatz aus sah ich null, mein Nachbar sah, wie er aussagte, "kurz mal die Nase." Fluggäste, die die Sicherheitsmaßnahmen nicht kennen, müssten also streng genommen extra bezahlen, um garantiert von weiter hinten an Bord die Einweisung mitzubekommen. Sicherheit nur gegen Aufpreis.

Oder das Personal kompensiert die baulichen Nachteile an Bord und führt die Show extra noch einmal für Reihe 5 vor. Bislang offenbar noch nicht tarifvertraglich geregelt. Aber jede Lösung wird auf dem Rücken der Angestellten ausgetragen. So viel ist sicher.

Ausbaden, was andere verbockt haben

2. W-Lan funktioniert nicht ordentlich

Schon vor der Reise pries die Lufthansa per E-Mail ihr sagenhaftes W-Lan an Bord an. Ich war auf sagenhafte Gebühren gefasst, aber zu meiner Überraschung gab es gerade ein Angebot: Wer mit Paypal bezahlt, zahlt für 24 Stunden knapp 13 Euro. Ohne Kontingent-Begrenzung. Wunderbar, ich wollte an Bord ein bisschen arbeiten und chatten über den Wolken macht Spaß.

Welche Rechte Fluggäste bei Streik haben

Das Blöde: Eine Bezahlung per Paypal war nicht möglich. Der Telekom-Hotspot forderte uns ständig auf, ein neues Konto anzulegen. Ein Login ins bestehende Paypal-Konto war einfach nicht erlaubt. Zigfach haben wir es probiert: Bevor man auch nur den ersten Buchstaben in die Anmeldemaske eintippen wollte, wurde man plötzlich umgeleitet. Das Spezialangebot war also Schrott. Kein Verlass. Dazu passt das hilflose Schulterzucken des Stewards. Er stand doof da. Denn er fliegt für den Laden und kann doch den Fehler im System nicht korrigieren.

3. Das falsche Essen

Das ist nun wirklich Standard und das können selbst runtergekommene Gammel-Airlines. Bei der Buchung fragen: "Was wollen Sie an Bord essen?" und es dann auch an Bord servieren. Aber Lufthansa hat das überfordert. Das war mir bislang nur einmal passiert. Bei Emirates. Als das an Bord auffiel, füllten die peinlich berührten Stewards Formulare aus, um sicherzustellen, dass der Fehler wenigstens nicht auf dem Anschlussflug und dem Rückflug wiederholte. Mit Erfolg.

Und so lief es bei Lufthansa:

"Wir hatten das vegetarische Asia-Menü bestellt."

Die wirklich sehr freundliche und außerdem sehr hübsche Stewardess: "Oh. Davon weiß ich nichts. Haben Sie sich umgesetzt?" (erster Selbstschutz-Impuls: Hoffentlich ist wenigstens einmal der Kunde schuld.)

"Nein."

"Wo und wann haben Sie das denn bestellt?" (Nächste Chance: Das Reisebüro hat den Fehler gemacht.)

"Auf Ihrer Seite vor einer Woche."

"Tut mir leid, das hat uns an Bord nicht erreicht." (Lufthansa ist schuld.)

Von weitem hörte ich es danach immer wieder sehr freundlich: "Sorry,... no special meal, tut mir leid,... häufiger heute."

Es gab dann Nudeln mit Tomatensoße. Ein Kompromiss, für den an Bord einige Entschuldigungen fällig waren. Für die Kunden eine weitere kleine Lufthansa-Enttäuschung. Für das Kabinenpersonal eine Demütigung. Ausbaden, was andere verbockt haben.

Vertretung eines Flugzeugtechnikers

4. Das Billigmobiliar

Nach dem Essen gingen rings umher die Lehnen nach hinten. Und obwohl ich presste wie in den Wehen, tat sich nichts. Auch bei bei meinem Nebenmann nicht. Und bei meinem Vordermann auch nicht. Die Lehnen blieben oben.

"Das kann nicht sein", sagte der Steward. Also presste ich ihm nach Leibeskräften was vor. Vergeblich. Bei meinem Nebenmann warf er sich förmlich mit ganzem Körpergewicht auf die Lehne. Sie gab nach und ruckte nach hinten. Doch damit war es bei meinem Sitz nicht getan. Ich musste trotz Anschnallpflicht wegen starker Turbulenzen aufstehen und klammerte mich an die Lehne des Hintermanns.

Was Piloten bei Lufthansa, Condor & Co. verdienen
Pilot müsste man sein: Die ganze Welt sehen und dafür noch ordentlich Geld bekommen. Doch Pilot ist nicht gleich Pilot. Zwischen den einzelnen Fluggesellschaften gibt es ein deutliches Preisgefälle. Laut Pilotenvereinigung Cockpit bekommt ein Erster Offizier oder Kopilot anfangs ein Monatsgehalt zwischen 1500 Euro und 5000 Euro brutto. „Ein Kapitän – das wird man nach etwa 3 bis 20 Jahren als Erster Offizier – erhält je nach Luftverkehrsgesellschaft ein Anfangsgehalt zwischen 3000 Euro und 10.000 Euro“, so die Gewerkschaft. Quelle: dpa, Handelsblatt, Unternehmen Quelle: dpa
RyanairDie Piloten des irischen Billigfliegers gehören im Vergleich eher zu den Niedrigverdienern der Branche. 25.000 Euro bezahlt Ryanair seinen Kopiloten zu Beginn. Flugkapitäne ab dem 12. Berufsjahr erhalten anfangs 53.000 Euro. Ihr Maximalgehalt beläuft sich auf 85.000 Euro. Quelle: dpa
Air BerlinDie zweitgrößte deutsche Fluggesellschaft zahlt seinen Kopiloten zum Einstieg 45.000 Euro. Piloten bekommen bei Air Berlin zu Beginn 80.000 und in der Spitze bis zu 115.000 Euro. Quelle: dpa
Condor5050 Euro bekommt ein Condor-Kopilot zum Einstieg im Monat. Das macht eine jährliche Gesamtvergütung von 60.600 Euro. Ein Kapitän verdient zunächst 8700 Euro im Monat beziehungsweise 104.400 Euro im Jahr. In der Spitze kann sein Gehalt auf 135.600 Euro klettern. Quelle: dpa
British AirwaysDas Einstiegsgehalt der BA-Co-Piloten liegt bei 61.000 Euro. Piloten ab dem 12. Berufsjahr erhalten zunächst 77.000 Euro im Jahr. Im Laufe der Zeit kann ihr Gehalt auf bis zu 181.000 Euro steigen. Quelle: REUTERS
LufthansaLufthansa-Kapitäne gehören zu den Bestverdienern und können in der Spitze ein Jahresgehalt von bis zu 255.000 Euro bekommen – Zulagen inklusive. Schon zum Einstieg verdient ein Erster Offizier / Kopilot rund 55.500 Euro, mit Zulagen bis zu 73.000 Euro. Das Einstiegsgehalt eines Flugkapitäns ab dem 12. Berufsjahr beträgt 120.000 Euro. Quelle: dpa

Unterdessen montierte der Steward meinen Sitz auseinander, entfernte das Polster und fummelte im Schein meiner Leselampe im Gestänge herum. Kurz darauf gab die Rückenlehne nach, er baute wieder alles zusammen. Als ich mich setzte, sagte ich: "Ich dachte, das ist ein neuer Jumbo der jüngsten Generation. Und dann so viele Sitze kaputt?"

Der Steward lächelte und zog die Augenbrauen hoch: "Das ist sogar Recaro. Aber ich sag mal so: Man bekommt als Fluggesellschaft das, was man bezahlt."

Und den Rest erledigt mal wieder das Personal. Hier als Steward in Vertretung eines Flugzeugtechnikers.

Bei meinem letzten Flug nach Brasilien stand ich mit anderen Fluggästen in der Bordküche, wir schwatzten und die Stewardessen öffnenden uns die Schränke für den Champagner, bis alles ausgetrunken war. Das war mit Air France.

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Von meinem Lufthansa-Flug wird mir in Erinnerung bleiben: Personal, dass sich ununterbrochen für seinen Arbeitgeber entschuldigen musste. Sonst nichts.

Kunden nerven ist das eine. Das gehört mit einer Teilerstattung des Flugpreises entschädigt. Wer aber seine eigenen Mitarbeiter so nervt, der braucht sich nicht zu wundern, wenn die zurzeit nur an ihre Altersvorsorge denken.

Beim Aussteigen wünschte ich in die sympathische Runde der Lufthanseaten einen schönen Streik in Brasilien. Daraufhin ein Steward: "Hoffentlich geht der Streik sogar bis Sonntag."

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