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Werner knallhart

Nach Hitze-Unwetter: Die Ruhe der Verzweiflung im ICE

Im ICE von Berlin nach Köln zeigt sich: Vielfahrer haben gelernt, ihre Ansprüche dem Niveau des DB-Krisenmanagements anzupassen. Nur Anfänger verlieren bei Verspätungen und kaputten Klimaanlagen noch die Nerven.

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Vielfahrer haben gelernt, ihre Ansprüche dem Niveau des DB-Krisenmanagements anzupassen. Quelle: dpa

7 Uhr 30 - Berlin Ostbahnhof. Woran merkt man, dass es nachts Unwetter gab in Deutschland? Die Bahn kommt so verspätet wie immer, aber die ICE sehen so frisch gewaschen aus.

In fünf Minuten soll der ICE nach Köln abfahren. Der Bahnsteig ist voller Passagiere. Denn, so erzählt mir einer, die zwei Fernzüge vorher sind ausgefallen. Im Internet lese ich, dass über das Wochenende wieder etliche ICE und Intercitys ausgefallen sind, weil die Klimaanlagen ausgefallen sind. Zwar wurden die nach dem Hitze-ICE von Bielefeld vor einigen Jahren  aufgerüstet. Aber offenbar nur von nordschwedischen auf dänische Klimabedingungen. Weil es in Deutschland ja niemals über 35 Grad heiß sein kann. Die Bahn verweist darauf, dass die allermeisten Züge gut gekühlt umher fuhren. Halbgut scheint denen auszureichen.

7 Uhr 42: Weit und breit kein ICE. Einige Menschen blicken routiniert zwischen ihren Armbanduhren und den Anzeigetafeln hin und her. Denn plötzlich wird der ICE nicht mehr auf den elektronischen Tafeln angezeigt. Stattdessen ein RegionalExpress. Weit und breit keine Information zum ICE. Aber warum auch? Kommt der Zug später, hat er Verspätung. Was soll man das extra noch durchsagen? Wir sind hier doch nicht am Flughafen.

Die größten Pannen der Deutschen Bahn
Juli 2015Wegen der großen Hitze sind die Luftkühlungen mehrerer IC-Züge ausgefallen. Anders als im Sommer 2010 reagierte die Bahn diesmal schnell: Sie stellte für die besonders betroffene Linie Berlin-Amsterdam zwei Ersatzzüge bereit. Sie sollen eingesetzt werden, wenn die Luftkühlung in anderen IC auf der Strecke versagt, wie ein Sprecher mitteilte. Außerdem wurden in Osnabrück mehrere Busse stationiert. Dort mussten insgesamt mehrere Hundert Fahrgäste in nachfolgende Züge umsteigen, weil in ihren Zügen die Klimaanlage ausgefallen war. Es habe aber kein Fahrgast gesundheitliche Probleme bekommen, so der Sprecher. Bei etwa einem Dutzend älterer Intercitys auf der Linie Berlin-Amsterdam hatten die Klimaanlagen ihre Arbeit eingestellt. Quelle: dpa
Oktober 2014Ein Warnhinweis sorgt für Lacher, Spott und eine Entschuldigung der Deutschen Bahn: „Cannstatter Wasen: Es ist mit Verspätungen, überfüllten Zügen und verhaltensgestörten Personen zu rechnen“ ist am Samstag auf den Anzeigetafeln an mehreren Bahnhöfen in der Region Stuttgart zu lesen gewesen, wo das Volksfest an seinem letzten Wochenende in diesem Jahr wieder Tausende Besucher anlockte. „Wir entschuldigen uns dafür“, sagte eine Bahn-Sprecherin am Sonntag und bestätigte Online-Berichte der „Stuttgarter Nachrichten“ und der „Stuttgarter Zeitung“. Ein Mitarbeiter habe den Text entgegen aller Vorgaben verfasst. Er werde Anfang der Woche zum Rapport bestellt. Dann solle auch der gesamte Vorgang aufgeklärt werden. Quelle: dpa
August 2013Ein ungewöhnlich hoher Krankenstand in der Urlaubszeit sorgte im August 2013 für ein Fahrplanchaos am Mainzer Hauptbahnhof - und für massiven Ärger bei den Fahrgästen. Die Deutsche Bahn hat für das Chaos am Mainzer Hauptbahnhof wegen massiver Personalprobleme auf Facebook um Entschuldigung gebeten. „Für die derzeitigen Einschränkungen möchte ich mich entschuldigen“, antwortete ein Mitarbeiter in dem Sozialen Netzwerk auf Beschwerden einer Nutzerin. Die Situation sei „wahrlich nicht schön“. Quelle: dpa
August 2013Um dem Problem der häufig verstopften und verdreckten Zugtoiletten Herr zu werden, setzt die Bahn ab sofort neue Reinigungskräfte, sogenannte Unterwegsreiniger, in ICE-Zügen ein. Die Reinigungskolonne, die auf der Fahrt die Toiletten putzt, wird um 50 Beschäftigte auf 250 aufgestockt, wie der Vorstandsvorsitzende DB Fernverkehr, Berthold Huber, ankündigte. Die Mitarbeiter sollen zugleich stärker entsprechend der Zugauslastung eingesetzt werden. Damit würden die Toiletten in besonders gefragten Bahnen mindestens zweimal und damit doppelt so oft auf der Fahrt gereinigt wie bisher. Der Fahrgastverband Pro Bahn und die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) lobten die Initiative, wiesen aber zugleich auf andere Probleme hin. „Neben den kaputten oder dreckigen Toiletten gibt es tagtägliche Kundenbeschwerden vor allem über die Klimaanlagen und Verspätungen“, sagte Pro-Bahn-Bundessprecher Gerd Aschoff. Und das sind nicht die einzigen Pannen der Deutschen Bahn... Quelle: dpa
November 2011Nach der persönlichen Anmeldung im neuen elektronischen Ticketsystem „Touch & Travel“ waren für nachfolgende Nutzer die Kundendaten sichtbar. Quelle: dpa
Juli 2010Am einem Wochenende fallen in mehreren ICE-Zügen die Klimaanlagen aus. Fahrgäste kollabierten, Schüler mussten dehydriert ins Krankenhaus eingeliefert werden. Im Zuge der Panne wurde bekannt, dass die Klimaanlagen der Bahn nur bis 32 Grad funktionieren. Damals fielen in Dutzenden Zügen die Klimaanlagen aus. Quelle: dpa
April 2010 - ICE verliert TürBei voller Fahrt verliert ein ICE auf dem Weg von Amsterdam nach Basel eine Tür. Das Stahlteil schlägt in einen entgegenkommenden ICE ein. Auf der Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen Frankfurt und Köln werden sechs Menschen leicht verletzt. Ursache für den Unfall ist eine lose Stellmutter an der Verriegelung. Foto: dpa

7 Uhr 44: Eine Durchsage. Der ICE hat circa 15 Minuten Verspätung. Außerdem entfällt der Halt im Wolfsburg wegen eines Unwetterschadens. Keine Reaktion unter den Fahrgästen. Das wird offensichtlich ein Vielfahrerzug. Kühe gucken auf der Weide auch nicht mehr auf, wenn das zehntausendste Auto vorbei rauscht.

7 Uhr 45: Der RegionalExpress fährt ein. Die aussteigenden Fahrgäste bekommen von der automatischen Ansage die Anschlüsse eingetrichtert. Unter anderem den zum ICE. Der habe heute allerdings etwa 25 Minuten Verspätung. Ach guck.

8 Uhr 05: Ich suche mir einen Platz im noch geschlossenen Bordrestaurant. Der Zug fährt ab. Schräg gegenüber telefoniert ein Mann und erzählt seinem Kollegen verzweifelt, dass er wegen der ganzen ausgefallenen Züge viel zu spät nach Hannover kommen wird. Da kommt ein Zugbegleiter durch und unterbricht den Fahrgast: "Sie dürfen im Bordrestaurant nicht telefonieren." Der Fahrgast nickt kurz freundlich und telefoniert weiter.

Eine Durchsage macht klar: Der Zug wird wegen des Unwetterschadens vor Wolfsburg so derartig weit umgeleitet, dass die Verspätung in Hannover 90 Minuten betragen wird. Davon war drei Minuten vorher im Ostbahnhof nicht die Rede. Überraschung! Erste Passagiere steigen darauf hin bereits in Berlin Hauptbahnhof stumm wieder aus.

8 Uhr 15: Am Hauptbahnhof wird das Restaurant gerammelt voll. Das ist selten. Aber besser ein teurer Kaffee als in der zweiten Klasse zu stehen. Der ICE befördert jetzt die Passagiere dreier Fernzüge. Die Kellnerin geht durch und entschuldigt sich aufrichtig an jedem Tisch: "Ick bin heute ganz alleine. Das kann etwas dauern." Das tut es auch. Aber man kann ihr nicht böse sein. Erstaunlicherweise ist offenbar das gesamte Frühstückssortiment verfügbar. Crazy!

Kurz darauf spricht ein Fahrgast einen anderen Zugbegleiter vor der ersten Klasse an. Er sei seit 18 Uhr 36 unterwegs, also seit knapp 14 Stunden. Sein Abendzug sei gestern wegen des Unwetters plötzlich wieder nach Berlin zurückgefahren. Nun aber sei die zweite Klasse völlig überfüllt. Ob er nicht ausnahmsweise in der ersten Klasse Platz nehmen könne. Der Schaffner sagt: "Nein, tut mir leid, denn wer weiß, ob überhaupt alle Erste-Klasse-Passagiere Platz finden werden".

Der Passagier klagt daraufhin am Telefon: "Der Mann kennt keine Gnade." So fassungslos klingen nur noch Wenigfahrer. Hier an Bord gelten Regeln!

Interrail-Sommer-Feeling für Business-Reisende

Jetzt kommt die fröhliche Kellnerin endlich zu ihrer ersten Tour durch das Restaurant. Das Bordbistro nebenan bleibt geschlossen. Ein Mann kommt von dort herüber, vielleicht Ende dreißig, und stellt sich in den Gang des Restaurants. Als die Kellnerin vorbeikommt, murrt er im Ton eines Kunden, der wirklich noch denkt, hier im Zug zögen die Allüren eines Königs: "Darf ich bitte was bestellen?"

"Einen Moment bitte", sagt die Kellnerin, und fragt dann die Passagiere am Tisch: "Was darf es bei Ihnen sein?"

Der Mann aus dem Bistro schimpfte dazwischen: "Warum überspringen Sie mich? Ich will auch was bestellen."

"Das ist ein Restaurant. Ick bediene erst einmal die Gäste an den Tischen."

Wo öffentlicher Nahverkehr am teuersten ist
Platz 10: San Francisco und Chicago Wer in der berühmten Cable Car von San Francisco (Foto) oder in der Hochbahn von Chicago unterwegs ist, muss zwei US-Dollar für das günstigste Ticket bezahlen. Das macht den öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) dieser beiden Städte zum zehntteuersten der Welt, hat die Deutsche Bank ausgerechnet. Dafür hat sie die Preise des jeweils günstigsten Nahverkehr-Tarifs in Städten weltweit in US-Dollar umgerechnet und verglichen. Um einzuordnen, wie teuer oder günstig die Preise sind, hat die Deutsche Bank New York als Bezugspunkt gewählt: Die Preise in Chicago und San Francisco sind beispielsweise 20 Prozent günstiger als im Big Apple. Quelle: dpa
Platz 9: Berlin und ParisBerlin teilt sich den neunten Platz mit Paris. In beiden Städten kostet der günstigste ÖPNV-Tarif umgerechnet 2,06 US-Dollar. Das sind gerade mal 82 Prozent des New Yorker Preises. Quelle: dpa
Platz 8: SydneyWer im australischen Sydney im öffentlichen Nahverkehr unterwegs ist, zahlt 2,14 US-Dollar für das günstigste Ticket – und damit 15 Prozent weniger als in New York. Quelle: AP
Platz 7: Edinburgh und OttawaDen siebten Platz teilen sich wieder zwei Städte: Im schottischen Edinburgh und im kanadischen Ottawa (Foto) kosten die günstigsten ÖPNV-Tickets jeweils umgerechnet 2,48 US-Dollar. Das ist ein Prozent weniger als in New York. Quelle: AP
Platz 6: New YorkWer einmal in New York ist, muss in den Central Park, ins Empire State Buildung – und eine U-Bahn-Fahrt mitmachen. Ein Ticket des günstigsten Tarifs kostet 2,50 US-Dollar, was die Deutsche Bank als Bezugspunkt für alle anderen weltweiten Preise genommen hat. Quelle: REUTERS
Platz 5: TorontoIn der größten Stadt Kanadas kostet ein ÖPNV-Ticket des kleinsten Tarifs umgerechnet 2,73 US-Dollar. Damit zahlen Menschen in Toronto neun Prozent mehr als in New York. Quelle: dpa
Platz 4: FrankfurtAuch Deutschlands Bankenmetropole hat es ins Ranking geschafft: Wer mit der S-Bahn vom Hauptbahnhof zum Hauptsitz der Deutschen Bank fahren möchte, muss umgerechnet 2,88 US-Dollar zahlen. Das sind 15 Prozent mehr als der niedrigste Tarif in New York und platziert Frankfurt im weltweiten Vergleich auf Platz 4. Quelle: dpa

Der Mann setzte sich daraufhin mit einer Pobacke auf ein freies Stück Sitzbank und posaunt triumphierend: "Ich sitze! Darf ich dann jetzt bestellen?"

Die Kellnerin ignoriert ihn lächelnd. Bestimmt denkt sie: "Was für ein Autofahrer". Ein Gast flüstert ihr zu: "Nicht aufregen lassen." Sie spitzt die Lippen zu einem stummen Nönö.

Halb 9: Ein Fahrgast, der im Restaurant keinen Sitzplatz mehr ergattern konnte, bittet die Kellnerin stehend um eine Tasse Kaffee. Sie sagt: "Ick kann Ihnen leider keene Sitzplatznummer zuordnen, weil Sie stehen. Ick weeß nicht, wie ick Ihren Kaffee in der Kasse bongen soll. Tut mir leid."

Aber sie hat das warme Herz einer Gastronomin. Fünf Minuten später kommt sie vorbei und raunt zufrieden: "Gleich bringt Ihnen der Service aus der ersten Klasse einen Kaffee. Die bongen nicht auf Sitzplatznummern."

Der Fahrgast kann sein Glück kaum glauben: "Darf ich meine Tasse denn auch ohne Platznummer zwischendurch auf einem Tisch abstellen?"

Die wichtigsten Baustellen der Bahn 2015

Ca. 9 Uhr: Fahrkartenkontrolle. Der Schaffner verteilt Fahrgastrechte-Formulare. Er stempelt "mehr als 60 Minuten Verspätung" ab. Eine Frau beschwert sich: "Aber mit dem ausgefallenen Zug vorab habe ich bald drei Stunden Verspätung. Müssen Sie nicht 'mehr als 120 Minuten' abstempeln?"

"Nee. Das Feld ist nur für Nachtzüge."

Die Frau stutzt kurz, legte eine Mine auf, als wolle sie fragen: "HÄÄ?" Dann fällt ihr ein, wessen Kunde sie gerade ist, sagt "Aha" und geht weg.

Viertel vor 10: Meine Tischnachbarin möchte raus in den Gang, um sich die Beine zu vertreten. Drei Minuten später ist sie wieder da und lacht, als amüsiere sie sich über einen eigenen Denkfehler: "Spazieren gehen macht natürlich keinen Sinn. Die Leute sitzen und liegen ja kreuz und quer im Weg über ihren Koffern. Da kommt ja keiner durch." Interrail-Sommer-Feeling für Business-Reisende. Ach, früher, da sind wir Teenager in Brindisi noch durchs Fenster aus dem vollen Zug ausgestiegen. Dafür müsste man heute die Scheiben mit dem Not-Hammer einschlagen. Aber das macht irgendwie nie jemand.

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11 Uhr 09: Wir sitzen hier alle in Jacken, Fleecepullis und Mänteln. Vor 18 Stunden waren es draußen noch 37 Grad. Und prompt ist es richtig kühl im ICE.

Das ist der Beweis: Die Klimaanlagen funktionieren. Sogar extra lange.

Der Zug hat jetzt schon 125 Minuten Verspätung. Wird er damit zum Nachtzug? Das ist wichtig. Der kostet dann nämlich Zuschlag.

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