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Werner knallhart
Quelle: dpa

Schon das Gedrängel am BER macht urlaubsreif

Der Hauptstadtflughafen ist nur deshalb zeitgemäß, weil er den Menschen das Fliegen verleidet. Ab Sekunde 1 kommen die Leute aus der Verzweiflung über die Zustände nicht mehr raus.

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Es muss schrecklich gewesen sein vergangenes Wochenende. Die erste echte Belastungsprobe seit Eröffnung und alle waren nur am Stöhnen. 65.000 Passagiere sollen es vergangenen Freitag und Samstag jeweils gewesen sein am BER, dieser Drängelbude in Holzbraun. Die BER-Check-in-Halle ist wie ein Macaron zum Kaffee: Zu klein! Passagiere haben in den vergangenen Tagen Videos gepostet von langen Schlangen vor den Check-in-Schaltern. Hunderte Fluggäste haben es deshalb nicht mehr rechtzeitig an die Flugsteige geschafft. Die Flieger flogen ohne sie ab. Weil die Airlines offenbar das Gleiche über den BER denken wie die Passagiere: „Bloß weg!“ Der Hauptstadtflughafen hat versagt.

Vergessen wir nicht: Als der BER einst geplant wurde, war zu hören, die Dimensionen seien ja wohl Ausdruck eines unverhohlenen Größenwahns. Woher sollten denn bitte so viele Passagiere kommen, die von und nach Berlin reisen wollen?

Ja, guten Morgen. Jetzt ist Tegel zu. Allerdings habe ich auch schon Jahre vor der Eröffnung des BER von Experten gelesen, die gesagt haben: Die Haupthalle ist zu klein, da werden sich die Leute so knubbeln, dass sich die Warteschlangen vermischen werden. Und genau das passiert jetzt. Ich habe es einige Tage zuvor ertragen müssen: Nach der langen Phase der Corona-Ruhe ist der kleine BER ein schwitziger, lauter, hektischer Schock.

Wer den BER erlebt, wird anschließend gegen Massentierhaltung sein. Kommt eine S-Bahn oder ein Regionalexpress unter dem Flughafen an, geht das unwürdige Geschiebe los. Und Sie können dann nach dem Aussteigen direkt erkennen, was auf Sie am Ende Ihrer Reise bei der Rückkehr zukommt: Abwärts fahrende Rolltreppen wurden schlicht vergessen und sind bislang nicht nachgerüstet. Dutzende Männer und Frauen mit Sonnenhut und Rucksäcken stolpern einem keuchend und fluchend neben ihren rumpelnden 20-Kilo-Pauschalreise-Rollkoffern die Treppen entgegen, während man auf dem Weg nach oben da steht und denkt: Ist das die Rolltreppe zur Hölle?

Auf der Zwischenebene Richtung Abflug quetschen sich nun noch seitlich weitere eilige Menschen in den Strom der Getriebenen. Hier auf die AHA-Regel „Abstand“ hinzuweisen, wäre so, als würde man im Kino höflich darum bitten, das Saallicht anzulassen.

Am Ende der Fahrt werden oben alle aus der Rolltreppe fleischwolfartig rausgedrückt.

Dann geht die Phase des Eincheckens los. Und die ist ganz schrecklich. Auf den höchstens mittelgroßen Monitoren ergattern die Leute mit halb zusammengekniffenen Augen ihren Check-in-Bereich (während von hinten beständig Menschen-Koffer-Masse aus der Rolltreppe quillt), hasten dann an nicht enden wollenden Menschen-Koffer-Trolley-Schlangen vorbei zu ihrer Schalterreihe, um dann erst ungläubig, schließlich in blanker Urlaubsunlust begreifen zu müssen: Die Schlangen, an denen wir gerade gefühlt minutenlang vorbei gehastet sind, die enden ja an unseren Schaltern! Die sind nur dafür da, dass wir uns hinten anstellen.

In der Hoffnung, noch vor Ablauf der eingereichten Urlaubstage den Koffer loszuwerden, geht es dann den ganzen Weg zurück, quer durch Schlangen hindurch, von denen sich an dieser Stelle nicht mehr nachvollziehen lässt, ob die irgendwo am Horizont zusammenwachsen, oder sonst wo im Elend enden.

Standen wir nun in der richtigen Schlange? Auf ganzen Reihen von Schalter-Monitoren waren einfach keine Airline-Embleme abgebildet. Wir mussten einfach hoffen und unterwarfen uns dem Herdentrieb.

Einige Schlangen kräuselten sich am hinteren Ende ein und kreuzten sich mit Pulken, andere endeten in schnurgerader Linie fast am anderen Ende des Terminals und machten es nötig, dass Männer in knalligen Westen rumliefen, uns Schwei-, uns Menschen fuchtelnd zusammenzutreiben. Solche Schlangenformierungen vorherzusagen, das können nicht einmal Quantencomputer, glaube ich.

Wir Reisenden hatten dann vereinbart, dass einer in der Schlange die drei Koffer mit den Füßen vorschiebt, die anderen beiden Frühstück kaufen und dann auch noch dann an der frischen Luft vor der Haupthalle aufessen würden. Vollgepackt mit Lachswraps, Smoothies und Kaffee von Rewe kam dann aber der Anruf: „Schnell, ihr müsst mir helfen. Die leiten uns jetzt irgendwie um.“

Ein Grund, nicht zu fliegen

Zurück in der Schlange waren offenbar Absperrgurte surrend geöffnet und wieder andere surrend verschlossen worden. Irgendwie standen jetzt alle anders. Der Mittfünfziger im Tanktop mit den lockigen Schultern da drei Kofferhaufen vor uns – hatte der nicht eben noch schräg gegenüber in einer uns im spitzen Winkel entgegenkommenden Schlange gewartet? Mir schwirrte der Kopf. Als wir später an den Schalter kamen, hieß es: Bitte hinter Ihnen die Etiketten für die Koffer selber ausdrucken. Diese Information früher wäre der Knaller gewesen. Also drängelten wir uns in der Schlange wieder zurück Richtung Drucker-Waagen, druckten drei Etiketten aus (obwohl wir nur zwei Gepäckstücke gebucht hatten – fragen Sie mich nicht) und drängelten uns dann wieder vor gegen den Strom von Leuten, die sich nach hinten quetschten, um sich Etiketten auszudrucken.

Irgendwann waren die Koffer eingecheckt. Ich habe kaum Erinnerungen. Danach die Sicherheitskontrollen. Hier wäre die wabernde Menschenmasse nur noch aus Drohnenperspektive als eine durch Absperrgurte und Stangen im Zickzack geführte Schlange zu erkennen gewesen. De facto waren wir ein großes Knäuel Reisevieh erstarrt wartend mit Achselnässe. Es war regelrecht erfrischend, im Nacktscanner kurz die Arme heben zu dürfen.

Dann trafen wir drei uns in der Shopping-Area wieder. Durchschnaufen. Da ist mehr Platz. Da stehen sogar zwei BMW als Werbung. Aber glauben Sie, dass dort jemand von uns die Lust gehabt hatte, gemütlich zu shoppen? Falls ja: nein. Weil: Zu unserem Flug stand da schon „Last Call“. Also eilten wir mit Olympia-Geher-Hüftschwüngen zum Gate. Wobei sich der Weg eher anfühlte wie durch das Starterfeld bei einem Marathon hindurch. Dass unser Gate ganz hinten lag, war einfach Pech. Dass der Getränkeflaschenautomat dort aber abgeschaltet war, war die alleinige Schuld des BER. Die alleinige Schuld! Und wir hatten nach dem langen Airport-Abenteuer echt Durst.

An Bord des Flugzeugs kauften wir uns Wasser, noch bevor wir saßen. Jetzt fühlten wir es in jedem Winkel unseres Körpers: Der BER hatte unsere Seelen weichgeklopft. Bringt mich nach Kreta, gebt mir Retsina, gebt mir irgendwas. Aber vor allem: Fliegt mich hier endlich weg!

Auf der Rückreise wartete auf uns als letzte Etappe unseres Urlaubs der Volkslauf durch die in unserem Weg wartenden neuen Fluggäste und durch Flure des BER zum Gepäckband. Das Gerenne über Treppen hoch und runter tat gut nach der langen Sitzerei (und bei vielen auch die längere Steherei mit eingezogenem Kopf unter den drei Belüftungsdüsen nach Landung, denn die Fahrgasttreppe am BER wollte erst nicht kommen, was ein Luxusproblem war, beschweren sich andere Passagiere doch, am BER gäbe es nicht genügend Shuttlebusse). Eine ältere Dame beklagte sich dann in einem langen Flur auf Englisch bei ihrer Freundin über die dort offensichtlich schon seit geraumer Zeit abgesperrte Rolltreppe mit hell überschlagener Stimme: „And look, this is a brandnew airport!“ Es stimmt wirklich. Das sind die Gesprächsthemen da. Immerhin konnten wir uns alle außergewöhnlich lange am Gepäckband ausruhen (Sowas liegt gegenwärtig laut Flughafenbetreiber an Krankmeldungen beim Bodenverkehrsdienstleister. Da lag „die Personaldecke unter den Planungen“.)

Der BER war jahrelang richtig gemütlich – ohne Passagiere. Aber wegen seiner Enge und des Trubels vor allem im Hauptterminal ist er eine Zumutung. Und bloß nicht an Corona denken!

Dabei stehen zwei funktionsbereite Terminals leer. Der vorerst stillgelegte Flughafen Schönefeld nebenan und das BER-Terminal 2. Aber das alles zu öffnen, kostet viel Geld. Und der BER hat ja keins mehr. Ein Dilemma, ja. Aber eins, das uns zahlende Fluggäste eigentlich null angehen sollte. Wie gesagt: Wegen des ganzen Murkses haben etliche Leute ihre Flüge verpasst!

Der BER ist so gesehen im wahrsten Sinne ein Grund, nicht zu fliegen. Positiv betrachtet: weniger CO2. Und die Wartezeit auf unseren Flughäfen soll ja im Zweifel erstmal noch größer werden. Bis zu acht Stunden wegen des Corona-Verwaltungsaufwands, befürchtet jetzt der Welt-Airline-Verband IATA. Seit dieser Woche bittet die Lufthansa die Kunden, vier Stunden vor der offiziellen Abflugzeit am BER anzudackeln. Die wären im ruhigen Büro bequemer abgesessen.

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Ganz früher haben sich die Leute für eine Flugreise schick gemacht. Dann kam die Billigflieger-Funktionsjacken-Zeit. Am BER empfiehlt sich Wechselunterwäsche. Für den Tag vorm Einsteigen.

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Mehr zum Thema: Der Flughafen BER versinkt im Chaos, nun droht ihm auch noch die Zahlungsunfähigkeit. Ohne Staatshilfe ist der Airport kaum überlebensfähig – doch eine Finanzspritze wäre schwer mit geltendem Recht vereinbar. Flughafen BER: Absturz mit Ansage

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