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Werner knallhart
Quelle: imago images

Tui fliegt Skandinavier klimaneutral, aber Deutsche nicht

Für Kunden aus Europas Norden kompensiert Tui deren CO2-Anteil jetzt ohne Zusatzkosten. Hierzulande sind und bleiben wir Tui-Kunden hingegen CO2-Sünder! Hält Tui uns Deutsche für gewissenlose Klima-Verpester?

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Nach der Europawahl hieß es: Ausgerechnet im Land der Greta Thunberg sind die Grünen abgeschmiert. Sind die Schweden die ganze Klima-Bewegung etwa leid? Im Gegenteil: In Schweden haben schlicht die meisten anderen Parteien das Thema Klimaschutz ebenfalls fett auf der Agenda. Um die Erde zu retten, muss man in Schweden nicht grün wählen.

Und aus Schweden kommt das Wort Flygskam. Flugscham. Den Begriff haben wohl auch die Nord-Strategen von Tui aufgeschnappt und sind dann vorgeprescht. Mir sind vor neidischem Zähneknirschen fast die Kiefer gebrochen, als ich bei meinem letzten Flug nach Stockholm am Flughafen auf riesigen Werbemonitoren gelesen habe: „Buche deinen klima-kompensierten Traumurlaub auf TUI.se

So! Auf dieser Webseite steht dann: „(…) Du kannst deine Flugreise oder deinen Urlaub ohne Extrakosten klimakompensieren, wenn du mit einem unserer Flugzeuge reist oder in einem unserer eigenen Hotels wohnst. (…) Du kannst für den Anfang aus mehr als 2000 Flugverbindungen jährlich und über 200 Hotels auswählen (…) Das ist nicht die komplette Lösung, aber das ist besser als bislang.“

Tui Nord kompensiert dann das CO2 aus dem Kerosin, dem Stromverbrauch der Hotels und dem Fuhrpark der Hotels, indem der Reisekonzern in Indien, Thailand und Vietnam in Sonnen-, Wind -, Wasserkraft und Biogas investiert. Am Boden funktioniert CO2-Reduktion eben leichter als in der Luft. In Zusammenarbeit mit dem schweizerischen Unternehmen South Pole, einem großen Organisator von Umweltprojekten für freiwillige CO2-Kompensation mit nach eigenen Angaben über 1000 Kunden in 20 Ländern.

Kompensation heißt: Die jeweilige Investition fördert Umweltprojekte so, dass diese künftig so viel CO2 zusätzlich einsparen helfen, wie man selber durch seine eigene Reise zusätzlich verursacht hat. Plus-minus-null!

Stimmt die Rechnung denn? Der Papst hat die CO2-Kompensation als „Heuchelei“ bezeichnet. Er müsste es eigentlich wissen, denn sein Laden ist ja der Erfinder des Ablasshandels. Aber er hat einen anderen Vergleich gewählt: Wenn wir CO2-Kompensation betrieben, könnten genauso auch Rüstungskonzerne Krankenhäuser für all jene Kinder einrichten, die ihren Bomben zum Opfer fielen.

Das Christentum hat schon bessere Gleichnisse hervorgebracht. Der päpstliche Bomben-Vergleich ist unfair, weil hier Opfern bereits ein schlimmes Leid zugefügt wurde, das sich nicht mehr rückwirkend ungeschehen machen lässt. Durch die CO2-Kompensation sollen aber Schäden durch den drohenden Klimawandel nicht nachträglich geheilt, sondern von vorne herein verhindert werden.

Gehen wir die Sache also mit Sinn und Verstand an: Ist CO2-Kompensieren so gut fürs Klima wie keinen Urlaub zu machen?

Das von der Stiftung Warentest als beste Kompensations-Agentur ausgezeichnete „Atmosfair“ sagt selber: „Klimaschutzbeiträge sind im Vergleich zum weniger Fliegen nur die zweitbeste Lösung. Der durch Flüge verursachte Klimaschaden kann allein aus physikalischen Gründen (Kondensstreifen und Wolkenbildung) nicht gänzlich wieder ausgeglichen werden.“

Okay, Wasserdampf, Ruß, Luftverwirbelungen et cetera – das ist alles ein Eingriff in die Umwelt. Aber das ist so ähnlich, als würde man Leuten sagen: Einen Mehrweg-Kaffeebecher zu verwenden, verhindert nicht, dass die Kaffeemaschine Strom verbraucht.

Sollen die Agenturen doch auch noch den Klimanachteil durch Kondensstreifen und Wolkenbildung ausgleichen! Das muss doch irgendwie pauschal berechenbar sein. Ich zahle auch gerne drauf, wenn dafür irgendwo anders auf der Welt zusätzlich zum CO2-Sparen auch noch Rußfilter eingebaut werden.

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