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Werner knallhart
Quelle: dpa

TV der Zukunft: Wir brauchen ganz andere Knöpfe auf der Fernbedienung

Viele nutzen ihren Fernseher nicht mehr zum Fernsehen, sondern zum Streamen. Aber die Mediatheken der linearen Sender erreicht man nur über Umwege. Und auch sonst ist Chaos. Die TV-Fernbedienungen brauchen ein Update.

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Als ich 1999 meinen ersten Praktikanten-Job in der Redaktion eines Kinderfernseh-Senders angefangen habe, da hatte der gar keine Website. Wozu auch? „Kinder surfen doch nicht im Internet.“

22 Jahre später sagen uns viele Teenager: „Ich gucke eigentlich gar kein Fernsehen mehr“. Und wären nicht die Eltern, die ihren Kindern aus Tradition das klassische lineare Fernsehen anmachen, Kinder wären zum „was Gucken“ wohl noch mehr online unterwegs als eh schon. Gerade Privat-Fernsehmacher sind froh um alle Kinder und Erwachsenen, die noch klassisches lineares Fernsehen einschalten, weil sich dort die Werbespots oftmals immer noch am lukrativsten verkaufen lassen.

Jeder, der sich ein paar Minuten mit Streaming-Angeboten von Netflix, Prime Video, Apple TV, RTL plus, Joyn oder den prallvollen Mediatheken von ARD und ZDF beschäftigt hat, hat natürlich sofort die neue Art der Selbstbestimmung verinnerlicht: Wozu soll ich mir künftig noch von Programmplanerinnen und Programmplanern vorschreiben lassen, wann ich was zu gucken habe?

Spielfilme, fiktionale Serien, Dokus, Reportagen, Talk, Comedy, Sport, Musikevents, Nachrichten über die Welt und aus der Region. Beruhigend für uns Fernsehleute ist ja: Es sind für viele nicht die Inhalte unattraktiv geworden, sondern die Art ihrer Darreichung. Es geht nicht um den Niedergang, es geht um einen Aufstieg in anderen Kanälen. Viele Programmentwickler gehen davon aus: Zeitloses wie Fiction will bald kaum mehr einer linear mit vorgegebenen Sendezeiten sehen. Aktuelle Nachrichten hingegen haben die beste Qualität direkt bei ihrer Verkündung. Wer Sport nicht live guckt, muss befürchten, das Ergebnis des Spiels zu erfahren, bevor er es gesehen hat. Und Live-Events wie der Eurovision Song Contest schweißen uns weltweit zusammen zu einer Multi-Millionen-Community, wer tut sich das einen Tag später noch an, wenn die Show gelaufen ist?

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    Mal der Einfachheit grob angenommen, die Inhalte bleiben künftig im Wesentlichen gleich und das einzige was sich ändert, ist, dass Programmhinweise nicht mehr verkünden, was wann gesendet wird, sondern ab wann es abrufbar ist, wie kommen wir dann an die Inhalte ran? Mit Blick auf meine Fernseh-Fernbedienung habe ich den Eindruck: Nur mit einer neuen Art von Fernseher.

    Im Moment sehen die meisten modernen Drücker ja so aus: Zwischen allmöglichen Knöpfen, die man niemals drücken würde, gibt es für die Auswahl der Inhalte die von 1 bis 9 und Senderwahl aufwärts/abwärts, den Programmguide mit der Möglichkeit, laufendes Programm von dort aus direkt anzusteuern, dann die Taste für die im Fernseher gespeicherten Apps für alles Mögliche von Disney + über Sky Ticket bis Youtube (die sich dann mit einem Cursor oder mit den Pfeiltasten ansteuern lassen), dann die Vierergruppe in rot, grün, gelb, blau und seit einigen Jahren die neuen Stars der Tastatur: die Knöpfe zu Netflix und Prime Video von Amazon.

    Also Nummern, Farben, Listen, Browser, Streaming-Tasten. Jetzt darf man sich als Mittvierziger auf keinen Fall zurücksehnen in Zeiten, in denen wir zum Umschalten aufstehen und vorlaufen mussten, um am Röhrenkasten Knopf 1, 2 oder 3 zu drücken. Sondern stattdessen müssen wir alle aufstehen und lauthals fordern: Macht den Zugang zu den tollen Angeboten endlich mal so intuitiv logisch, dass man nicht mehr einen halben Tag Urlaub nehmen muss, um herauszuarbeiten, wie man denn nun den hinten in den HDMI-Anschluss gestopften Amazon-Fire-TV-Stick mit der separaten Fernbedienung anschmeißt, um dort dann Apple TV als App zu installieren, oder alternativ Apple TV + als App direkt auf den Fernseher downzuloaden.

    Wir brauchen das Erinnerungsvermögen eines Elefanten, um uns zu merken: Sky Ticket geht über das Appmenü vom Fernseher auf. Apple TV wird mit der Fire-Stick-Fernbedienung gesteuert, wenn wir es über Amazon öffnen, aber mit der Apple-TV-Fernbedienung (oder der App auf dem Smartphone), wenn wir die Apple-TV-Box nutzen oder auch mit der TV-Fernbedienung, wenn die für die Steuerung dieser externen Inhalte geeignet ist.

    Youtube wird entweder direkt als App geöffnet oder über die Browser-App. Netflix und Amazon Prime gehen direkt über die Schnellstart-Tasten der Fernbedienung auf. Aber Achtung: Über die Amazon-Prime-App im Fernseher lässt sich nicht Apple TV öffnen (keine Apps in Apps), sondern eben nur über den Fire-TV-Stick oder über die Apple-TV-Box.



    ARD und ZDF hingehen lassen sich direkt über Amazon Prime öffnen, dann aber sind die rot-grün-gelb-blauen Tasten inaktiv. Die funktionieren nur aus dem linearen Programm heraus, wenn das WLAN geht. Man muss schon Nerd sein…

    Und da ärgert sich Europa, dass die Jugend zu YouTube und Insta abwandert? Ich behaupte: Die gucken alle nicht allein deshalb über die amerikanischen Plattformen, weil dort der Inhalt besser ist, sondern weil die Plattformen praktischer anwendbar sind. Ganz oft ist der Inhalt eben viel, viel schlechter. Aber die guten Reportagen, die seriösen Nachrichten, die aufwändig produzierten deutschen Filme und Kurzserien, die muss man am Fernseher mitunter schon hinter vielen Kurven raussuchen. Über die Mediatheken-Apps oder Streaming-Apps auf Smartphone oder Tablet geht das schon ganz flott, ja. Aber bei denen ist der Bildschirm klein und der Ton dürftig, es sei denn, wir werfen den Inhalt per WLAN auf dem Fernseher, was aber die Fernbedienung wiederum unanwendbar macht. Wechseln Sie dann mal schnell von Apple (Bildschirmsynchronisation) zum ZDF (Kabelfernsehsignal), weil Marietta Slomka live geht. Dafür brauchen Sie dann im Zweifel mehrere Steuergeräte.

    Und ein Youtube-Account etwa behandelt mich als alten Bekannten. Bei der roten Taste im linearen Fernsehen fange ich jedes Mal weitgehend als anonymer Fremder von vorne an.

    Was sagen Sie? Als Konsument hätte ich gerne eine Plattform, bei der ich Mediatheken mit den dazugehörenden linearen Programmen gleichwertig zusammen öffnen kann. Live-Programm als ein Inhalt von tausenden, optisch gerne direkt an den Anfang der Listen gestellt: weil es gerade passiert. Ohne Anwendungsfallen, die mich davon abhalten, es alles auch später anzusehen. Als Fernsehmacher wünsche ich mir dasselbe. Denn eine leicht zugängliche Mediathek wertet das lineare Programm ja nicht inhaltlich ab. Sondern bietet mit perfekt nach meinem Geschmack als Stammkunde sortierten Archiven den Inhalten viel mehr Präsenz nach Präferenz.

    Die ideale Fernbedienung bräuchte demnach keine Programmnummern mehr, sondern Start-Tasten für die Mediatheken samt Pfeiltasten, gepaart mit einer Mikrophon-Taste für akustische Befehle: „Fernseher, zeig mir die Tagessthemen.“ Wo die gerade live oder in der Mediathek zu finden ist, soll das Gerät dann bitte selber wissen. Absurdes Zukunfts-Geflöte? Nö. „Alexa, wie viele Einwohner hat Stockholm?“ funktioniert ja auch.

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    Ich bin guter Dinge, dass es möglich ist, das lineare Fernsehen elegant zu etwas noch Größeren zu machen. Mittelfristig auch und gerade noch auf dem guten alten Fernseher mit dem großen Bildschirm. Es hängt letztendlich an einer neuen Gliederung der Inhalte linear und aus dem Archiv. Die „Fernbedienung für einfach alles“ könnte der Schlüssel dafür sein.

    Den Autor erreichen Sie auch über LinkedIn.

    Mehr zum Thema: „Keine Regeln“, so lautet das Mantra von Netflix-Chef Reed Hastings. Die Besten brauchen kein Urlaubsbudget und keine Spesenverordnung, dafür viel Freiheit. Echt: Was heißt das konkret? Mit diesen 14 Kniffen macht Reed Hastings Netflix erfolgreich.

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