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Werner knallhart

Geschäftsreise im FlixTrain: Powernapping im Hochbett

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Verschlissene Polster und offene Fenster

Der Zugchef von FlixTrain sieht in seiner ausgewaschenen Jeans und mit dem über das grüne Flix-Shirt geworfene etwas zu weite schwarze Sakko auf charmante Art aus wie ein Teenager, der sich am Sonntagmittag schnell etwas überziehen muss, weil der Pfarrer spontan zum Kaffee vorbei kommt. Die weiß-rote Armbinde war ihm ans Handgelenk runtergerutscht, als wollte er sagen: Is halt Vorschrift. Bei der Deutschen Bahn mit Stolz getragen, passt die offizielle Binde irgendwie in der Tat nicht zum Start-up-Flix-Image. Und bei FlixTrain wird eben geduzt. Auf dem WC, auf Schildern im Gang „WC defekt. Sorry, wir arbeiten daran! Nutze solange bitte die Toiletten der anderen Wagen“ und in den Abteilen:

Zug-Selfie an Oma senden? Mit „FlixTrain“ verbinden und los!

Hungrig oder durstig? Wir kommen bei dir vorbei!

Lad dich auf! Steckdosen in jedem Abteil!

Aprospros: die Abteile! Das emotionale Prachtstück der Marke FlixTrain. Denn der Zug fährt mit alten DB-Liegewagen. Und Liegewagen, Schlafwagen – das ist für die Deutsche Bahn bekanntlich Geschichte!

Ja, da gibt es verschlissene Polster und auf der Gepäckablage über der Tür rollt eine halb ausgetrunkene Wasserflasche über einen aus den Schienen gerissenen Vorhang. Und vom Boden unter den Sitzen könnte man essen, so viel fliegt da rum. Doch die Erinnerungen an damals lassen ICE-Vielfahrern wie mir augenblicklich wohlige Hormone ins Blut schießen. Irgendwas mit Jugend offenbar. Zumindest zerre ich mir wie fremdgesteuert die Schuhe von den Füßen, ziehe die Socken aus und klettere in meinem leeren Abteil eine Etage höher. Ich lasse die Nackedei-Füße baumeln. Von oben in meinem Bett. Am Fenster zieht das saftig grüne Sachsen-Anhalt vorbei. Aber ich achte nur auf die blitzend blanken Schwellen des Nachbargleises, wie sie neben uns auf und ab wandern.

Die oberen weich gepolsterten Pritschen, die herunter geklappt sind als edle Gepäckablage, sind wie gemacht für eine Nostalgiefahrt. Es rumpelt, es wird dunkel. Fährt der Zug durch den Tunnel, ist nur das Schlaflicht an. Heller wird es nicht. Die Lichtschalter sind tot. Aber na und? Fast hätte ich mich für ein paar Minuten zum Schlafen flachgelegt (keine Angst vor Taschendieben. Die Abteile lassen sich mit fest installierten Vorhängeketten verriegeln!). Doch im Nachbarabteil hat offenbar jemand das Fenster aufgemacht, denn es wummert und dröhnt zu mir herüber. Natürlich! Die Fenster!

Die FlixTrain-Erfahrung

Wie ein junges Reh springe ich ins Erdgeschoss und betrachte das Fenster: Der Aufkleber mit den Piktogrammen „Keine Flaschen rauswerfen und nicht rauslehnen“ lassen mein Herz höher schlagen. Die Scheiben gehen runter! Ich zerre am einzigen verbliebenen Griff. Der Linke fehlt, da steht nur mit Edding direkt auf die Scheibe notiert: DEFEKT. Verdammt! Ich schnappe meine Tasche und wechsele das Abteil. Da: Ein Fenster mit zwei Griffen. Ich reiße das Fenster runter und stecke den Kopf in den Fahrtwind. In den Fahrtsturm. Das müssen 200 sein. Es reißt mir fast den Skalp vom Schädel, der Mund wird trocken, die Lippen wollen schlackern. Die Luft bebt in den Ohren und eine kleine Fliege schlägt auf meiner Stirn ein. Barfuß stehe ich am Fenster und die Sonne brennt mir ins Gesicht. Juhu, der FlixTrain ist alt, der FlixTrain ist langsam. Aber das kann kein ICE!

Sie hätten das sehen sollen! Die Leute standen an den offenen Fenstern und winkten sich über außen zu – wie Kinder. Oder sie schlummerten auf den weichen Liegen – wie Babys. Schuhe aus, Füße hoch, Embrionalstellung, gute Nacht.

FlixTrain, das ist InterRail für ICE-premium-verwöhnte Vielfahrer 40+. Ich bin bestimmt schon 500 Mal mit dem ICE ins Rheinland gefahren. Aber die FlixTrain-Fahrt war wie ein Kurzurlaub auf dem Weg zur Arbeit. Einmal mit zerrissenen Jeans durch San Francisco, einmal auf zerrissenen DB-Bezügen im eigenen Hochbett von Berlin nach Köln. Und aus allen Zwängen fliehen. Kaffee zwei Euro.

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