Werner Knallhart
Afrikanische Flöße im Europa-Park Rust, die provisorisch auf Österreichisch umgeschmückt sind. Quelle: Marcus Werner

Wie der Europa-Park Kolonialkitsch, Sexismus und Gazprom ausmerzt

Der seit Jahren als weltbester Freizeitpark ausgezeichnete Europa-Park in Rust blickte jahrelang in Altherrenmanier auf die Welt und ihre Geschichte. Das ändert sich jetzt endlich. Gondeln werden ausgetauscht, Logos von Nord Stream 2 sind zugehängt. Angefangen hat alles mit einem Brand in der Piratenbahn.

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Wer einmal im Europa-Park war, der lässt sich nur noch widerwillig ins Phantasialand oder in den Heidepark mitschleppen. Und als einer, der mit dem Europa-Park aufgewachsen ist und ihn hat expandieren und gedeihen sehen, tun mir alle leid, die noch nie da waren.

Der Park ist feinsäuberlich in europäische Länder aufgeteilt, von Spanien bis Norwegen, die liebevoll und mit Blick auf jedes kleine Detail teilweise aus echtem Baumaterial und mit Hilfe von Baumeisterinnen und Baumeistern der jeweiligen europäischen Regionen aufgebaut wurden. Ich habe einem Bekannten aus Athen mal ein Selfie aus dem griechischen Dorf geschickt. Er: „Was machst du denn in Griechenland?“ Das kroatische Dorf soll nächstes Jahr fertig werden – mit einer neuen großen Achterbahn.

Und während man in den anderen Freizeitparks der Welt schon froh sein kann, wenn es statt Hamburgern, Hotdogs und Zuckerwatte zur Abwechslung mal ein paar gebratene Nudeln Thaistyle gibt, können Sie in einem der Europa-Park-Hotels sogar im 2-Sterne-Restaurant „Ammolite“ im Fuße eines Leuchtturms fein dinieren. Das ist einmalig.

Zusammen mit der in Wurfweite gelegenen Wasserrutschenwelt Rulantica und den diversen Themenhotels wird das ein mehrtägiger Kurzurlaub – organisiert von der Familie Mack, die den Europa-Park erfunden hat und die ihn bis heute als Showroom nutzt, um sich in der Branche der Fahrgeschäfte weltweit zu empfehlen. Alles in allem ist der Park ein gigantischer Mittelstands-Traum. Und das Ergebnis einer liebevollen Detailverliebtheit und eines kollektiven Perfektionismus. Jede einzelne Blüte jeder einzelnen der tausenden Stiefmütterchen in den hunderten Beeten scheint mit sorgsamer Hand in die gewünschte Richtung gedreht zu sein.

Umso verstörender mutete lange Zeit an, wie die Macks die Besucher und Besucherinnen – und vor allem auch alle Kinder – auf die Welt jenseits des alpenländischen Kuhglockengeläut, der skandinavischen Fischbrötchen-Bodenständigkeit und dem italienischen Kanalgegondel haben blicken lassen. Da wurden zugunsten der guten Laune historische Zumutungen schöngefärbt. Auf eine Art, die noch in eine Zeit passte, als man den N****kuss Mohrenkopf nannte und dachte, damit sei alles gut. War ja alles nicht so gemeint!

Aber im 21. Jahrhundert? Im Park gab es eine Floßfahrt im sogenannten Abenteuerland. Afrika. Gut gelaunt am Winken waren da lange Zeit im Wesentlichen die fröhlichen Europäer – dann eben nicht mit Lederhose und Dirndl, sondern mit Tropenhelm. Während die schwarzen Puppen in einer Höhle mit grimmigen Gesichtern auf einem Stammesthron saßen oder wie der Orang-Utan in der Piratenbahn gleich an Bäumen hoch und runter kletterten.

Und in einer Strohhütte stand lange Zeit ein Medizinmann in Angst einflößender Kutte und hielt einen menschlichen Totenschädel in der Hand. Da war man froh, dass man Europäer ist.

Die Abenteuerfloßfahrt „Piraten in Batavia“ machte unseren Kleinen im blödesten Fall Lust auf Brandschatzung. Die brutale Unterdrückung Einheimischer wirkte dort einfach wie zum Kringeln. Dort raubten die besoffenen, rauschebärtigen Europäer allerdings Gold, steckten Häuser in Brand und vergingen sich an den Einheimischen.

Batavia heißt heute Jakarta und ist Hauptstadt von Indonesien. Im 17. Jahrhundert ließen die Niederländer die Stadt abbrennen und errichteten auf den Trümmern ihr neues Handelszentrum für Asien. Bis zur Unabhängigkeit Indonesiens von seiner Kolonialmacht 1949 starben tausende Menschen in Kriegen und Massakern, die heute mitunter als Kriegsverbrechen der Niederländer angesehen werden. Im Europa-Park wurde all das putzig verklärt. Und mit sexistischen Anspielungen garniert. Eine animierte Piratenpuppe vergriff sich an einer Indonesierin auf seinem Schoß. Auf den ersten Blick mindestens eine sexuelle Belästigung. Aber nein, sie trällerte glücklich: „Jetzt musst du mich heiraten.“ Der Pirat: „Oh forget it.“ Da wollte der Verbrecher sich ja nicht an die Unterdrückte binden – trotz ihrer Bitten.

Die Haltung des Parks war lange so wie in diesem offiziellen Statement von 2014: „Der Europa-Park möchte seinen Gästen eine möglichst realitätsgetreue Darstellung der einzelnen Themenbereiche vermitteln. Dabei wird bewusst mit Klischees gearbeitet, die sicherlich teilweise auch überspitzt dargestellt werden. Einzelne ältere Attraktionen werden Schritt für Schritt einer Überarbeitung unterzogen. Diese Planungen sind auch für die Attraktion Floßfahrt im Abenteuerland angedacht.“

Und jetzt, acht Jahre später, ist es so weit! Die Macher des Parks haben verstanden und setzen um. Rassistische Klischees und Vorurteile werden ausgemerzt. Der Schaufelraddampfer, der lange „African Queen“ hieß und damit wie das Boot aus dem Spielfilm mit Humphrey Bogart und Katharine Hepburn, der in Deutsch-Ostafrika spielte, wurde kurzerhand zum Donau-Dampfschiff „Franz Josef I“ umgewidmet und macht jetzt eine Kurzfahrt durch das schöne Österreich. Ja, Afrika wurde Österreich zugeschlagen. Aber im guten Sinne. Wo vorher Klischee-Afrika war, zuckeln die Flöße jetzt durch einen kaiserlichen Schlossgarten. Noch ist nicht alles fertig und die Flöße sind noch vermeintlich afrikanisch rustikal aus Baumstämmen zusammengekloppt. Aber bald sollen blumengeschmückte Gondeln im Austria-Stil kommen. Endlich! Das ist das Schöne: In einem Freizeitpark lässt sich die Welt ganz einfach friedlich schöner machen. Warum aber erst jetzt?

von Christian Schlesiger, Max Haerder, Daniel Goffart, Sonja Álvarez

Die heiteren Kolonialverbrechen in „Piraten in Batavia“ wurden auch abgebogen. Das war gleich doppelt nötig, denn die Wasserbahn-Fahrt wurde vor einigen Jahren von einem Feuer zerstört. Der Wiederaufbau war die Gelegenheit, die Aussage ganz neu zu justieren. Nun sind die Fronten klar und die Klischees neu sortiert: Ein hübscher blonder Niederländer mit Kopftuch (warum eigentlich nicht mal eine Piratin?), begleitet von einem animierten Otter (fragen Sie mich nicht warum, aber niedlich ist er), versucht, einen magischen Dolch zu ergattern, lehnt sich gegen die Piraten auf und lässt sich dabei von einer indonesischen Priesterin beraten. Sexuelle Belästigungen kommen nicht mehr vor.

Bleibt zuletzt noch die Sünde, eine europäische Achterbahnfahrt – den BlueFire – jahrelang von Gazprom sponsern zu lassen. Wenn Familien in Zeiten der Energiewende in der Warteschlange immer noch damit bezirzt werden, wieviel Kraft in fossilen Brennstoffen steckt, obwohl die enorme Beschleunigung der Achterbahn ja ausgerechnet durch Elektromagnetismus erzeugt wird. Noch bis zum 24. Februar hieß es online „Blue fire Megacoaster powered by Nord Stream 2“ – Sponsoring durch den russischen Staatskonzern trotz der jahrelangen europafeindlichen, imperialistischen Aggressionen Russlands in der Ukraine. Das passte schon lange nicht mehr zu einem Park, der doch die Vielfalt Europas feiert.

Nun sind die Sponsoring-Tafeln im Park mit weißen Brettern verdeckt. Es sieht halt aus, wie hektisch auf die Eskalation reagiert, statt in Ruhe Maßstäbe setzen zu wollen.

Das große Flaggschiff aller Freizeitparks hierzulande hat sich ein anspruchsvolles Thema ausgesucht: unser freies, vielfältiges, traditionsreiches Europa. (Die anderen Parks haben gar nichts und verzetteln sich in einem Western-Asien-Phantasie-allerlei aus Bauschaum.)

Aber gerade jetzt, in Zeiten von Metoo, der von „Black lives matter“ angestoßenen Rassismus-Debatten, dem Klimaschock und der rückwärtsgewandten Aggressionspolitik Russlands, waren die unterschwelligen (vielleicht sogar ungewollten) Aussagen des Europa-Parks zu wesentlichen politischen Fragen unserer Zeit rückwärtsgewandt: zu Klimaschutz (Gazprom), Völkerrecht (Gazprom), Rassismus (Afrika-Fahrt) und zur Stärkung der Position der Frauen (Piraten in Batavia) – all das wurde im Europapark lange Zeit unbeholfen und falsch beantwortet, vor den Augen der Kinder. Wahrscheinlich nicht absichtlich, sondern eher aus dem fehlenden Bewusstsein heraus, wie einprägsam solche irreführenden Botschaften sind, wenn sie Kindern an einem Tag präsentiert werden, der für viele als einer der schönsten ihres ganzen jungen Lebens erfunden werden dürfte – und der erste Eindruck von fremden Ländern.

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Mittlerweile haben die Macks wohl erkannt, was für einen Einfluss ihre sprechenden Puppen auf Kinder haben. Bei all dem kreativen Potenzial, das die Macks schon so häufig unter Beweis gestellt haben, wäre es doch großartig, wenn sich die großen Visionen auch auf die Botschaften zwischen den Zeilen erstrecken könnten. Für ein geeintes Europa mit einer großen Zukunft – in Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit und gesundem Klima. Es fühlt sich für mich so an, als hätten die Macks hier einen neuen Weg eingeschlagen. Mal sehen, was sie künftig draus machen.

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