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Werner knallhart

Wir essen, saufen, rauchen uns tot – und Berlin schaut zu

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Wie mündig sind die Verbraucher wirklich?

Klar, die Tabakindustrie will nicht, dass Plakatwerbung in Deutschland verboten wird, weil sie sonst die formbaren Minderjährigen als leichte Opfer nicht mehr auf dem Schulweg (plakatierte Bushaltestellen etc.) verführen kann. Also ist Deutschland das einzige Land der EU, wo Zigaretten noch öffentlich beworben werden dürfen. Dass Manager von Tabakkonzernen abends beim Zähneputzen noch ihr Spiegelbild betrachten können, ist kaum vorstellbar. Aber dass die Politik ruhig hält, ist eine Schande auf Kosten unserer Kinder.

Die Zuckerindustrie hat keine Lust auf Umsatzeinbußen. Und Zucker ist groß im Rübenparadies Deutschland. Warum also sollte man überzuckerte Limos extra besteuern wie in Großbritannien, wo daraufhin der Zuckeranteil in Limos sofort von der Industrie gesenkt wurde?
In Großbritannien sind in Sprite 3,3 Gramm Zucker in 100 Milliliter enthalten. In Deutschland 9,1 Gramm. Das Dreifache. Nicht weil die Konsumenten hierzulande auf die Straße gehen und schreien: „Wir wollen 9 Prozent! Wir wollen 9 Prozent!“, sondern weil der Politik die Gesundheit von uns Menschen zu egal ist, um sie zu schützen. Lobby sticht Menschlichkeit.

Sollte nicht eine wie auch immer geartete Grafik auf der Front von Produktverpackungen auf den Zucker-, Salz- und Fettanteil des Lebensmittels oder Genussmittels hinweisen? Ein Zuckerlobbyist sagte mir einst: „Steht doch hinten drauf.“ Und immer wieder der Hinweis: Die Verbraucher seien doch mündig. Wie respektlos!

Gerade sozial schwache, also weniger gut gebildete Bürger werden von Industrie und der Politik links liegen gelassen, was die Gesundheit angeht:
Laut Robert-Koch-Institut sterben Männer, die an der Armutsgrenze oder darunter leben, in Deutschland durchschnittlich 10,8 Jahre früher als Wohlhabende. Der Grund: das riskantere Gesundheitsverhalten. Vor allem ein höherer Tabakkonsum. Rauchen ist ein Problem der Unterschicht geworden. Und die Bundesregierung guckt weg. Medizinische Vorsorge gegen Zuckerkonsum und Bewegungsmangel? Der Gesundheitsexperte der SPD Karl Lauterbach sagte jüngst dem Tagesspiegel: „Da bräuchten wir ein ganz anderes Engagement.“ Ja, dann macht!

Was ist das für eine Freiheit, wenn ich selber bestimmen darf, ob ich mich selber todkrank mache? Ich finde, dieses Recht muss zurücktreten zugunsten des Interesses aller in einer Gesellschaft, in der die von uns allen finanzierte Krankenversicherung auch für die durch Zucker- und Fettsucht, Nikotinabhängigkeit und Alkoholmissbrauch verursachten schlimmen Gesundheitsschäden derer zahlt, die es oft nicht besser wussten. Und die von ihren Volksvertretern alleine gelassen werden.

Ich meine, wir brauchen:
- ein Werbeverbot für Tabak und höhere Tabaksteuern, um unsere Jugend vorm Einstieg zu bewahren
- eine gesalzene Zuckersteuer auf Getränke, damit der Zuckergehalt sofort sinkt.
- faire, übersichtliche Infos über Zucker, Fett und Salz vorne auf Produktverpackungen von Genussmitteln
- eine vernünftige Preispolitik bei hartem Alkohol (zurzeit ist ein Liter Billig-Wodka für unter 9 Euro zu haben).

Aber gerne her mit besseren Ideen! Die zuständigen Politiker, die hier mit den Schultern zucken, sind keine wahren Volksvertreter. Sie haben die Gesundheit viele ihrer Schützlinge auf dem Gewissen, nennen es die Freiheit des mündigen Bürgers und werfen sich vor der Genussmittelindustrie in den Puderzucker. Das haben wir nicht verdient.

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