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Werner knallhart

Wie wir Bahn-Kunden uns rächen können

Warum die Lokführer eigentlich streiken, interessiert doch keine Sau mehr: Die wollen also den Krieg mit den Kunden. Zeit für uns Bahnfahrer, zurückzuschlagen. Ein kleiner Rache-Ratgeber.

Aktuell leiden die Deutschen unter dem Bahnstreik Quelle: dpa

Selber schuld. Der Lok-Führerkult, den die GDL um ihren Chef Claus Weselsky und seine Mitglieder dieser Tage betreibt, mag den Bahnern schmeicheln. Auf Außenstehende wirkt er einfach nur unfassbar anmaßend. Und so treten in der Öffentlichkeit die Ziele der GDL in den Hintergrund. Dank der Lokführer diskutieren die Deutschen stattdessen nun alles von "Ist da jemandem mental ein Radreifen gebrochen?" bis "Sollte man in systemrelevanten Firmen das Streikrecht beschneiden?"

Natürlich macht das Streikrecht Sinn. Durch nettes Lächeln allein gehen die Löhne nicht nach oben. Und es ist bestimmt ein herrlich kribbeliges Gefühl in der Seele der Lokführer, zu beobachten, was für eine Macht sie gemeinsam haben.

In der Lok merkt selbst der Bordcomputer häufig nur, dass ein Lokführer bei der Arbeit ist, wenn dieser in regelmäßigen Abständen auf den Totmann-Knopf drückt, um zu zeigen, dass er nicht eingeschlafen ist.

"Streikbrecher wird zum Kompliment"

Und welcher Fahrgast läuft schon vor an die Zugspitze, um nach der Fahrt Danke zu sagen? Jetzt heißt es: Ohne die Lokführer steht Deutschland still. Geil! Alleine für dieses Ego-Doping hat sich das Streikrecht schon gelohnt.

"Ein ganzes Land in Geiselhaft"
Bundeskanzlerin Angela Merkel empfiehlt ein Schlichtungsverfahren zur Beendigung des Tarifkonflikts. "Es gibt auch die Möglichkeit der Schlichtung, wenn beide Partner zustimmen", sagte die Kanzlerin am Mittwoch in Berlin. Dies hatte die Deutsche Bahn zuvor angeboten. "Ich kann nur an das Verantwortungsbewusstsein appellieren, hier Lösungen zu finden, die für uns als Land einen möglichst geringen Schaden haben - bei aller Wahrung des Rechts auf Streik." Streiks seien eine Möglichkeit der tariflichen Auseinandersetzung, sie müssten aber verhältnismäßig sein, sagte Merkel weiter. Ob dies der Fall sei, darüber könne letztlich nur ein Gericht entscheiden. "Aber es gibt eine Gesamtverantwortung", mahnte Merkel. Gerade im Bereich der Daseinsvorsorge wie dem Verkehr, wo Millionen Bürgern betroffen seien und es um die Zukunft der Wirtschaft gehe, sei von allen Beteiligten ein hohes Maß an Verantwortung notwendig. Quelle: REUTERS
Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt hat die Bahn dazu aufgerufen, notfalls vor Gericht zu ziehen. Der Streik sei unverhältnismäßig und überstrapaziere die Akzeptanz der Bevölkerung in Tarifauseinandersetzungen, sagte Dobrindt am Mittwoch. "Und deswegen muss man, wenn es jetzt nicht zu einer Schlichtung kommt, die Rechtsposition der Bahn wahrnehmen und muss alle Rechtsmittel nutzen." Wenn die Verhältnismäßigkeit nicht gegeben sei, könne dies auch vor Gericht geklärt werden, fügte der CSU-Politiker hinzu. In einem Tarifkonflikt müsse in besonderer Weise auf die Auswirkungen auf Dritte Rücksicht genommen werden. Dobrindt schloss nicht aus, dass die von der Bahn ins Spiel gebrachte Vermittlung durch zwei unabhängige Schlichter zustande kommen könne. Er halte dies für ein "seriöses Angebot", durch das es möglich sei, zu einem Ergebnis zu kommen. Er stehe in direkten Gesprächen mit dem Staatskonzern, fügte der Minister hinzu. Quelle: REUTERS
SPD-Chef Sigmar Gabriel hat die GDL ungewöhnlich scharf attackiert und einen Schlichter zur Beilegung des Konflikts gefordert. Er warf der GDL Missbrauch des Streikrechts vor. "Das Streikrecht wurde in den letzten 65 Jahren in Deutschland von den DGB-Gewerkschaften immer verantwortungsbewusst genutzt - und nur dann, wenn es um Arbeitnehmerinteressen ging", sagte er der "Bild"-Zeitung. "Die GDL hat sich von diesem Prinzip verabschiedet." Den Funktionären gehe es nicht um höhere Löhne oder bessere Arbeitsbedingungen, sondern um Eigeninteressen. "Ich appelliere an die Funktionäre der GDL, an den Verhandlungstisch zurückzukommen", sagte Gabriel. Nötig sei jetzt Verantwortungsbewusstsein auf allen Seiten und ein Schlichter oder Vermittler, um den drohenden volkswirtschaftlichen Schaden abzuwenden. Die SPD steht dem Gewerkschaftslager und vor allem dem DGB gewöhnlich sehr nahe. Quelle: dpa
"visitBerlin"-Geschäftsführer Burkhard Kieker sagte, er könne die Politik des GDL-Vorsitzenden Claus Weselsky nicht nachvollziehen. "Das scheint ein Profilneurotiker zu sein, der ein ganzes Land in Geiselhaft nimmt." Quelle: REUTERS
Die Deutsche Bahn hält den angekündigten erneuten Lokführerstreik für „reine Schikane“. „Dieser Streikaufruf macht nur noch sprachlos“, sagte Bahn-Personalvorstand Ulrich Weber. Das Unternehmen plant wie bei den vorherigen Streiks einen Ersatzfahrplan. So soll etwa ein Drittel des sonst üblichen Zugverkehrs angeboten werden können. Quelle: dpa
"Was derzeit bei der Bahn passiert, ist Gift für den Standort Deutschland", sagte der stellvertretende Hauptgeschäftsführer der Deutsche Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Achim Dercks. "Neben dem Ärgernis für Urlauber führen Streiks im Güterverkehr bereits nach wenigen Tagen zu Produktionsstörungen, weil Bahntransporte oft nicht kurzfristig auf Straßen oder Schiffe verlagert werden können." In Schlüsselbranchen wie der Automobilindustrie sei die Produktionskette komplett auf Just-in-time-Produktion ausgerichtet, bei der Zuliefer- und Produktionstermine genau aufeinander abgestimmt seien. "Warenlager helfen nur die ersten Tage, dann stockt die Fertigung", sagte Dercks. Quelle: dpa
Das Verständnis der Pendler hält sich in Grenzen. Quelle: Screenshot

Aber man kann das, was erlaubt ist, auch missbrauchen. Und insgeheim sagen sich doch Tausende: "Streikrecht super. Aber diesem Dingsbums, diesem Witschnufski oder wie der heißt, dem sollte doch endlich einer das Handwerk legen."

Streikbrecher, früher noch ein Schimpfwort für unsolidarische Opportunisten, ist bei der Bahn mittlerweile ein Kompliment für einen Menschen mit Herz und Verstand.

Na, die Bundesregierung wird da hoffentlich Fakten schaffen. Auf dass die Arroganz der GDL so richtig schön nach hinten losgehe.

Aber bis es soweit ist, bleibt uns Kunden nur, unseren Frust zurückzuleiten. Dorthin, wo er hergekommen ist. In den Zug. Frust über eine vermurkste Woche. Allein in meinem Kollegen- und Freundeskreis entfallen am Wochenende bei rund einem Dutzend Leuten ein Kurzurlaub in Weimar, Reisen nach Berlin zu den Mauerfall-Feiern und ein lange geplantes Treffen unter Freunden in Süddeutschland. Die Leute sind allesamt am Brodeln.

Was die GDL erreichen will

Das schreit nach Rache am streikenden Zugpersonal. Aber nach welchem System? Ich wüsste da was: Missbrauchen Sie doch auch mal das Erlaubte. Nach dem Streik kann es direkt losgehen.

Rache an der Bahn

1. Beginnen wir mit den Lokführern. Der schwierigste Brocken. Die sitzen da vorne in ihrem Kabuff an ihrem Knopf - ganz ohne Kundenkontakt. Ein Kollege machte den Vorschlag: "Auf offener ICE-Strecke vorm anrasenden Zug einen Sprung auf die Gleise antäuschen."

Ich dachte kurz nach: "Och nö, bei dem Herbstwetter sind die Bahndämme so matschig. Das ruiniert die Schuhe. Und ein gefährlicher Eingriff in den Bahnverkehr steht im Strafgesetzbuch. Das ruiniert die Karriere."

Das sind die Bahngewerkschaften GDL und EVG

Nein, die Lokführer missbrauchen ihr gutes Streikrecht, missbrauchen wir doch einfach unser gutes Recht als Kunden. Wir bezahlen unser Ticket für einen Zug, der nach Fahrplan fährt. Kommt er zu spät in den Bahnhof eingefahren, reagieren Sie mit dem von mir so genannten Chronografen-Affront. Stellen Sie sich an den Bahnsteig, halten Sie Ihren Arm in die Luft und tippen Sie vor den Augen des Lokführers mit den Fingern auf Ihre Armband-Uhr. Eine kleine unhöfliche Geste mit großer Wirkung beim Lokführer: Da kommuniziert ein Fahrgast tatsächlich einmal mit ihm und dann gleich solch eine Provokation. Da geht der Puls hoch.

Das Gute: Wie beim Streik den Kunden, trifft es auch hier den Falschen. Denn meistens kann der Lokführer gar nichts für die Verspätung. Der fleißige Druck auf den Totmann-Knopf macht den Zug ja auch nicht pünktlicher.

Ich habe die Geste vor Jahren mal zusammen mit Freunden bei einer Straßenbahn ausprobiert, die ohne Info zwanzig Minuten zu spät kam. Vier Leute in einer Reihe am Gleis mit erhobener Uhr. Die Antwort kam nach dem Einsteigen per wutschnaubender Durchsage durch den ganzen Zug: "An die Herren, die gerade so doof an ihre Uhr geklopft haben: Was kann ich denn dafür, wenn auf der Strecke eine Baustelle ist?" Nichts. Aber so wussten wir wenigstens den Grund. Und als kleiner virtueller Tritt in den Hintern taugt die Armbanduhrgeste allemal.

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