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Werner knallhart
Mietroller der Marke Tier am Düsseldorfer Straßenrand Quelle: dpa

Wieso ich meinen E-Tretroller wieder abbestellt habe

Seit Wochen hat unser Kolumnist auf seinen eigenen straßentauglichen E-Tretroller gewartet. Doch der kam und kam nicht. Jetzt will er ihn gar nicht mehr. Weil er verärgert ist und es bessere Alternativen gibt.

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Auf dem Markt für E-Tretroller herrscht auf verstörende Weise Anarchie. Nein, nein, die Vorschriften, wie ein straßentauglicher E-Tretroller beschaffen sein muss, sind seit Mitte Mai klar. Das ist es nicht.

Aber es ist schon kurios, wie es unsere Gesellschaft erschüttert, wenn plötzlich ein neuartiges Fahrzeug in unserem Alltag auftaucht. Man nennt dieses Angstphänomen: ausprobieren.

1. In Deutschland findet man es erstmal bescheuert. Denn es ist ja neu. Jetzt wird erstmal jeder Unfall mit einem E-Tretroller doppelseitig in deutschsprachigen Zeitungen ausgewalzt. Getreu dem Motto: Seht ihr…! Das jüngst als erster schwerer Unfall mit einem dieser neuen E-Scooter in den Online-Boulevardmedien regelrecht entzückt aufgegriffene Unglück in Ostwestfalen war in Wahrheit gar keins mit einem dieser neuen Roller. Es war ein größeres dreirädriges Fahrzeug mit Führerscheinpflicht, wie es es schon lange vorher gab. Aber wir wollen nun einmal, dass sich unsere Bedenken bestätigen. Vor allem die Gefahr für Fußgänger. Es bahnt sich an: Noch vor dem richtigen Klimawandel sind wir alle längst totgerollert worden. Übrigens: Autos sind viel gefährlicher.

2. Einige Händler verklausulieren nun in den Produktbeschreibungen die fehlende Straßenzulassung ihrer mittlerweile wegen der neuen Gesetze veralteten Fahrzeuge und schreiben Dinge im Stil von „neue urbane Mobilität“. In Wirklichkeit darf man mit den allermeisten alten Rollern aber gerade einmal die vier Meter von der Haustür bis zur Pforte im Vorgarten rollen. Auf Privatgrundstücken also. Oder sie schreiben: Die Geräte seien „leicht genug, um den Elektroscooter nahezu überall mit hinnehmen zu können.“ (otto.de über den Roller SXT Buddy V2). Aber wohin denn? In den Bus? In den Zug? Wozu? Man darf nach Ankunft mit ihnen ja nicht auf der Straße die letzte Meile zurücklegen.

Gibt man bei amazon.de ins Suchfeld „E-Tretroller“ ein, macht einem die Suchmaschine den Vorschlag „E-Tretroller mit Straßenzulassung“. Klickt man darauf, erscheint eine lange Liste mit mehr als 60 E-Tretrollern – von denen allein auf der ersten Ergebnisseite aber fast keiner eine Straßenzulassung hat. Das ist so, als würde man den Kellner fragen: „Was haben Sie denn an alkoholfreien Cocktails?“ Und der würde dann die Liste mit den hochprozentigen bringen. Muss man erstmal drauf kommen.

3. Die Hersteller kommen mit der Produktion der Roller mit Straßenzulassung ganz offenbar nicht in die Pötte oder zumindest nicht nach. Zwar kann man die Roller hier und da mit wenigen Klicks ordern. Doch der Lieferzeitpunkt liegt mitunter frühestens bei Ende September. Oder die Frist wandert nach Bestellung nach und nach Weihnachten entgegen. Und da beginnt mein Superfrust!

Anders hat es mir nämlich die Firma Moovi aus Hannover versprochen. Die haben einen zwar nicht sehr kräftigen, aber dafür leichten und vor allem für die Straße zugelassenen Roller im Programm. Rund zehn Kilo wiegt der Scooter. Ganz stolz waren die, so früh dran zu sein. So einen Roller wollte ich haben, denn auf meinem Weg zur Arbeit ist zurzeit für viele Monate die Stadtbahn unterbrochen: drei Haltestellen zu Fuß. Für solche Fälle kommt mir ein E-Tretroller wie gemacht vor. Plus: Mit meinem Erfahrungsbericht zum eigenen straßentauglichen Roller per WirtschaftsWoche-Kolumne würde ich früh dran sein. Alle anderen schreiben bislang über den Untergang Berlins wegen der Mietroller.

Klick, zack, bei Amazon bestellt. Kostenpunkt: knapp 750 Euro. Das war Mitte Juni. Lieferzeitraum: 24. oder 25. Juli. Damit war Moovi unter den ersten, die liefern würden.

Aber jetzt gucken Sie mal bitte auf den Kalender. Tja, guten Morgen. Und wer hat keinen Roller? Ja…

Ich rief bei Amazon an. Amazon schrieb Moovi an. Moovi schrieb mich an und bat um ein paar mehr Tage Geduld. Hatte ich mich gerade seelisch daran gewöhnt, hingehalten zu werden (Start-ups kann ich nicht so schnell böse sein), erreichte mich eine weitere E-Mail. Von Amazon: „Guten Tag, wir müssen Ihnen leider mitteilen, dass Ihre Bestellung beim Verkäufer Moovi E-Scooter storniert wurde.“ Ich solle bei Bedarf doch neu bestellen.

Hä? Ich wiederhole: Hä? Das hatte ich ja noch nie. Und dann auch noch kurz nach der Mail mit der Bitte um Geduld …

Die E-Scooter sind los

Sie merken: Genau genommen habe also nicht ich den Roller abbestellt, sondern der Verkäufer. Aber ich habe nicht neu bestellt. Ha! König Kunde! Und das kam so: Ich rief einen der Gründer von Moovi an. Ergebnis: Großes Sorry! Der Ansturm sei gewaltig. Tausende Roller ließen sich nicht so schnell an die neue Gesetzeslage anpassen. Tausende? Wie viele sie denn schon ausgeliefert hätten? Keinen einzigen. Aha. An der Masse allein kann es also nicht liegen. Neuer Liefertermin von Moovi auf Amazon: 26. August. Mal eben einen Monat später. Meine Eltern hätten den Roller schon zu meiner Geburt bestellen sollen.

Aber die anderen Hersteller hätten ähnliche Probleme, heißt es bei Moovi. Die Konkurrenz, die Konkurrenz. Deren Roller sind mir zu schwer (oft 14 Kilo aufwärts), zu klobig oder zu hässlich lackiert.

Ich rieb mir wie ein Meisterdetektiv nachdenklich die Nase und zählte eins und eins zusammen. Es dauerte nicht lange und mein Zeigefinger stellte das zuckende Kreisen über dem Button zur neuen Bestellung bei Amazon ein. Ich wollte gar keinen Roller mehr kaufen. Keinen Moovi bei Amazon, keinen SXT bei Otto, ach: Gar keinen. Womöglich würde mir der Roller am Ende im Schneetreiben geliefert. Und wer weiß, was in der Zwischenzeit Saturn, Lidl oder Aldi an mittlerweile längst ausgereiften Geräten zu Spottpreisen auf den Markt geschmissen hätten? Und dann soll ja auch noch im Herbst der zweite, handlichere BMW-E-Roller kommen. Nein, nein, ich bin zwar ein Early Adopter. Aber kein Silly Adopter.

Stattdessen wage ich ein neues Experiment. Ich werde erstmal einen Roller mieten. Aber nicht minutenweise zu Horrorpreisen wie bei Lime, Tier, Voi, Circ und so. Die kleinen Dinger sind wegen der gängigen 1-Euro-Startgebühr pro Fahrt auf sehr kurzen Strecken mitunter teurer als ein ausgewachsenes BWM-Cabrio bei DriveNow (auch bekannt als ShareNow).

Nein, ich miete dann monatsweise. Otto prescht da ja jetzt vor mit seinem Mieten-statt-Kaufen-Angebot NOW. Da sind zugegeben einige Angebote dabei, wo ich mich frage: Was muss man für ein distanziertes Verhältnis zu Geld pflegen, um die zu mieten statt zu kaufen? Mieten Sie etwa eine WMF-Kaffeemühle für 12 Monate, sind Sie bei Otto NOW 80,28 Euro los. Bei Amazon gibt es sie für 103,99 Euro zu kaufen. Und wenn die in der Zeit kaputt geht, nimmt Amazon sie ebenso wie Otto Now zurück.

Aber das Otto-NOW-Angebot mit dem Roller ist schon sehr verlockend: 39 Euro pro Monat. Später irgendwann wohl 49 Euro. Angenommen, der Roller kostet im Handel zwischen 800 bis 1000 Euro (noch ist nicht ganz klar, welche Modelle Otto zur Verfügung stellen wird), dann können Sie das Ding für dasselbe Geld gut und gerne 20 Monate lang mieten. Versicherung und irgendwann auch ein Sicherheitspaket (voraussichtlich mit Helm und Schloss) inklusive. Und geht etwas kaputt, kümmert sich Otto NOW (so wie beim Kauf Otto und Amazon auch). Wer dann nur in den jährlich sieben bis acht halbwegs warmen, hellen Monaten ohne Glatteisgefahr mietet, kommt mit den 20 Monaten fast drei Jahre durch Frühling, Sommer und Herbst. Auch dieses Otto-NOW-Mietangebot ist zurzeit nicht mehr als eine Ankündigung. Aber Ende August soll es los gehen, sagt Otto NOW.

Also warte ich, miete ich und wenn ich merke: Ein E-Tretroller auf der letzten Meile, im Zug, im Kofferraum ergibt wirklich Sinn für mich, dann kaufe ich. Als late adopter zwar, aber ich hatte ja auch kaum eine Chance.

Mehr zum Thema: E-Scooter sollen den städtischen Verkehr revolutionieren, Start-ups und Konzerne hoffen auf Big Business. Doch wie nachhaltig ist das Geschäft?

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