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„Wir können nicht noch mehr Schulden machen“ Spaniens Wirtschaft am Abgrund

Der Tourismus ist neben der Bauindustrie die größte Triebkraft der Wirtschaft. Durch die Coronakrise ist die Branche aber schwer angeschlagen. Quelle: dpa

Die Coronapandemie könnte Spaniens Wirtschaft noch härter treffen als die Finanzkrise 2008. Die Einbrüche im Tourismussektor reißen das ganze Land in die Misere.

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Endlich hat Luke's Bar in der Altstadt von Málaga nach mehr als zwei Monaten Corona-Zwangspause wieder geöffnet. Am Freitagabend schauen ein paar deutsche Stammgäste vorbei, die in der südspanischen Hafenstadt leben. Von der Terrasse aus sehen sie das Bundesligaspiel Hertha BSC gegen Union Berlin. Phase 1 der staatlich erlassenen Pandemie-Strategie in Spanien macht es möglich. Die Leute dürfen vorerst wieder in den Straßencafés sitzen – nicht überall im Land, aber unter anderem in Andalusien und natürlich mit Abstand.

Für den urkölner Barbesitzer Luke ist das ein Tropfen auf den heißen Stein. „Schön, dass wir wieder öffnen können. Aber die wenigen Gäste, die wir haben, nutzen ja nicht viel. Wir leben hier vom Tourismus. Ohne den geht hier alles zugrunde“, sagt der 52-Jährige, der seit 15 Jahren in Malaga lebt. Er hat schon die dramatischen Konsequenzen der Finanzkrise 2008 miterlebt. Was der Region jetzt aber blüht, könnte das noch in den Schatten stellen. Luke wird sich noch ein paar Monate über Wasser halten können ohne Touristen. Aber wenn Corona die Reisebranche langfristig lahmlegt, könnte auch Luke's Bar zu den vielen Gastronomien gehören, die in naher Zukunft pleite gehen werden und dabei Zehntausende Existenzen und Arbeitsplätze mit in den Abgrund reißen.

Schon jetzt geht es für Spanien nur noch um Schadensbegrenzung. Der Tourismus ist neben der Bauindustrie die größte Triebkraft der Wirtschaft. An den Küsten zwischen Barcelona und Tarifa tummeln sich jedes Jahr Millionen Menschen aus aller Welt und sichern Einkünfte und Jobs im chronisch klammen Königreich. Das gesamte Land wird unter den Auswirkungen der Krise brutal leiden. Doch am schlimmsten erwischt es Andalusien, wo die Jugendarbeitslosigkeit jetzt schon so hoch ist wie fast nirgendwo sonst in Europa. „Unser Problem hier ist, dass wir die Struktur unser Industrie nicht ändern können. Du kannst hier nicht einfach Google oder Mercedes hinlocken. Wenn wir keine Touristen haben, haben wir auch keine Zukunft“, sagt Finanzexperte José Ramón Sánchez von der Uni Málaga.

Die Zentralregierung in Madrid ist am Limit ihrer Möglichkeiten. Ihr Haushaltsdefizit riss nach 2008 jahrelang die Drei-Prozent-Hürde der Europäischen Union. Erst in den vergangenen beiden Jahren blieb es knapp darunter. Für 2020 sollte es eine Punktlandung geben. Doch jetzt macht das Corona-Desaster die Planung zunichte. „Wir stecken immer noch in der Erholungsphase nach der Finanzkrise. Wir können nicht noch mehr Schulden machen. Wir können nur hoffen, dass Europa uns da rausholt“, sagt Sánchez.

Das 750-Milliarden-Hilfspaket, das die EU am Mittwoch vorschlug, ist ein Hoffnungsschimmer. 77 Milliarden Euro davon würden als Zuwendungen an Spanien fließen, die nicht zurückgezahlt werden müssten. Doch reicht das aus, um die hinterlassenen Schäden zu reparieren und zusätzlich mit neuen Investitionen eine Perspektive für die Zukunft zu schaffen? Allenfalls wenn die Tourismusbranche in Kürze wieder Fahrt aufnimmt.

Oliver Drexhage vom deutschen Reiseveranstalter CTS kann aus seinem Büro im niedersächsischen Lemgo zurzeit wenig Hoffnung machen auf kurzfristige Besserungen. „Die Nachfrage ist zum Erliegen gekommen und wir wagen momentan keine Prognose, wie es weitergeht. Die Frage ist ja nicht nur, wann das Reisen in Europa wieder problemlos möglich wird, sondern auch, unter welchen Umständen“, sagt Drexhage. 500 Gruppenreisen nach Spanien mit 15.000 Urlaubern hatte CTS für das laufende Jahr 2020 bereits organisiert. Der Großteil davon ist bereits abgesagt.

Die Vertragspartner von CTS vor Ort geraten deshalb akut in Existenznot. Abgesagte Reisen bringen den kleinen Unternehmen keine Provisionen. Agenturen, Hotels oder Restaurants benötigen dringend staatliche Hilfe. Viele haben das Kurzarbeitergeld ERTE (Expediente de Regulación Temporal de Empleo) für ihre Angestellten beantragt. Anders als in Deutschland zahlt nicht die Firma die Arbeitnehmer weiter und holt sich das Geld vom Staat zurück. Stattdessen wird der Arbeitnehmer freigestellt und vom Staat bezahlt. Aber viele Arbeitnehmer warten noch immer auf die Auszahlung.

Die Schlangen vor den karitativen Einrichtungen im Land, die den unbezahlten Familien ein paar Grundnahrungsmittel gewähren, werden immer länger. Die Hilfsorganisation Oxfam rechnet damit, dass die wirtschaftlichen Folgen des Corona-Ausbruchs 500 Millionen Menschen weltweit in die Armut reißen werden. Zweifellos zählt Spanien zu den Brennpunkten auf dem europäischen Kontinent.

Der Tourismus hat eine solche Sogkraft, dass er auch die Baubranche in Mitleidenschaft zieht. Bauprojekte sind gestoppt, neue Investitionen vorerst verschoben. „Ich rechne mit einem Umsatzminus von 30 Prozent in diesem Jahr“, sagt der Bauunternehmer Alfonso Fernández aus Marbella, dessen Firma Studio-S Construcciones jeden dritten Arbeiter freistellen musste, weil es nicht genug Arbeit gibt. Vor der Sommersaison bringen viele Hotels, Restaurants oder Anbieter privater Unterkünfte ihre Immobilien normalerweise auf Vordermann. Ein Großteil dieses Geschäfts bricht den Bauunternehmen dieses Jahr weg. Die landesweite Ausgangssperre verzögerte zudem die Fortsetzung öffentlicher Projekte. Mit dem Kurzarbeitergeld ERTE sollen die Firmen eigentlich entscheidend entlastet werden. Doch der Staat ist so knapp bei Kasse, dass er die Bedingungen verschärft hat.

„Wenn der Ausnahmezustand beendet ist, müssen wir die entlassenen Arbeiter binnen sechs Monaten wieder einstellen“, sagt Fernández. Tut der Unternehmer das nicht, muss er dem Staat dessen Ausgaben und die eingesparten Sozialversicherungsbeiträge zurückzahlen. Und das trotz der nahezu sicheren Umsatzeinbußen. „Es ist schwer zu sagen, wie viele Firmen in einem Jahr bankrott sein werden. Aber es wird sehr wahrscheinlich eine ganze Reihe von Mittelständler erwischen.“ Zumal die Banken auch Kredite keineswegs mit der Gießkanne verteilen. Wer keine Liquidität aufweisen kann, hat schlechte Karten.

Die Konsolidierung Spaniens könnte diesmal noch schwieriger werden als nach der Finanzkrise, weil der Tourismus auf unabsehbare Zeit beeinträchtigt sein wird. Ab Juli dürfen Ausländer zwar wieder ins Land einreisen, ohne umgehend in eine zweiwöchige Quarantäne zu gehen. Doch um eine zweite Corona-Welle zu verhindern, müssen strenge Bedingungen eingehalten werden: Abstandregelungen in Reisebussen, beschränkter Zugang zu Sehenswürdigkeiten, mögliche Badeverbote an Stränden. Das alles kann die Kosten einer Reise erhöhen und die Freude daran schmälern. Bei CTS in Lemgo ist man deshalb vorsichtig: „Wir müssen uns als Veranstalter nach den Vorgaben und Rahmenbedingungen der einzelnen Länder richten. Je nach dem, welche Bedingungen dort herrschen, kann es eine gewisse Zurückhaltung für bestimmte Reiseziele geben.“

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