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Wirtschaftsprüfer „Es geht um Beraterhonorare in Millionenhöhe“

Michael Gschrei Quelle: PR

Michael Gschrei vertritt die Interessen der kleinen Wirtschaftsprüfer. Er fordert die Zerschlagung der großen Gesellschaften – und eine andere Qualitätskontrolle in Deutschland.

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WirtschaftsWoche: Herr Gschrei, in Großbritannien diskutiert die Politik gerade wieder darüber, die großen vier Wirtschaftsprüfungsgesellschaften zu zerschlagen. Prüfungs- und Beratungsgeschäft sollen strikt voneinander getrennt werden. Eine gute Idee?
Michael Gschrei: Absolut. Bei börsennotierten Firmen kommt es darauf an, dass sich die Anleger auf den Geschäftsbericht verlassen können. Deshalb müssen die Wirtschaftsprüfer, die diese Unternehmen prüfen, besonders unabhängig sein. Das ist aber nicht der Fall, wenn es eine Interessenkollision gibt. Und die entsteht, wenn eine große Wirtschaftsprüfungsgesellschaft ein Unternehmen nicht nur prüft, sondern auch berät. Da geht es ja um mehr als um eine Steuererklärung. Da geht es um Beraterhonorare in Millionenhöhe.

Nun würden die „Big Four“, also PWC, KPMG, EY und Deloitte, erwidern, dass sie Beratung und Prüfung intern ganz strikt trennen. Dass es zwei völlig unabhängige Abteilungen sind. Reicht das nicht?
Nein, das lässt sich nie ganz trennen. Schließlich tritt das gesamte Unternehmen als Prüfer auf, nicht eine Abteilung. Und das Geld aus beiden Geschäftsfeldern fließt an dieselbe Gesellschaft. Das Problem habe ich in der Zusammenarbeit mit „Big Four“-Prüfern  selbst erlebt. Wenn da aus dem Vorstand Signale kommen, dass man die Prüfung auch zur Akquise für die Beratung nutzen solle, dann wird es besonders gefährlich. Dann ist die Versuchung  groß, ein Auge zuzudrücken, also nicht unabhängig und sachgerecht zu prüfen.

Aber gibt es solche Interessenskonflikte nicht auch bei Wirtschaftsprüfern, die mittelständische Firmen prüfen?
Da haben wir eine andere Situation. Beim Mittelstand sind ja in aller Regel die Gesellschafter zugleich Geschäftsführer. Sie kontrollieren sich also quasi selbst. Daher muss der Prüfer auch nicht dieselbe Unabhängigkeit haben wie bei börsennotierten Unternehmen.

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Der Vorschlag der Trennung ist ja nicht neu. Der damalige EU-Binnenmarktkommissar Michel Barnier hat bereits 2011 einen entsprechenden Vorstoß gewagt. Warum konnte er sich nicht durchsetzen?
Er ist an der starken Lobbyarbeit der „Big Four“ gescheitert. Auch die deutsche Wirtschaftsprüferkammer war damals sehr aktiv und hat ihren Einfluss in Brüssel geltend gemacht.

Die Wirtschaftsprüferkammer (WPK) überwacht als Berufsorganisation in Deutschland die Qualität der Prüfungen. Sie gelten als ihr schärfster Kritiker. Was stört Sie?
Ich kritisiere, dass die Kammer keine angemessene Selbstverwaltung des Berufsstandes mehr leisten kann, weil ihre Führung nicht repräsentativ besetzt ist. Die Kammer ist gespalten. Und diese Spaltung hat sie selbst vorangetrieben. Bei der letzten Wahl hat meine Liste der kleinen und mittelständischen Wirtschaftsprüfer 37% Prozent der Stimmen erreicht. In der Kammerführung sind wir aber nicht vertreten. Das liegt daran, dass die Kammer stark von den „Big Four“ beeinflusst wird. 

Die WPK dementiert das, und spricht von „Gerüchten, die gestreut werden“. Es entbehre jeder Grundlage, dass sie „Big Four“-dominiert sei. Stattdessen bestehe der WPK-Vorstand mehrheitlich aus Vertretern kleiner und mittelgroßer Praxen.
Es ist naiv zu glauben, nur weil ich eine Einzelpraxis habe, vertrete ich die Interessen der kleinen und mittelständischen Wirtschaftsprüfer. Hinzu kommt, dass einige aus der WPK-Führung lange Karrieren in einer der vier großen Gesellschaften hinter sich haben. Entscheidend ist doch, welche Politik sie vertreten.

Was meinen Sie konkret?
Ich habe in den vergangenen Jahren im Beirat keinen einzigen Vorschlag feststellen können, die Kontrolle der Prüfberichte großer Firmen transparenter zu gestalten. Stattdessen wurde die Qualitätskontrolle für den Mittelstand verschärft.

Schärfere Kontrolle klingt doch erst einmal nach mehr Transparenz.
Aber an der völlig falschen Stelle. Der unternehmerische Mittelstand sollte entlastet werden. Er hatte mit der Finanzmarktkrise nichts zu tun. Deswegen wäre eine stärkere Regulierung überhaupt nicht notwendig gewesen. Wenn etwas funktioniert, muss ich die Regeln ja nicht strenger machen.

Sie selbst waren ja 2011 schon einmal Präsident der WPK. Nach kurzer Zeit haben Sie das Vertrauen ihrer Mitstreiter verloren und sind zurückgetreten. Warum kandidieren Sie erneut bei den jetzt anstehenden Beiratswahlen?
Ich engagiere mich jetzt über 15 Jahre als Interessenvertreter und sehe noch viele offene Baustellen – wie meine Mitkandidaten auf der Gschrei- und Eschbach-Liste auch. Wir kleinen Wirtschaftsprüfer erfüllen eine wichtige Funktion für die mittelständische Wirtschaft. Und ich hoffe, dass das so bleibt. Dafür müsste die WPK allerdings demokratischer und gerechter werden. Das fängt schon beim Beitrag an. Es kann nicht sein, dass Kollegen, die selbst wegen der Überregulierung gar keine Abschlussprüfungen mehr machen, die Qualitätskontrolle der prüfenden Kollegen durch die WPK mit finanzieren. Das ist ungerecht. Die Kammer muss wieder eine Kammer für alle werden.

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