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Zoff zwischen Uber und Bolt „Das geht in Richtung Erpressung“

Bolt-Gründer Markus Villig Quelle: PR

Erpresst Fahrdienstvermittler Uber die Mietwagenfahrer in Berlin, seit das estnische Start-up Bolt nun auch eine Plattform für Fahrdienste anbietet? Uber weicht der Frage aus, Bolt hingegen prüft „rechtliche Optionen“.

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Nicht einmal eine Stunde habe die Konkurrenzsituation angedauert, sagt der Berliner Mietwagenunternehmer, der anonym bleiben möchte: Als das estnische Mobilitäts-Start-up Bolt vergangene Woche Mittwoch seine Plattform für Fahrdienstvermittlung in Berlin freischaltete, erzählt der Mann, meldeten sich nach etwa 30 Minuten die ersten Fahrer bei ihm. Der Fahrdienstvermittler Uber, mit großem Abstand Marktführer in Deutschland, habe ihre Accounts gesperrt. 

Kurz darauf habe ein Uber-Mitarbeiter mehrere der Fahrer angerufen: Man werde die Accounts auf der Uber-Webseite erst wieder freischalten, wenn die Fahrer ihre Accounts beim neuen Konkurrenten Bolt löschen. „Das geht in Richtung Erpressung“, sagt der Unternehmer, der mehrere Fahrer beschäftigt: „Entweder du arbeitest mit denen – oder mit uns. Ich war geschockt. Und eingeschüchtert.“

Kurz nach dem Start des neuen Services seien Bolt in Deutschland so eine mittlere dreistellige Zahl an Fahrern wieder abgesprungen, sagt ein Insider der WirtschaftsWoche. Auch ein zweiter Mietwagenfahrer-Unternehmer bestätigte: „Diese Anrufe von Uber hat es gegeben, Fahrer wurden gesperrt.“ Ein Uber-Sprecher teilt auf Nachfrage mit: „Wir sind dabei, das zu prüfen und werden gegebenenfalls notwendige Maßnahmen treffen.“ 

Zu der konkreten Frage, ob es die Anrufe gegeben hat, äußerte sich Uber zunächst nicht. Stattdessen teilte Uber mit, das Unternehmen begrüße den Eintritt neuer Marktteilnehmer und sei „eine offene Plattform, auf der sich jedes lizenzierte Mietwagenunternehmen, das die regulatorischen und rechtlichen Anforderungen erfüllt“, anmelden könne.

Ein Bolt-Sprecher teilte auf Nachfrage mit, man bedauere sehr, „dass Mietwagenunternehmen (...) aktuell von der Vermittlung von Fahrten von einzelnen Wettbewerbern ausgeschlossen werden. Wir verurteilen die wettbewerbsschädlichen Praktiken, die sich aktuell im Berliner Fahrdienst-Markt ereignet haben.“ Kein Unternehmen, sagt ein Bolt-Sprecher weiter, solle „eine marktbeherrschende Stellung (...) ausnutzen“. 

Alle Partnerinnen und Partner besäßen „die unternehmerische Freiheit zu entscheiden, wie viele und welche Vermittlungsplattformen sie gegebenenfalls gleichzeitig nutzen möchten. Diese Freiheit sollten sie grundsätzlich immer haben. Um auch in Zukunft für alle Mietwagenunternehmen in Berlin die Wahlfreiheit und besten Verdienstmöglichkeiten zu gewährleisten, prüfen wir alle rechtlichen Optionen.“

Bolt wurde 2013 vom Informatiker Markus Villig in der estnischen Hauptstadt Tallinn gegründet, anfangs unter dem Namen Taxify. Das Jungunternehmen ist eine Mobilitätsplattform, auf der sowohl Elektroroller geliehen als auch Fahrten mit Privatautos gebucht werden können. Seit einer Investmentrunde im Mai 2018 über 175 Millionen Euro (als u.a. Daimler und der chinesische Anbieter Didi Chuxing investierten) ist Bolt ein sogenanntes Einhorn, also ein Unternehmen mit einer Bewertung von einer Milliarde Euro. Nach eigenen Angaben ist das Start-up in mehr als 40 Ländern aktiv und hat mehr als 50 Millionen Kunden.

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Auf den deutschen Markt trat Bolt erst Mitte Mai an, zunächst nur mit dem Verleih seiner E-Roller: Das Unternehmen verteilte zum Start rund 15.000 seiner grünen E-Scooter auf neun deutsche Großstädte. Aber bereits seit Wochen, so erzählt es ein Fahrer, habe man in der Szene auch darüber gesprochen, dass Bolt bald auch die Funktion der Fahrvermittlung in Deutschland freischalten würde. Dann seien Aufforderungen an Berliner Fahrer gekommen, Profile für die entsprechende Bolt-Plattform anzulegen, damit sie zum Marktstart gleich buchbar sind. 

Offenbar war auch der große Konkurrent Uber über die Pläne längst im Bilde - und reagierte entsprechend schnell. Die Mietwagenfahrer dürften auch deshalb auf die neue Plattform gehofft haben, weil sie aus Fahrersicht finanziell attraktiver ist: Während Uber rund 30 Prozent Vermittlungsprovision pro Fahrt einbehält, sind es bei Bolt nur rund 15 Prozent.

Die Coronapandemie hat das Geschäft mit Fahrdienstvermittlungen hart getroffen: Laut Crunchbase und Statista fiel der Umsatz mit so genannten Taxi-Apps in Europa von umgerechnet 13,7 Milliarden Euro (2019) auf rund acht Milliarden Euro (2020). In vielen europäischen Städten haben Nutzer jedoch eine breitere Auswahl an Anbietern als in Deutschland, so etwa mit dem indischen Anbieter Ola und dem israelischen Dienst Gett. Laut Business of Apps hat Uber in Europa einen Marktanteil von etwa 60 Prozent. Dahinter folgen Freenow von Daimler und BMW (20 Prozent) und Bolt (10 Prozent).

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