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Zweite Tretroller-Saison in Deutschland Warum in Leipzig noch keine E-Scooter fahren

E-Scooter in Stuttgart Quelle: imago images

Wegen der Coronakrise droht die E-Scooter-Saison hierzulande auszufallen. Dabei arbeiten die Verleiher nun schon mit etlichen – und anfangs skeptischen – Städten zusammen. Nur eine konnten sie noch nicht überzeugen.

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Wer sich in diesen Tagen bei den verschiedenen E-Scooter-Anbietern nach ihrer Zufriedenheit mit dem deutschen Standort erkundigt, der hört von Corona. Natürlich. Wie sollte es anders sein? Die US-Anbieter Lime und Bird haben sich etwa dazu entschlossen, ihre Scooter von den Straßen zu holen. Auch der schwedische Anbieter Voi pausiert mit Ausnahme von ein paar skandinavischen Städten. Nur die Roller von Tier stehen hierzulande noch in reduzierter Flottengröße für die Ausleihe bereit. In Italien, Frankreich, Spanien, der Schweiz und Österreich hat das Berliner Start-up den Betrieb erstmal eingestellt.

Lime etwa kann die Auswirkungen auf das Unternehmen zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht absehen, sehe sich aber in einer guten Position, um die Krise zu überstehen – „auch über einen längeren Zeitraum“, heißt es von dem Start-up. „Wir prüfen alle Möglichkeiten bezüglich Hilfsprogrammen und Kurzarbeitergeld.“

Doch auch fernab von Covid-19 haben die noch jungen Unternehmen in diesen Tagen eine Meinung zum deutschen Standort, sind doch die meisten von ihnen schon seit Juni 2019 hierzulande aktiv und wollten nun eigentlich so richtig in die zweite Scooter-Saison starten. Ihre Deutschlandbilanz fällt – unabhängig von den wirtschaftlichen Einbußen, die Corona für sie birgt – ziemlich positiv aus. Doch das gilt längst nicht für jede große Stadt.

„Ganz grundsätzlich ist unser Verhältnis zu den deutschen Städten weiterhin sehr eng und konstruktiv“, sagt etwa Lime-Deutschlandchef Jashar Seyfi. Bei Voi-Manager Claus Unterkircher klingt das ähnlich: „Wir haben ein ziemlich gutes Verhältnis zu den Städten, da wir an derselben Sache interessiert sind: der Verkehrswende“. Bird-Manager Christian Geßner spricht von „einem Mix aus positiven und negativen Reaktionen auf die E-Scooter“. Aber auch nur, weil „wir mit E-Scootern noch ganz am Anfang stehen“.

Für dieses positive Verhältnis legen sich die Anbieter ganz schön ins Zeug. Sie alle starten in den verschiedenen deutschen Städten nur in Zusammenarbeit mit den Behörden (obwohl sie dazu rechtlich niemand zwingt), unterschreiben freiwillige Selbstverpflichtungen und „nehmen immer an regelmäßigen Roundtables teil“, heißt es von Lime-Chef Seyfi.

Die eine oder andere Stadt, evtwa Bremen oder Stuttgart, zeigte sich zunächst ziemlich skeptisch gegenüber den im Frühsommer 2019 zugelassenen Vehikeln. Die baden-württembergische Landeshauptstadt etwa limitiert die Flottengröße der verschiedenen Scooter-Betreiber und hat Bereiche ausgewiesen, in denen das Ausleihen und Abstellen der Roller nicht möglich sein soll. Die Anbieter halten sich daran. Und versuchen neben dem Gehorsam auch auf andere Art die Städte von den Tretrollern zu überzeugen.

„Wir setzen auch auf unabhängige Dritte“, sagt Voi-Manager Claus Unterkircher. Wir verbinden deutsche Städte gerne mit den zuständigen Behörden in unseren skandinavischen Städten wie Stockholm und hoffen, über diesen Austausch das Vertrauen der deutschen Städte zu bekommen.“ Voi wolle sich nirgendwo aufdrängen, sagt Unterkircher. „Mit einigen Städten tauschen wir anonymisiert Daten aus“, sagt Lime-Chef Seyfi. Das macht auch Bird: „Wir bieten den Städten seit jeher proaktiv sogenannte ‚City-Dashbords‘ an. Das sind anonymisierte Datenpakete zu den Scooter-Fahrten, die den Städten bei der zukünftigen verkehrspolitischen Stadtplanung helfen können“, sagt Christian Geßner. Solche Daten seien für Städte, „die an der Verkehrswende arbeiten wollen, Gold wert“.

In Kontakt mit den Städten quer durch Deutschland stehen die Anbieter ohnehin schon viel länger als erst seit Sommer vergangenen Jahres: Bird und Voi nach eigenen Aussagen schon seit Sommer 2018.

Der letzte Widerstand?

Allerdings: Trotz der vielen Verhandlungen, Kooperationen und freiwilligen Selbstverpflichtungen gibt es für die Scooter-Verleiher in Deutschland noch einen weißen Fleck – und der liegt im Osten der Republik. In Leipzig ist noch kein E-Scooter-Anbieter aktiv. Die sächsische Stadt ist damit die einzige E-Scooter-lose unter den zehn größten deutschen Städten. Und das bald zehn Monate nach dem Start der Roller in Deutschland. Hier stoßen die Verleiher auf die größte Skepsis und Reglementierungsfreude.

Aus den Erfahrungen in anderen Städten habe sich nämlich gezeigt, „dass ein unreglementiertes Anbieten von E-Scootern zu erheblichen Beeinträchtigungen des öffentlichen Straßenraumes führt“, so das Verkehrs- und Tiefbauamt der Stadt. Immerhin dürfen E-Scooter im Gehwegbereich abgestellt werden. Und dies führe dazu, dass „ohne Regel und Kontrolle die E-Scooter ‚wild‘ im öffentlichen Straßenraum nach Belieben ohne Rücksicht auf die anderen Verkehrsteilnehmer abgestellt würden und in zahlreichen Fällen andere Verkehrsteilnehmer im Gehwegbereich“ behindert würden – so das Bild der Stadt zu dem elektrischen Tretroller.

Für dieses schnürt Leipzig gleich ein ganzes Paket an Regulierungen: Der WirtschaftsWoche liegt eine E-Mail aus dem August 2019 vor, die die Stadt an die interessierten E-Scooter-Anbieter geschickt hat. Darin sind die Bedingungen für den Verleih der E-Scooter festgehalten: Nur stationsgebunden, „der Verleiher benennt gegenüber der Behörde einen Ansprechpartner und richtet eine Hotline ein“. Oder: „Das abendliche Einsammeln der E-Scooter darf motorisiert nur mit E-Fahrzeugen oder per Lastenräder durchgeführt werden“. Um nur ein paar der Bedingungen zu nennen. Und: „Bei Nichteinhaltung der Pflichten des Verleihers kann der Vertrag gekündigt werden“, so die klare Botschaft der Stadt an die Verleiher im Sommer vergangenen Jahres. „Ich kenne keine andere große deutsche Stadt, die solch strenge Regulierungen vorsieht wie Leipzig“, sagt ein Brancheninsider.

Der größte Knackpunkt für die Anbieter: Der stationsgebundene Verleih und damit einhergehend die Limitierung der Anzahl an E-Scootern. Der Verleih soll nur an Mobilitätsstationen möglich sein – davon gibt es in Leipzig zurzeit 29. Betrieben werden sie von der Leipziger Verkehrsbetriebe GmbH – freie Hand haben die Start-ups hier also keinesfalls. Zwar sollten laut der Mail aus dem August 2019 „kurzfristig“ 25 weitere Stationen hinzukommen – doch noch immer stehen bislang nur die besagten 29 zur Verfügung. „Pro Mobilitätsstation können insgesamt drei bis fünf E-Scooter Platz finden“, heißt es in der Mail an die Scooter-Firmen.

Mittlerweile – mehr als ein halbes Jahr später – spricht die Stadt zwar davon, dass es je nach Platzangebot „bis zu sechs Abstellplätze“ geben könne. Doch selbst dieser Fall wäre kein Vergleich mit Verhältnissen in anderen Städten: Mal angenommen, dass es an jeder Station tatsächlich sechs Plätze geben würde, dann könnten in Leipzig maximal 174 ausleihbare E-Scooter unterwegs sein. Aufgeteilt auf drei Verleiher, mit denen Leipzig laut eigener Aussage gerade verhandle, kommt ein Anbieter so auf 58 Scooter. Nur zum Vergleich: In Düsseldorf – wo nur etwa 45.000 Menschen mehr leben als in Leipzig – ist die Voi-Flotte allein im Winter 500 Roller stark – im Sommer erwartet Voi hier eine „deutlich vierstellige“ Anzahl an Scootern anbieten zu können.

„Wenn man die von Leipzig geforderte Maximalanzahl der Scooter noch auf die verschiedenen Anbieter aufteilen will, dann muss die Flotte kein professionelles Unternehmen betreiben, sondern das könnte auch ein Student hobbymäßig nebenbei machen – um es etwas überspitzt zu sagen“, urteilt ein Brancheninsider. Auch Stuttgart limitiert die Flottengröße, doch setzt eine ganz andere Obergrenze: Jeder Anbieter dürfe „insgesamt aktuell höchstens 800 E-Scooter beim täglichen Betriebsbeginn aufstellen“, heißt es auf der Webseite der Stadt.

„Wir sind zwar mit Leipzig noch im Austausch“, erklärt Lime-Deutschlandchef Seyfi. „Doch Austausch bedeutet für mich Zusammenarbeit auf Augenhöhe und nicht, dass die Städte Regeln diktieren und wir die allesamt kommentarlos abnicken.“ Immerhin geben sich andere Anbieter optimistischer: „Die strengen Rahmenbedingungen der Stadt stellen für uns nur eine Momentaufnahme dar und wir gehen davon aus, dass auch Städte wie Leipzig sich überzeugen lassen und ohne harte Regulierungen auf den E-Scooter-Zug mit aufspringen“, so Bird-Manager Christian Geßner. Man kann es natürlich auch so sehen wie Claus Unterkircher von Voi: „Es ist schon toll, dass in neun der zehn größten deutschen Städte E-Scooter unterwegs sind.“

In Leipzig selbst klingt der Optimismus so: „Wir gehen zurzeit davon aus, dass der Verleih im zweiten Quartal 2020 startet“, so das Verkehrs- und Tiefbauamt der Stadt Mitte März. Und damit fast ein ganzes Jahr nach dem Start der E-Scooter in Deutschland selbst. Doch mit so konkreten Plänen ist es in diesem Jahr wohl ohnehin schwer.

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