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Digitales Fallbeil Wikileaks kostet immer mehr Top-Manager den Job

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Rauswurf trotz Dementi

Jürgen Rüttgers Quelle: dapd

Kurzen Prozess machen, um die Medienspekulationen zu beenden – das kann bei unbewiesenen Vermutungen oder Falschinformationen nicht die Standardlösung sein. Um Gesetzes- oder Regelverstößen von Managern nachgehen zu können, richteten viele Unternehmen im firmeneigenen Intranet Portale für Hinweisgeber ein. Mitwisser, neudeutsch Whistleblower, sollen brisante Informationen und Anschuldigungen in anonymer Form an den Vorstand geben können.

Diskret und mit der gebotenen Vorsicht geht dann in der Regel die Revision den Anschuldigungen nach. Entsteht allerdings der Eindruck, dass intern gemauschelt statt aufgeklärt wird, spielen Whistleblower das Material Journalisten oder Behörden zu, die dann eigene Recherchen oder Ermittlungen anstellen.

Künftig könnte brisantes Material direkt bei den Enthüllungsplattformen landen. Wie schnell dann selbst angesehene Manager oder Politiker ihr Renommee verlieren, musste der ehemalige Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, Jürgen Rüttgers, in der heißen Phase des Landtagswahlkampfes erfahren. Ein bislang Unbekannter aus Rüttgers Umfeld reichte brisante E-Mails und Unterlagen aus der Zeit nach der Regierungsübernahme im Mai 2005 an die Macher der Web-Seite „Wir in NRW“ weiter, die mit ihren Enthüllungen letztlich der SPD-Herausforderin Hannelore Kraft zum Wahlsieg verhalf.

So zeigten Screenshots von Staatskanzlei-PCs, dass engste Vertraute von Rüttgers Regierungs- und Parteigeschäfte in unzulässiger Weise vermengten. Noch mehr Renommee kostete Rüttgers die Affäre um kostenpflichtige Gesprächsangebote an Sponsoren und die umstrittene Videoüberwachung der Wahlkampfauftritte von Kraft.

Kopf von „Wir in NRW“ ist Alfons Pieper, ehemals stellvertretender Chefredakteur der „WAZ“. Zusammen mit Journalisten, die ihre Artikel in ihrer Freizeit verfassen und mit Pseudonymen wie Peter Panther und Theobald Tiger zeichnen, schreibt er Enthüllungsgeschichten über die Landespolitik in NRW.

Permanente Sticheleien

Portale

Genauso aussichtslos war der Kampf von Ex-Freenet-Chef Eckhard Spoerr gegen die permanenten Sticheleien und Enthüllungen von Lanu (Pseudonym) auf Boocompany. Auf der Seite, die sich als Sammlung negativer Unternehmensmeldungen versteht, war der Flurfunk des Telefon- und Internet-Anbieters Freenet jahrelang das Top-Thema. Später entwickelte sich die Seite auch zum Abladeplatz für Originaldokumente, meist von Freenet, aber auch von anderen Unternehmen.

So veröffentlichte Boocompany als Erster das 940 Seiten starke Dossier des Wirtschaftsprüfers Marc Münch. Offiziell hieß es, Spoerr verlasse das Unternehmen „auf eigenen Wunsch“. Doch der Freenet-Chef, kolportierte Boocompany, kam seinem Rauswurf nur zuvor. Denn wenig später verurteilte ihn das Landgericht Hamburg wegen Insiderhandels zu einer Geldstrafe. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Auch den letzten Akt ließ sich Boocompany nicht entgehen. Wie Günter Wallraff schlich sich Lanu in Spoerrs Abschiedsparty in der Hamburger Bar Rossi ein und filmte mit versteckter iPhone-Kamera. Das Video mit seinen Schlussbemerkungen kursiert bis heute im Internet.

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