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Digitales Fallbeil Wikileaks kostet immer mehr Top-Manager den Job

In den Vorstandsetagen geht die Angst um: Enthüllungen im Internet könnten weitere Führungskräfte um ihre Posten bringen.

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Die Internetseite von Quelle: dapd

Eigentlich wollte Barry Smutny nur kurz „Guten Tag“ sagen, als er am 2. Oktober 2009 die Botschaft der USA am Brandenburger Tor in Berlin betrat. Der frisch berufene Chef der Satellitenschmiede OHB-System hatte soeben bei einem Treffen mit den Spitzen des Bundesverkehrsministeriums erfahren, dass die von ihm geleitete wichtigste Tochter des Bremer OHB-Konzerns wahrscheinlich einen großen Teil der Satelliten für das neue europäische Navigationssystem Galileo bauen darf – ein Auftrag über mehrere Hundert Millionen Euro. Weil bis zur Heimreise nach Bremen noch etwas Zeit war, wollte der 48-Jährige sich nur schnell bei den Amerikanern vorstellen. Schließlich will OHB ihre Satelliten irgendwann auch in die USA verkaufen.

Der Kurzbesuch kostete ihn vorige Woche den Job. Denn über die Enthüllungsplattform Wikileaks gelangten geheime Notizen von US-Diplomaten über das Gespräch in die norwegische Zeitung „Aftonbladet“. Die druckte einige saftige Sätze des Managers: „Galileo ist eine dumme Idee, die nur französischen Interessen dient“, zitieren ihn die Depeschen. Zudem seien die „Frenchies…das Reich des Bösen, das deutsches Wissen stiehlt“ und mit seiner „Spionage Deutschland mehr schadet als Russland und China“.

Smutny ist nicht der Erste, der wegen Enthüllungen auf Wikileaks seinen Posten verliert. Ende vorvergangener Woche musste ein Manager der EADS-Raumfahrttochter Astrium seinen Schreibtisch wegen einer Wikileaks-Depesche räumen. Er hatte amerikanischen Diplomaten erzählt, dass die französische Seite den Bau des deutschen Erdbeobachtungssatelliten Herios torpedieren würde.

Auch dem FDP-Vorsitzenden und Bundesaußenminister Guido Westerwelle blieb nichts anderes übrig, als seinen Büroleiter Helmut Metzner zu feuern. Wikileaks hatte aus geheimen Depeschen von US-Botschafter Philip Murphy Einzelheiten aus den Koalitionsverhandlungen zwischen CDU und FDP berichtet und als Informanten einen „jungen, aufstrebenden Parteigänger“ der FDP genannt. Nach internen FDP-Recherchen gab Metzner zu, der Informant gewesen zu sein.

Anfangs taten die Verantwortlichen Wikileaks-Veröffentlichungen noch als „Klatsch und Tratsch“ ab. Doch inzwischen macht sich Angst in den Vorstandsetagen breit. „Wer wird der Nächste sein, den Wikileaks zum Rücktritt zwingt?“, fragen viele. Denn in den kommenden Wochen rollt auf die Unternehmen eine Enthüllungswelle zu, die es in dieser Form noch nicht gegeben hat.

Geheime Steuerdaten

Barry Smutny Quelle: dpa Picture-Alliance/Carmen Ja

Wikileaks-Sprecher Julian Assange wertet derzeit neue Dokumente aus, die auch deutsche Manager in Bedrängnis bringen könnten. Vergangenen Montag überreichte ihm der Ex-Banker Rudolf Elmer mehrere CDs mit den Daten von 2000 mutmaßlichen Steuerbetrügern, darunter auch einige Konzerne und Multimillionäre aus Deutschland. Während seiner Zeit bei der Bank Julius Bär auf den Cayman-Inseln hatte Elmer geheime Kundendaten gesammelt und später veröffentlicht, um – wie er sagt – die Öffentlichkeit über das wahre Ausmaß des internationalen Steuerbetrugs zu informieren. Über solch eine Steuer-CD aus Liechtenstein stolperte bereits der frühere Post-Chef Klaus Zumwinkel und wurde zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Mit Enthüllungen über mutmaßlich die Bank of America will Assange noch in diesem Monat die Finanzwelt erschüttern.

Weitere Enthüllungsplattformen bereiten ihren Start vor – und wollen mit brisantem Material auf sich aufmerksam machen. Mitte Februar will der ehemalige Wikileaks-Sprecher Daniel Domscheit-Berg mit OpenLeaks eine Alternative eröffnen, die nicht nur – wie Wikileaks – global Relevantes, sondern auch Länderspezifisches mit Schwerpunkt Europa veröffentlicht.

Ähnliche Pläne gibt es in Belgien. So sucht „Brussels Leaks“ nach brisanten Dokumenten aus der EU-Kommission und stellt auf seiner Web-Seite ein verschlüsseltes Kontaktformular bereit. Anders als Wikileaks wollen die unbekannten Macher von Brussels Leaks die Dokumente nicht selbst veröffentlichen, sondern an Medien weiterleiten. Einen ähnlichen Briefkasten richtete die im Ruhrgebiet erscheinende „Westdeutsche Allgemeine Zeitung“ ein: Er solle Zeugen die Möglichkeit bieten, anonym Missstände zu melden, heißt es im WAZ-Internet-Portal „Der Westen“.

Eine Gesprächsnotiz oder interne E-Mail reicht mitunter schon aus, um jemanden zu Fall zu bringen. Dabei ist es unerheblich, ob sich der Verdacht bestätigt oder nicht, wie der Fall Smutny zeigt. Der OHB-Manager dementierte gegenüber der norwegischen Zeitung die zitierten Aussagen und erklärte an Eides statt, das nie gesagt zu haben. Die OHB-Eigentümerfamilie Fuchs glaubte ihm und stärkten ihm öffentlich den Rücken.

Doch drei Tage später musste sie ihn feuern. „Ich persönlich halte das Dementi für glaubwürdig“, sagt OHB-Chef Marco Fuchs. „Aber das spielte am Ende keine Rolle mehr. Es galt, Schaden vom Unternehmen abzuwenden.“ Alles andere als ein fristloser Rauswurf, vermuten Unternehmenskenner, hätte die vielen Kooperationen mit französischen Unternehmen wie dem halbstaatlichen Elektronikkonzern Thales gefährdet.

Rauswurf trotz Dementi

Jürgen Rüttgers Quelle: dapd

Kurzen Prozess machen, um die Medienspekulationen zu beenden – das kann bei unbewiesenen Vermutungen oder Falschinformationen nicht die Standardlösung sein. Um Gesetzes- oder Regelverstößen von Managern nachgehen zu können, richteten viele Unternehmen im firmeneigenen Intranet Portale für Hinweisgeber ein. Mitwisser, neudeutsch Whistleblower, sollen brisante Informationen und Anschuldigungen in anonymer Form an den Vorstand geben können.

Diskret und mit der gebotenen Vorsicht geht dann in der Regel die Revision den Anschuldigungen nach. Entsteht allerdings der Eindruck, dass intern gemauschelt statt aufgeklärt wird, spielen Whistleblower das Material Journalisten oder Behörden zu, die dann eigene Recherchen oder Ermittlungen anstellen.

Künftig könnte brisantes Material direkt bei den Enthüllungsplattformen landen. Wie schnell dann selbst angesehene Manager oder Politiker ihr Renommee verlieren, musste der ehemalige Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, Jürgen Rüttgers, in der heißen Phase des Landtagswahlkampfes erfahren. Ein bislang Unbekannter aus Rüttgers Umfeld reichte brisante E-Mails und Unterlagen aus der Zeit nach der Regierungsübernahme im Mai 2005 an die Macher der Web-Seite „Wir in NRW“ weiter, die mit ihren Enthüllungen letztlich der SPD-Herausforderin Hannelore Kraft zum Wahlsieg verhalf.

So zeigten Screenshots von Staatskanzlei-PCs, dass engste Vertraute von Rüttgers Regierungs- und Parteigeschäfte in unzulässiger Weise vermengten. Noch mehr Renommee kostete Rüttgers die Affäre um kostenpflichtige Gesprächsangebote an Sponsoren und die umstrittene Videoüberwachung der Wahlkampfauftritte von Kraft.

Kopf von „Wir in NRW“ ist Alfons Pieper, ehemals stellvertretender Chefredakteur der „WAZ“. Zusammen mit Journalisten, die ihre Artikel in ihrer Freizeit verfassen und mit Pseudonymen wie Peter Panther und Theobald Tiger zeichnen, schreibt er Enthüllungsgeschichten über die Landespolitik in NRW.

Permanente Sticheleien

Portale

Genauso aussichtslos war der Kampf von Ex-Freenet-Chef Eckhard Spoerr gegen die permanenten Sticheleien und Enthüllungen von Lanu (Pseudonym) auf Boocompany. Auf der Seite, die sich als Sammlung negativer Unternehmensmeldungen versteht, war der Flurfunk des Telefon- und Internet-Anbieters Freenet jahrelang das Top-Thema. Später entwickelte sich die Seite auch zum Abladeplatz für Originaldokumente, meist von Freenet, aber auch von anderen Unternehmen.

So veröffentlichte Boocompany als Erster das 940 Seiten starke Dossier des Wirtschaftsprüfers Marc Münch. Offiziell hieß es, Spoerr verlasse das Unternehmen „auf eigenen Wunsch“. Doch der Freenet-Chef, kolportierte Boocompany, kam seinem Rauswurf nur zuvor. Denn wenig später verurteilte ihn das Landgericht Hamburg wegen Insiderhandels zu einer Geldstrafe. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Auch den letzten Akt ließ sich Boocompany nicht entgehen. Wie Günter Wallraff schlich sich Lanu in Spoerrs Abschiedsparty in der Hamburger Bar Rossi ein und filmte mit versteckter iPhone-Kamera. Das Video mit seinen Schlussbemerkungen kursiert bis heute im Internet.

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