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E.On-Chef Johannes Teyssen im Interview "Ich stehe unter Hochspannung"

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Kosten Stromerzeugung

Sie produzieren 26 Prozent Ihres Stroms mit Atomkraftwerken. Das macht Sie für Ihre Widersacher angreifbar.

Ich sehe genau wie meine selbst ernannten Gegner sehr viele ethische Konflikte beim Umbau der Energiepolitik.

Es ist bemerkenswert, dass Sie als Top-Manager viel von Ethik reden. Dabei widersetzt sich doch die ethische Betrachtung der schnöden Rechenbarkeit von Energieerzeugung, auf die Sie für Ihre Aktionäre Wert legen müssen. Gehen Sie auf Schmusekurs mit der Ethikkommission?

Nicht doch. Was Sie beschreiben, trifft für eine reine Gesinnungsethik zu, nicht aber für Verantwortungsethik. Letztere sieht auch die Auswirkungen einer Energiewende etwa auf Klima, Arbeitsplätze und sozialen Wohlstand. Betrachte ich jede Energieart einzeln, kommt es allerdings zu einem ethischen Automatismus, bei dem ich praktisch jedes Mal „nein“ sagen muss. Jede Energieform hat ihre großen Nachteile: die Kohle den CO2-Ausstoß, die Kernenergie das Restrisiko, die Windräder die vielen Beschwerden von Anwohnern. Erdgas kam im Konzept der Bundesregierung bisher kaum vor, was ich nicht verstehe.

Sie könnten sich doch zurücklehnen und den Politikern sagen, wir erzeugen jeden Strom, den ihr wollt, ob mit Gas oder Windrad, mit Wasserkraft oder mit Kohle aus dem Ausland.

Das wäre reiner Zynismus. Aber Sie haben recht, der breit aufgefächerte E.On-Konzern ist überall an vorderster Position vertreten. E.On ist Nummer eins unter den europäischen Gashändlern und hat in den vergangenen Jahren zwölf Gaskraftwerke gebaut. Auch bei den erneuerbaren Energien sind wir ein nationaler Champion. Wir haben im vergangenen Jahr weltweit jedes zweite Windrad auf hoher See gebaut. Und wer hat sich an Desertec beteiligt, dem Zukunftsprojekt für Strom aus Solaranlagen aus der nordafrikanischen Wüste? Auch wir. Wir sind kein reines Atomunternehmen, wir bieten eine Menge Alternativen. Wir betreiben allein 120 Wasserkraftwerke in Deutschland. Alle sind sich einig, dass die Erneuerbaren künftig eine wichtige Säule sein müssen, ich auch.

Sie sind Jahrgang 1959. Als Sie 1989 bei E.On in Hannover als junger Jurist anfingen, war die deutsche Energiepolitik bereits von einer breiten Anti-Atom-Bewegung dominiert. Sie haben im Gegensatz zu Ihren Vorgängern nie eine Welt erlebt, in der Kernkraft unkritisch gesehen wurde. Wären Sie geeignet, um den Meinungsbildungsprozess zwischen verschiedenen Energieformen zu moderieren?

Oh nein, ich bin kein Moderator, ich bin Unternehmer. Als ich meine Karriere begann, war die Diskussion um die Kernenergie noch aufgeheizter als heute. Die Strittigkeit der Kernkraft ist aber weder ein Grund, mich als finsterer Atomboss zu fühlen – der ich definitiv nicht bin –, noch mich in der Rolle eines Vermittlers zu sehen. Als Unternehmer muss ich mich vor allem um unsere Kunden kümmern. Ein Kunde, der das Land wegen zu hoher Energiepreise verlässt, ist kein Kunde mehr.

Sie sprechen auch für andere?

Ich sorge mich um den Erhalt unserer Industriegesellschaft. Wenn die energieintensive Grundstoff- und Chemieindustrie uns verlassen, ist das für die ganze Wirtschaft schlimm, nicht nur für uns. In einer Wirtschaft ohne Grundstoffindustrie, ohne Stahl- und Aluminiumerzeugung, die sehr energieintensiv ist, gibt es auch keine Werkzeugmaschinen, die bei uns gebaut werden. Dann werden auch keine Windkraftwerke mehr bei uns gebaut. Wer die Metallerzeugung und -bearbeitung nicht versteht, der ist auch nicht kompetent bei den Anwendungstechniken. Am Erhalt dieser Industrien bin ich nicht nur als Lieferant, sondern auch als Staatsbürger interessiert.

Der Chef des Chemieunternehmens Evonik, Klaus Engel, forderte kürzlich, man müsse eine Initiative gründen zum Schutz der industriellen Kerne. Wasser auf Ihre Mühlen?

Ich weiß nicht genau, was Klaus Engel gesagt oder gemeint hat. Aber ein Schrebergartenzaun um die energieintensiven Industrien herum, das trägt nicht. Es darf keine Subventionen geben, keine Schutzräume, für die der Steuerzahler in die Tasche greifen muss. Das wäre auch nicht im Einklang mit EU-Recht, da gäbe es sofort eine Klage der anderen Mitgliedstaaten.

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