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E.On Der erneuerbare Energiekonzern E.On

Der frischgebackene E.On-Chef Teyssen hat drei Vorstände berufen, die nichts Geringeres schaffen sollen, als den Energie-riesen neu zu definieren – Radikallösungen nicht ausgeschlossen.

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E.On Chef Teyssen läutet das Quelle: REUTERS

Sie schwäbelt, wenn sie etwas ganz besonders deutlich machen will, Regine Stachelhaus, 55, die neue Vorständin von E.On, Deutschlands größtem Energiekonzern.

Also schwäbelte sie, als sie die Deutschland-Leitung des US-Computerbauers Hewlett-Packard Anfang 2009 verließ, um die Leitung des Uno-Kinderhilfswerks Unicef in Köln zu übernehmen. „Statussymbole sind mir nicht wichtig“, sagte sie und entfaltete ihr Führungscredo. „Wer als Manager im Großraumbüro sitzt, dem bleibt wenig Wichtiges verborgen. Man muss nicht zwei Sekretärinnen überwinden, um vorzupreschen, sondern man bringt sein Anliegen direkt vor. Ich werde in Köln ein eigenes Büro haben, aber die Tür bleibt offen.“

Die offene Tür scheint Programm zu sein für die Mittfünfzigerin bei E.On. Denn offen ist auch beim größten deutschen Energieversorger sehr viel, eigentlich alles. Stachelhaus ist eine von drei neuen E.On-Top-Managern, die vom frischgebackenen Konzernchef Johannes Teyssen verpflichtet wurden, um nichts Geringeres zu versuchen, als den Düsseldorfer Giganten neu zu definieren.

Teyssen setzt alle Hoffnungen auf Erneuerung, für die das neue Trio an der Konzernspitze steht: Stachelhaus, die unkonventionelle Personalmanagerin, die bei E.On für das Einrennen offener Türen sorgen soll. Jorgen Kildahl, der Norweger, der mehr Kooperationen mit anderen Versorgern in Europa ohne großen Geldeinsatz anknüpfen und damit den Ball für die früher als reich und machtbewusst geltenden E.On-Manager flach halten wird. Und Klaus-Dieter Maubach, der von seiner bisherigen Karriere bei E.On am nächsten dran ist am Chef und quasi dessen Gedanken auch in Abwesenheit lesen kann.

Intelligentere Investitionen

Die drei sollen bei E.On einen radikalen Wandlungsprozess einleiten, der sich auf zwei Ziele verdichten lässt. Das Unternehmen soll europäischer werden und seine über den Kontinent hinausgehenden Beteiligungen infrage stellen. Und E.On soll künftig Atomkraft, Steinkohleerzeugung und erneuerbare Energien effizienter miteinander verbinden. Dadurch soll der wenig geliebte Riese aus dem Westen in der Öffentlichkeit als intelligentes Unternehmen dastehen, das nicht allein auf die Atomkraft fixiert ist.

Die Lasten, die der ehemalige E.On-Chef Wulf Bernotat in den sieben Jahren an der Konzernspitze seinem Nachfolger hinterlassen hat, sind unübersehbar. Zehn Jahre nach der Fusion von Veba und Viag zu E.On und acht Jahre nach dem Einverleiben der früher allmächtigen Ruhrgas AG, gibt es im Konzern mehr ungelöste als gelöste Probleme. Bernotat hatte deswegen nach Ablauf seines Fünfjahresvertrages nur noch einen Zweijahresvertrag und machte jetzt Teyssen Platz.

Der größte Vorwurf an die Adresse Bernotats, der aus dem Aufsichtsrat kommt, lautet „unintelligentes Investitionsverhalten“, wie ein Arbeitnehmervertreter sagt.

Wie halb totes Kapital liegen zum Beispiel die angejahrten Kraftwerke in Sibirien in den Büchern, 6000 Kilometer von der Düsseldorfer Unternehmenszentrale entfernt und von Bernotat im Jahr 2007 erworben. Das damit einst verbundene und erhoffte wirtschaftliche Potenzial lässt sich kaum heben.

Vor der eigenen Haustür dagegen, in Essen, macht dem Konzern das Geschäft mit dem Erdgas zu schaffen. E.On leidet darunter, dass das Gasangebot zurzeit die Nachfrage übersteigt. Die Preise sinken, Kunden verlangen ähnlich wie in der Stahlbranche kurzfristigere Verträge.

Und immer mehr drücken die Nachwirkungen des verkorksten Übernahmekampfes um den spanischen Versorger Endesa im Jahr 2007. Bernotat wollte den ganzen spanischen Konzern mit Beteiligungen in Frankreich und Italien schlucken – für über 40 Milliarden Euro. Er bekam unattraktive Kraftwerkspakete für elf Milliarden Euro. Ungünstige Stromverträge mit spanischen und vor allem italienischen Industriekunden, aber auch überraschende Strom-Steuergesetze in Italien machten den Deal zur Belastung.

Kommunikationstalent Quelle: dpa

Teyssen will mit seinen drei Neuen die Schlacke wegschaffen. Die Aura des ganzen Unternehmens soll verändert werden. Der Vorstand soll weniger arrogant agieren. E.On-Manager sollen handfester, operativer und offener für Neues auftreten. Am Ende des Weges soll ein multinationaler, aber dezidiert eurozentrischer Konzern stehen, der sich mehr auf das Machbare als auf das Wünschenswerte konzentriert. Hochfliegende Beherrschungsträume der Energieversorgung in allen Ecken der Welt sollen ad acta gelegt werden.

Die Auffälligste der neuen E.On-Garde, die Teyssens Wandel durchsetzen sollen, ist Stachelhaus. Die Ex-HPlerin ist für Offenheit, Transparenz und Unkompliziertheit zuständig – also für all das, was sie bei ihrem früheren Arbeitgeber offenbar praktizierte. Bei E.On dagegen bekommt es die kommunikative Frau, gelernte Juristin und Anwältin, mit dem glatten Gegenteil zu tun. Hier sind die Vorstandstüren geschlossen. Eigene Cateringbereiche in der Vorstandsetage verhindern den Gang in die Kantine und damit den spontanen Kontakt mit Gleichgestellten oder gar Subalternen.

Ganz klar, der Kampf von Stachelhaus gilt den erstarrten Riten des Reviers, die bis heute einen Konzern durchziehen, in dem das Arbeitsklima von Dienstwagenklassen, getäfelten Wänden und fester Hackordnung des Managements geprägt ist. „E.On soll wie ein internationales Unternehmen geführt werden, so wie es in Norwegen, Schweden oder Großbritannien die Norm ist“, sagt ein Arbeitnehmervertreter. Dazu gehörten der Abbau von Hierarchieschranken und ein lockerer Umgangston, wie er im Industrierevier an der Ruhr bisher nicht üblich war.

Ökostrom und kohlendioxidarme Elektizität

Dem Norweger Kildahl dagegen obliegt die „energiewirtschaftliche Optimierung des Konzerns über alle Regionen und Produkte hinweg“, wie es offiziell und sperrig heißt.

Im Klartext: Das ihm unterstellte neu geschaffene Ressort soll die Kraftwerksaktivitäten neu ordnen. Der 47-Jährige kommt von Statkraft, dem staatlichen norwegischen Stromkonzern. Kildahl bringt den Sinn für das Naheliegende aus der deutschen Organisation von Statkraft mit, die nicht teure Übernahmen in Mitteleuropa zu ihrem Ziel machte, sondern es mehr auf kostengünstigere Kooperationen anlegte – vor allem mit regionalen Versorgern. Das soll auch als Modell für E.On herhalten. Kildahl soll maßgeblich mithelfen, E.On in jene neue Zeit zu führen, in der in ganz Europa die Kraftwerksparks grundlegend in Richtung Ökostrom und kohlendioxidarmer Elektrizität umgebaut werden.

Dritter im Bunde der Neuzugänge im obersten Leitungsgremium – und zwar als Technologie- und Forschungschef – ist Klaus-Dieter Maubach, der in seinem Arbeitsleben immer dort seinen Dienst versah, wo Teyssen es zu höheren Weihen brachte. Maubachs Karriere fand geradezu in den Fußstapfen von Teyssen statt, er ist fast das Abziehbild von Teyssen. Für Teyssens Ziehsohn ist der 48-Jährige zu alt, als Zwillingsbruder seines ein Jahr älteren Chefs würde der in Wuppertal ausgebildete Elektrotechniker auf den ersten Blick schon eher taugen. Maubach soll Kildahl bei der Neuordnung des Kraftwerkparks helfen, indem er sich um Forschung und Entwicklung kümmert. Der langjährige Teyssen-Fahrensmann wird sich dem CO2-freien Kohlekraftwerk widmen, das er noch vor dem schwedischen Wettbewerber Vattenfall, der bereits eine Forschungsanlage betreibt – und vor dem Rivalen RWE – ans Netz bringen soll.

Im Sommer will Teyssen eine detaillierte Konzernstrategie vorstellen. Die damit verbundenen knallharten unmittelbaren Aufgaben für sein neues Personal-tableau werden jetzt schon deutlich. Investitionsfreuden flauen dabei ab: Die Verschuldung beträgt 44,7 Milliarden Euro – ein Schutz gegen feindliche Übernahmen, aber auch eine Expansionsbremse.

Teyssens Problemzonen

Eine gewaltige Baustelle im E.On-Reich stellt der sibirische Stromproduzent OGK-4 dar, für den E.On 4,6 Milliarden Euro zahlte und dessen Rentabilität in weite Ferne gerückt ist. Die Hoffnung, im Osten auf einen grünen Zweig zu kommen, ist geschwunden, seitdem klar ist, dass Putin den russischen Strommarkt für Gewerbekunden nicht vollständig liberalisieren will.

Und das Brot-und-Butter-Geschäft des Erdgashandels zerbröselt auch noch. Im vergangenen Jahr brach der Umsatz ein, weil Wettbewerb scharf ins Kontor wehte. Die Wettbewerbsbehörden erzwangen den Marktzugang für neue Anbieter, die dem früheren Oligopolunternehmen viele Gewerbekunden abspenstig machten.

Einen Vorgeschmack auf das neue E.On-Feeling gibt das gerade in Schottland vorgestellte Modell eines Wellenkraftwerks. Es setzt die Wellenbewegung des Meeres in Strom um. Noch in diesem Jahr soll eine Anlage den Testbetrieb in Orkney aufnehmen. Die Vorarbeiten dazu wurden zwar von Teyssens Vorgänger Bernotat eingeleitet. Das neue Image will aber der Nachfolger für sich nutzen.

Mit dem Norweger Kildahl glaubt Teyssen für einen solchen Wandel den idealen Mann zu haben. Denn der Betriebswirt und Havard-Absolvent hat seine beruflichen Sporen nicht nur in einem Unternehmen verdient, das sauberen Strom aus Wasserkraft produziert.

E.On und das Raumschiff Orion

Kildahl war auch zuvor acht Jahre lang PR-Manager in der Osloer PR-Agentur Geelmuyden Communications, die Konzepte auch für die Energiewirtschaft entwickelte. Kildahl weiß wie kein anderer um die reinigende Imagewirkung von Wasserkraft-Testanlagen, die E.On vom Ruf des ideologischen Atommeiler-Betreibers befreien sollen. Dann schwindet auch das hässliche Gesicht gegenüber Politikern, die Energiekonzerne gelegentlich als machthungrige atomsüchtige Renditejäger ohne Moral verdammen.

Diesen Ruf abzulegen wird für E.On wirtschaftlich wichtig. Denn noch sind es gerade diese zum Teil geschmähten Meiler, die dem Konzern viel Geld einbringen. Die große Diskussion über die Laufzeitverlängerungen von Kernkraftwerken steht im Herbst erst noch bevor. Und auch der stockende Bau eines schadstoffärmeren Steinkohlekraftwerks in Datteln, mitten im Ruhrgebiet, kann von einer positiveren Grundeinstellung gegenüber E.On nur profitieren.

Weniger Aufsehen erregen wird Kildahl mit viel grauer Alltagsarbeit, die er fernab seiner früheren PR-Welt verrichten muss, die aber die E.On-Bilanz aufhellen soll. Er wird die E.On-Kernkraftwerke in Skandinavien besser auslasten, den Vertrieb in Großbritannien und die Vermarktung von Gasspeicherkapazitäten voranbringen und weitere Gewinneinbrüche bei Ruhrgas verhindern müssen.

Fast wie im Raumschiff Orion kann sich E.On-Forschungschef Maubach fühlen. Neben dem CO2-freien Kohlekraftwerk soll er vor allem die Entwicklung preiswerter Strom-Speichermöglichkeiten von Windparks vorantreiben. Denn erst, wenn dies gelingt, wird die Windkraft in der Lage sein, wie Atom- und Kohlemeiler Tag und Nacht Großindustrien wie Chemie und Stahlverarbeitung mit Strom zu versorgen. „Grundlastfähigkeit“ heißt das Zauberwort, mit dessen Einlösung die Windkraft dann zur ebenbürtigen, vollwertigen Stromquelle neben den klassischen Energien aufsteigen würde.

Damit treibt Maubach Fragen auf die Spitze, um die sich bei E.On bisher fast jeder herumdrückte. Braucht der Riese vom Rhein langfristig überhaupt noch die Kraftwerke in Spanien, die viel Strom produzieren, ohne feste Kunden zu haben? Was bringen Kraftwerke in Sibirien, die wenig rentabel Industriekonglomerate versorgen, ohne die Chance, in absehbarer Zeit die Strompreise erhöhen zu dürfen?

Da werden die Türen bei E.On ganz schön weit offen stehen und die PR-Künste groß sein müssen, wollte Johannes Teyssen diese Probleme radikal lösen. 

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