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Edeka Faul oder frisch?

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Wer so vehement reintritt, der eckt unweigerlich an. Seit Frenk das Zepter in Hamburg übernommen hat, rollen Köpfe, tobt ein Machtkampf zwischen der Zentrale in Hamburg und einigen der einflussreichen Genossen. Ein halbes Dutzend Top-Manager, von den Edeka-Vorständen Helmut Hörz und Gerhard Peter über die AVA-Vorstände Helmut Metje und Michael Rübel bis hin zu Netto-Chef Wilfried Oskierski und Provinzfürst Georg Dietrich, wurden gefeuert oder schmissen in den vergangenen zwölf Monaten die Brocken hin. „Wer meint, diesen Weg, den der Aufsichtsrat und die Edeka-Gruppe will, nicht mitgehen zu wollen oder zu können, der muss es lassen“, sagt Frenk im Gespräch mit der WirtschaftsWoche. 2006 ist für Frenk und für den gesamten Konzern das Jahr der Entscheidung. Frenk muss jetzt beweisen, dass er auch die rundum erneuerte Edeka führen, Netto und Spar sowie den Sanierungsfall AVA integrieren, den zerfusselten Genossenkonzern in eine straff geführte Handelsgruppe wandeln – und gleichzeitig das empfindliche Gleichgewicht zwischen Regionen und Zentrale wahren kann. Denn darauf wurde bei der Edeka stets Wert gelegt. In den Achtziger- und Neunzigerjahren wuchs zwar der Einfluss der Edeka-Zentrale, durch Serviceleistungen wie die Weiterentwicklung der Edeka-Eigenmarken, Qualitätsmanagement oder übergeordnete Werbekampagnen. Doch weiter reichende Reformen ließen sich nach wie vor nicht einfach von Hamburg aus verordnen. Im Krämer-Konzern ziehen nicht die Chefs am Hamburger New-York-Ring an den Fäden der Macht, sondern die einflussreichen Genossenschaften. Deren Geschäftsführer vertreten die Interessen ihrer Kaufleute – was etwa für die Bayern von Vorteil sein könnte, wird möglicherweise von den norddeutschen Edekanern boykottiert.

Der große strategische Wurf – wachstumsaggressiv und trotzdem kundennah – gelang nicht. Das machte die Edeka und ihre Kaufleute zwar stark am Bodensee, in der Eifel oder im Emsland. Geringere Einkaufsvolumen brachten jedoch im Vergleich zu den zentral einkaufenden Unternehmen wie Metro oder Rewe schlechtere Einstandspreise. Handelsexperten schätzen, dass den Genossen so in der Vergangenheit jedes Jahr weit über 100 Millionen Euro flöten gingen. Erst Hermann Ruetz, der durchsetzungsstarke Chef der Edeka Nordbayern, der 2001 die Führung in Hamburg übernahm, griff in die Ränkespiele im Edeka-Reich ein. Mit Verhandlungsgeschick, rustikalem Charme und eisernem Willen schaffte er es, die Zahl der Edeka-Großhandlungen, die Edeka-Läden beliefern, von zwölf auf sieben zu reduzieren. Auch das größte Manko der Edeka, den schwachen nationalen Einkauf, stärkte der Bayer. Auf Ruetz folgte 2003 Alfons Frenk, der gelernte Wirtschaftsprüfer. Er kam von der Edeka-Minden und setzt den Ruetz-Kurs nun fort; rigoroser und schärfer, als es vielen in der Edeka lieb ist. Frenks rüde Personalpolitik und seine strategischen Entscheidungen sorgen bei der Edeka für Unruhe – angeheizt von geschassten Managern, ehemaligen Edeka-Größen und diversen Unternehmensbeobachtern, die hinter den Kulissen auf den Abschuss Frenks drängen. Ihre Kritik: Frenk schneide die Edeka zu sehr auf seine Person zu, seine Personalpolitik sei eine hochexplosive Mischung aus Cäsarenwahn und Günstlingswirtschaft, er häufe gigantische Schulden an, treffe die falschen Entscheidungen und lenke die Edeka peu à peu ins Verderben. Doch wie kann Frenk innerhalb der bestehenden Edeka-Strukturen überhaupt eine solche Machtfülle anhäufen? „Frenk ist ein glänzender Intrigant, der Menschen gegeneinander ausspielt“, sagt ein Kritiker. Und vor allem: In den Regionen stünden Vertragsverlängerungen bei einigen Geschäftsführern an und dabei habe die Edeka-Zentrale, also auch Frenk, ein Mitspracherecht. „Keiner traut sich aus der Deckung, weil er fürchtet, er könnte der nächste sein, der fliegt.“ Das hieße: In den kommenden Monaten, wenn die Verträge unter Dach und Fach sind, könnte es zum Aufstand kommen. Allerdings ist zweifelhaft, dass Angst allein die Basis für Frenks Macht ist. Ein ehemaliger Spar-Manager glaubt nicht an den Alleingang des Edeka-Chefs: „Frenk kann nur so selbstbewusst auftreten, weil er die Rückendeckung im Aufsichtsrat und bei einflussreichen Genossen hat.“ Fakt ist aber auch: Frenk übt viele Funktionen in Personalunion aus, seine personellen Missgriffe häufen sich und es ist ihm bisher nicht gelungen, vakante und wichtige Schaltstellen im Krämer-Konzern neu zu besetzen. Nach den Abgängen von Warenvorstand Helmut Hörz und Personalchef Gerhard Peter stehen beim blau-gelben 38-Milliarden-Euro-Tanker nur noch anderthalb Mann auf der Kommandobrücke: Frenk, der zusätzlich die Warenverantwortung übernommen hat und sein Finanzchef Hans-Jörg Schumacher, der obendrein auch das Personalressort verantwortet. » Schumacher, seit Mitte des vergangenen Jahres im Edeka-Vorstand, sei jedoch nach einer schweren Krankheit noch nicht wieder voll belastbar, sagen Kenner der handelnden Personen. „Wie muss ich mir jetzt eigentlich eine Vorstandssitzung bei der Edeka vorstellen?“, spottet ein ehemaliger Edeka-Manager. Einsame Sitzungen, und das ausgerechnet in einer Zeit, in der die Aufgaben für den Mini-Vorstand immer mehr zunehmen. Denn die Edeka-Zentrale ist unter Frenk durch die Übernahme der alleinigen Gesellschafterstellung bei Netto, Spar und AVA zum größten Einzelhändler in der Edeka-Gruppe geworden. Die Zentrale in Hamburg bringt 12,8 Milliarden Euro Umsatz auf die Waage – mehr als jede einzelne Edeka-Region. Eine Tatsache, die Genossenschaftspuristen kritisieren. Und gegen die sich hinter den Kulissen eine Front formiert. Frenks-Kritiker befürchten, dass die Anhäufung finanzieller Risiken in der Zentrale sich möglicherweise später, bei Eintritt wirtschaftlicher Schwierigkeiten, nur noch durch einen Haftungsverbund bewältigen lassen, also durch die Integration der Regionen in einen von Hamburg aus gesteuerten Konzernverbund. Diese „Konzernierung“ ist die Horrorvision für die Regionalfürsten.

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