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Edeka Faul oder frisch?

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Wie groß die finanziellen Risiken für die von Frenk geführte Edeka-Zentrale nach dem Kauf von Netto, AVA und Spar tatsächlich sind, ist selbst für Insider schwer zu durchschauen – auch das ein Grund für die Unruhe in der Genossenschaft. Beispiel Ertragslage: Der Reingewinn der Zentrale schrumpfte im vergangenen Jahr von 95 Millionen Euro auf das hauchdünne Plus von 4,3 Millionen Euro. Und das, obwohl Edeka regelmäßig Abschreibungen auf Firmenwerte, die sonst den Gewinn schmälern würden, direkt im Eigenkapital versteckt. 2005 waren das gut 100 Millionen Euro. Damit konfrontiert, verweist Frenk auf Sonderbelastungen wie Abfindungen entlassener Mitarbeiter aus dem Kauf von Spar in Höhe von 167 Millionen Euro. Ohne diesen Brocken habe die Edeka-Zentrale demnach operativ mehr als 170 Millionen Euro Gewinn gemacht. Beispiel Eigenkapital, das Ende 2005 bei nur 476 Millionen Euro lag, also deutlich unter den abzuschreibenden Firmenwerten in Höhe von knapp 864 Millionen Euro. Frenk gibt selbst zu, dass Edeka künftig „wenigstens Gewinne in Höhe der Abschreibungen“ machen müsse. Sonst droht auf Sicht weniger Jahre das Eigenkapital wegzubrechen – mit der möglichen Folge einer Insolvenz. Beispiel Schulden, die um fast 1,5 Milliarden auf gut 3,7 Milliarden gestiegen sind. Frenk hält seinen Kritikern entgegen: „Die tatsächliche Vermögenssituation der Edeka-Zentrale ist deutlich besser geworden. Unser wirtschaftliches Eigenkapital ist sogar spektakulär angestiegen.“ Nach den Käufen von Spar und Netto liege in der gesamten Edeka-Gruppe – für die keine öffentliche Bilanz erstellt wird – das wirtschaftliche Eigenkapital bei 1,6 Milliarden Euro, „dem können Sie noch denselben Betrag an Reserven hinzufügen“. Diese gelassene Sicht auf die Finanzlage steht in diesem Jahr auf dem Prüfstand. Etwa bei Netto. Mit dem Kauf dieser Discount-Märkte hatte Frenk im vergangenen Jahr die neuen Reserven geschaffen. Zu einem Schnäppchenpreis von nur 450 Millionen Euro verleibte sich Edeka Netto ein. Frenk kalkuliert allein bei Netto nun mit Jahresüberschüssen von 100 Millionen Euro. Ob Netto diese Vorgabe schaffen wird, hängt maßgeblich vom Expansionstempo ab. Die Messlatte hat Frenk hoch gelegt: mindestens 100 neue Standorte pro Jahr. Das Problem: Netto steht seit dem abrupten Abgang von Wilfried Oskierski ohne einen Top-Manager da. Die Integration der Spar-Kaufleute in die Edeka-Regionalgesellschaften läuft offenbar reibungslos, ist aber noch nicht abgeschlossen. Vorteil für Edeka: Der einstige Spar-Eigentümer Intermarché habe „die operativen Probleme bei Spar schon in die Bilanz 2004 verarbeitet“, sagt Frenk, „das war Teil der Verhandlungen“. Negative Effekte von 247 Millionen Euro hätten die Franzosen einstecken müssen. Frenk beharrt auch darauf, dass Spar – ohne die Sanierungskosten zu berücksichtigen – schon im vergangenen Jahr einen kleinen Gewinn von 8,1 Millionen Euro gemacht hat. Unter dem Strich kam Spar nach bisher unveröffentlichten Zahlen auf einen Jahresfehlbetrag von fast 108 Millionen Euro. Das größte Problem hat Frenk jedoch in Bielefeld bei der milliardenschweren Tochter Marktkauf, der ehemaligen AVA, die in rund 180 Marktkauf-Lebensmittelmärkten, 150 Marktkauf-Baumärkten und gut 90 Krane-Optik-Fachgeschäften knapp 30.000 Mitarbeiter beschäftigt – und zuletzt bei einem Umsatz von rund fünf Milliarden Euro rund 20 Millionen Euro Verlust gemacht hat. Im Februar hatte die Edeka-Zentrale die restlichen AVA-Aktien übernommen und das Unternehmen von der Börse genommen. Kurz darauf musste Vorstandschef Helmut Metje seinen Dienst quittieren. Ihm folgte Edeka-Vorstand Gerhard Peter, aber er blieb auch nur ein paar Monate. Erst im zweiten Anlauf gelang es Frenk, der bei der Tochtergesellschaft den Aufsichtsrat führt, vor einigen Wochen, mittels seiner Zweitstimme den ehemaligen Spar-Chef Stephan Schelo bei der AVA zu installieren. Die geplante Wahl Schelos war im Aufsichtsrat zunächst am einstimmigen Nein der Arbeitnehmervertreter gescheitert. Denn Schelo eilt der Ruf als knallharter Sanierer voraus. Schon beim angeschlagenen Drogeriemarktfilialisten Ihr Platz hatte Schelo zwischen 2001 und 2004 die Belegschaft nahezu halbiert, auf die gleiche Quote kam der 64-Jährige danach auch bei der Spar, wo er die Hälfte der rund 2800 Mitarbeiter auf die Straße setzte.

Zwei Wochen nach der peinlichen Klatsche im Aufsichtsrat drückte Frenk seinen Kandidaten doch noch durch, zwar nicht als Vorstandschef, sondern als eine Art Arbeitsdirektor mit vielfältigen Aufgaben. Schelo wird nun das machen, was er am besten kann: Löhne drücken und Personal abbauen. Schwieriger wird ihm der Verkauf der Krane-Optik-Filialen und vor allem der Baumarktsparte fallen. Denn die 150 Baumärkte machten im vergangenen Jahr kräftige Verlust und rissen die gesamte AVA in die roten Zahlen. Doch die Lage spitzt sich weiter zu. Offenbar rutschen nun auch die großen Marktkauf-Lebensmittelmärkte tief in die Verlustzone. Immerhin: Um die Expansion in Russland muss sich Schelo nicht mehr kümmern. Das Einkaufszentrum in Moskau mit einem Umsatz von rund 90 Millionen Euro wird aufgegeben. Wie fast alle anderen Auslandsaktivitäten der Edeka. Aus Polen und Frankreich zogen sich die Blau-Gelben schon vor drei Jahren zurück. Jetzt folgen der Teilausstieg in Österreich und der vollständige Rückzug aus Russland und Tschechien. Übrig bleibt nur noch das Geschäft in Dänemark. Damit ist die Edeka der Exot im deutschen Handel. Während Metro, Rewe, Obi, Lidl, Aldi, Norma und Kaufland auf wachstumsstarke Auslandsmärkte setzen, bleibt Frenk mit der Edeka daheim. „Im Gegensatz zu einigen Wettbewerbern verdienen wir in Deutschland gutes Geld“, argumentiert er, baut die Festung Deutschland mit der Spar- und Netto-Übernahme aus und beglückt die Geschäftsführer in den Regionen mit den neu gewonnenen Umsätzen. Einer dieser mächtigen Regionalfürsten ist Dirk Neuhaus. Er gehört zu denen, die Frenk auf seiner Seite hat. Der 37-jährige Sohn von Ex-Edeka-Chef Horst Neuhaus ist Geschäftsführer der Edeka Rhein-Ruhr in Moers, die mit einem Großhandelsumsatz von rund zwei Milliarden Euro die viertgrößte Regionalgesellschaft im Edeka-Reich ist. Rund 770 Läden beliefern die Rhein-Ruhrler in einem Gebiet, das sich von Koblenz bis nach Ostwestfalen ausdehnt. Die von Frenk eingefädelte und ausgehandelte Spar-Übernahme hat Neuhaus gut 100 zusätzliche Spar-Geschäfte aus dem Gesamtpaket gebracht. „Das sind auf einen Schlag 15 Prozent mehr Umsatz und vor allem: Es sind alles selbstständige Händler“, schwärmt Eigengewächs Neuhaus, der nach einem Studium der Handelsbetriebslehre an der Uni Saarbrücken als 25-Jähriger bei der Edeka Baden-Württemberg in Offenburg seine Handelskarriere begann. Vor der Übernahme habe er sich alle Läden angeschaut und sich bei jedem Inhaber persönlich vorgestellt. „Ich musste dort viel Überzeugungsarbeit leisten. Denn für Kaufleute, die seit Generationen Spar-Händler waren, war die Edeka stets ein harter Wettbewerber.“ 25 Spar-Geschäfte wurden bereits umgestellt, bis Ostern 2007 sollen alle Spar-Läden vollständig in die Edeka-Organisation integriert sein. Dann werden sie nicht nur unter dem Edeka-Logo auf Kundenfang gehen, sondern mit einem deutlich erweiterten Angebot an Tiefkühlkost, Wurst- und Fleischwaren zum selbst Bedienen und modernisierten Obst- und Gemüseabteilungen. Bis zu 400.000 Euro veranschlagt Neuhaus für den Umbau eines 1000 Quadratmeterladens. Die Discountkonkurrenz, die Frenk den Edekanern nun mit Netto ins Haus geholt hat, schreckt Neuhaus nicht. „Angst vor Discountern? Das hatten wir mal. Wir sind hier seit Jahrzehnten mitten in der Keimzelle des Discounts und können damit umgehen.“ Die Zentralen von Aldi Süd und Nord sowie die des Tengelmann-Discounters Plus liegen etwa 20 Kilometer entfernt in Essen und Mülheim. Die Proteste, die seit Monaten auf Frenk niederprasseln, kann Neuhaus nicht verstehen. „Da wird eine Sau durchs Dorf getrieben, die es gar nicht gibt.“ Frenk habe bei der Spar- und Netto-Übernahme einen Superjob gemacht. „Statt ungerechtfertigter Kritik hätte er eher die Auszeichnung zum Helden der Arbeit verdient.“ Aber vielleicht trifft das auf jeden Alleinherrscher zu.

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