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Ein Jahr Bayer-Chef Die Tops und Flops des Marijn Dekkers

Ein Ausländer an der Spitze des Pharma- und Chemiekonzerns Bayer - das gab es zuvor noch nie. Wie hat der Holländer mit US-Pass das Unternehmen verändert? Eine Bilanz nach dem ersten Amtsjahr von Marijn Dekkers.

TOPS

Der Bayer-Vorstandsvorsitzende Quelle: dpa

Frischer Wind:

Anders als seine Vorgänger ist Dekkers nicht im Bayer-Konzern groß geworden. Der Neue, der zuvor als Chef des Laborausrüsters Thermo Fisher Scientific in den USA arbeitete, sollte frischen Wind nach Leverkusen bringen.  Das tat Dekkers denn auch. Offen spricht er Probleme, etwa in der Pharma-Sparte oder beim Pflanzenschutz an, lobten Aktionäre auf der Bayer-Hauptversammlung.  Dekkers kämpft gegen die konzerninterne Bürokratie, will schneller zu Entscheidungen kommen.  „Mehr Innovation, weniger Administration“, lautet sein Motto.  In der Bayer-Konzernzentrale und in den Teilkonzernen bearbeiten  häufig Kollegen dieselben Themen, hat Dekkers erkannt – und geht dagegen an.  Damit wird er auch noch eine Weile beschäftigt sein – Bayer mit seinen weltweit über 100 000 Mitarbeitern ist ein sehr großer Konzern.

Innovationen:

15 Milliarden Euro will Dekkers bis zum Jahr 2013 investieren. Davon zehn Milliarden in Forschung und Entwicklung , fünf Milliarden in neue Anlagen. Kurz nach seinem Amtsantritt hat Dekkers einen Innovationsschub angekündigt. Ein Großteil davon fließt in die Medikamenten-Entwicklung.  Nach längerer Pause kann Bayer wohl bald auch wieder mit Arznei-Innovationen punkten:  Das Schlaganfall-Mittel Xarelto steht kurz vor der Zulassung, die Chancen für das Krebsmittel Alpharadin stehen  gut. Das ist allerdings nicht allein Dekkers‘ Verdienst: Die Entwicklung der Präparate begann lange, bevor der Holländer nach Leverkusen kam.

Frauen:

Zusammen mit Dekkers startete am 1. Oktober 2010 die Amerikanerin Sandra Peterson als Chefin des Bayer-Teilkonzerns Crop Science (Pflanzenschutz).  Auf diese Entscheidung hatte Dekkers, der bereits seit dem 1. Januar 2010 dem Bayer-Vorstand angehörte, bereits Einfluss genommen.  Später berief Dekkers noch die Südafrikanerin Erica Mann zur Leiterin des Geschäfts mit rezeptfreien Arzneien (u.a. Aspirin).  Der neue Konzernchef will den Frauenanteil in mittleren und oberen Führungspositionen  deutlich erhöhen – von derzeit 21 Prozent auf 30 Prozent. Seinen Worten hat Dekkers schon einige Taten folgen lassen.  Es könnten aber noch mehr werden. Im Bayer-Konzernvorstand fehlt immer noch eine Frau.

FLOPS

Schornsteine rauchen über dem Quelle: dpa

Kommunikation:

Fundamentale Veränderungen werde es mit ihm nicht geben, beruhigte Dekkers, bevor er den Chefposten bei Bayer übernahm. Er setze auf „Evolution statt Revolution“, betonte der Neue. Und dann das: Nur wenige Wochen nach seinem Amtsantritt kündigte Dekkers den Abbau von 4500 Stellen an, davon 1700 in Deutschland.  Ein Aufschrei in der Öffentlichkeit und bei den Arbeitnehmervertretern war die Folge. Hatte Dekkers nicht gestern noch ganz anders geredet? Für den neuen Bayer-Chef  zählt der Abbau von einigen tausend Stellen in einem Konzern mit über 100 000 Beschäftigten  noch zu den evolutionären Maßnahmen.   Dekkers hatte jedoch die Wirkung seines Maßnahmenplans  völlig unterschätzt und verspielte viel Kredit.  Vor allem die Bayer-Betriebsräte, die seit Jahrzehnten ein partnerschaftliches Verhältnis zur Unternehmensleitung gewohnt sind, fühlten sich überfahren. In den USA, wo Dekkers zuvor arbeitete, spielen  Arbeitnehmervertreter eher eine untergeordnete Rolle.  Inzwischen soll der Bayer-Chef dazugelernt haben. Das Verhältnis zu den Betriebsräten habe sich wieder verbessert, heißt es.

Strategische Unklarheit:

Bayer sei gut aufgestellt, sagt Dekkers immer wieder gern. Doch zuweilen weckt er Zweifel an dieser Aussage. So dachte er mal öffentlich darüber nach, das Pharmageschäft in eine „Fusion unter Gleichen“ mit einem anderen Medikamenten-Hersteller einzubringen. Und den Verkauf der Kunststoffsparte Bayer Material Science bezeichnete er immerhin als „extreme Option“. Die Belegschaft reagiert verunsichert auf solche Aussagen. Wohin Dekkers will, ist vielen im Unternehmen noch unklar.

Pillen-Schwäche

Die wichtigste Sparte von Bayer, das Pharmageschäft, hat sich in Dekkers erstem Amtsjahr nur mäßig entwickelt. Zwei der wichtigsten Medikamente – Betaferon gegen Multiple Sklerose sowie die Verhütungspille Yasmin – verloren Umsätze. Bei Betaferon sitzen Bayer  Wettbewerber wie die Schweizer Novartis im Nacken. Bei Yasmin hat Bayer im Kampf mit den Herstellern von Nachahmermedikamenten (Generika)  wichtige Patente verloren. Zudem steht die Pille im Verdacht, Thrombosen zu verursachen, in einigen Fällen mit Todesfolge. In den  USA stehen dazu 9300 Klagen an.   Dekkers kann da nur hoffen, dass neue Medikamente wie das Schlaganfall-Mittel Xarelto gut einschlagen. 

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