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Einhörner Startups übernehmen die Macht - Investoren machen Zugeständnisse

Junge Unternehmen sammeln teils viel mehr Kapital ein, als sie brauchen. Nun können sie den Investoren teils ihre eigenen Bedingungen diktieren.

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Julian Teicke ist Gründer und CEO von Wefox (stehend, links), Fabian Wesemann ist der CFO. Quelle: wefox

„Diese Antwort aus dem Markt hatten wir nicht erwartet. Wir wollten zwar eine große Geldsumme einsammeln, aber viel weniger als es letztendlich wurde. Die Nachfrage war riesig“, erzählt WeFox-Chef Julian Teicke über die Finanzierungsgespräche im Sommer, bei denen das Berliner Versicherungs-Startup 650 Millionen Dollar einsammelte und seinen Marktwert auf drei Milliarden Dollar steigerte.

So wie Teicke erging es in diesem Jahr vielen Gründern. Statt um Investoren werben zu müssen, konnten sich Startups das beste Angebot herauspicken und damit die Bedingungen stärker als je zuvor zu ihren Gunsten diktieren. „Man kann ganz klar sagen: Die Machtverhältnisse haben sich umgekehrt“, sagt Christian Saller, Partner beim deutschen Investor HV Capital.

„Vor drei bis vier Jahren war noch zu wenig Kapital da und heutzutage können die Gründer auswählen“, beschreibt er die Lage der Startups. HV Capital ist etwa an dem Fintech SumUp, der Logistikfirma Sennder oder dem digitalen Vermögensverwalter Scalable Capital beteiligt.

Auch der britische Investor Balderton Capital ist auf Startup-Suche in Deutschland und hat dafür den Partner Colin Hanna nach Berlin geschickt. „Die Corona-Krise hat uns mehr Deals als je zuvor beschert. Jeder schaut, ob er noch irgendwo investieren kann“, sagt Hanna. Das lasse die Bewertungen explodieren.

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    Inzwischen sind Startups mit einem Unternehmenswert von mehr als einer Milliarde Dollar - sogenannte Einhörner - keine Seltenheit mehr: Laut den Marktbeobachtern von CB Insights zählt Deutschland inzwischen 21 - vor fünf Jahren existierte noch keins. „In Europa ist die Zahl der Einhörner 2021 stärker gewachsen als in den USA und auch in China. Das ist einzigartig“, sagt der Mitgründer und Partner des deutschen Wagniskapitalgebers Earlybird, Christian Nagel.

    Höhere Bewertungen schrecken nicht ab

    Die höheren Bewertungen schrecken Investoren und Business-Angels nicht ab. Denn sie haben in ihren Fonds recht große Summen eingesammelt - in Zeiten von Niedrigzinsen sind Anleger bereit, für Rendite auch mal mehr Risiko einzugehen und Geld in junge Unternehmen zu stecken. „Investoren wollen nicht nur dort einsteigen, wo die Konditionen besonders günstig sind“, erläutert Nagel. Es gibt inzwischen zahlreiche Beispiele für einen erfolgreichen Ausstieg: etwa durch Börsengänge wie die von Suse und Auto1 oder durch Verkäufe an etablierte Unternehmen - zum Beispiel die Übernahme von Flaschenpost durch Dr. Oetker.

    Das schafft Zuversicht, am Ende belohnt zu werden und Gewinne einstreichen zu können. „Wenn man beim nächsten HelloFresh oder Auto1 dabei ist, macht es keinen großen Unterschied, ob man bei einer Bewertung von 80 oder 100 Millionen Euro eingestiegen ist, wenn es am Ende ein Fünf-Milliarden-Exit wird“, sagt Saller. Julian Riedlbauer, Partner und Leiter des deutschen Büros der Tech-Investmentbank GP Bullhound, formuliert es so: „Die Unternehmensgeneration rund um HelloFresh, Zalando und Delivery Hero ist der Beweis dafür, dass man aus Deutschland heraus große Firmen aufbauen kann.“

    In Einklang damit fließt auch immer mehr Geld. Von Januar bis Juni erhielten deutsche Startups laut einer EY-Studie insgesamt fast 7,6 Milliarden Euro. Das ist mehr als im gesamten Jahr 2019, als der bisherige Rekord aufgestellt wurde. Zudem gab es deutlich mehr große Finanzierungsrunden als in den Vorjahren - wie bei der Softwarefirma Celonis, der Smartphonebank N26, dem Online-Broker Trade Republic oder WeFox. Insgesamt sei von einer Verzwei- bis Verdreifachung der Investments gegenüber 2020 auszugehen, schätzt der Deutsche Startup-Verband.

    Damit Investoren zum Zuge kommen, lassen sie inzwischen bei den Konditionen viel mehr mit sich reden. „Es gibt einen sichtbaren Trend hin zu gründerfreundlicheren Klauseln“, sagt Patrick Hümmer vom Berater Ventury Analytics in einer PwC-Studie. Gründer könnten vor allem über die Bewertung und die Höhe des Investments verhandeln. Aber auch an anderen Stellschrauben wird gedreht. „Vom Tisch sind inzwischen Blockaderechte für Investoren oder sehr lange Prüfungszeiträume“, weiß Saller. Auch für Mitarbeiter reservierte Aktien, sogenannte Optionspools, gehören häufig zur Verhandlungsmasse sowie der Trend dazu, präventiv Finanzierungsrunden vorzunehmen, um konkurrierende Fonds auszustechen, heißt es in der Studie „State of European Tech“.

    US-Fonds schauen nach Europa

    Inzwischen sind auch immer mehr Venture-Capital-Firmen aus den USA an Deals hierzulande beteiligt. Um zum Zuge zu kommen, reichen allerdings Video-Calls nicht immer. „Man kann authentischer und intensiver um Deals werben, wenn man vor Ort ist. Deswegen haben wir auch ein Büro in Berlin eröffnet“, sagt der Gründer des US-Investors Activant Capital, Steve Sarracino. Er rechnet damit, dass ihm andere folgen werden.

    Das könnte Bain Capital sein, die jüngst den Berliner Online-Einzelhändler Berlin Brands Group (BBG) zum Einhorn machten. Bain-Partnerin Merritt Hummer sagt dazu: „Irgendwann macht es sicherlich Sinn, über ein Büro in Europa nachzudenken.“

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