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Einzelhandel Die Todsünden von Arcandor

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Kardinalfehler 4: Das Interessensgeflecht der Eigentümer

An dem Arcandor-Desaster tragen auch die Großaktionäre Schuld, die den Konzern mit Sonder- und Einzelinteressen lähmen. Das hat Tradition. So übernahm KarstadtQuelle 2001 von der eigenen Großaktionärin Madeleine Schickedanz 85 Prozent an der Textilkette SinnLeffers. 2004 musste die defizitäre Modekette zum Verkauf gestellt werden. Schickedanz dürfte an dem Deal dennoch gut verdient haben. Noch pikanter ist die Verbindung zwischen Schickedanz und ihrer Hausbank Sal. Oppenheim, deren Gesellschafter an Arcandor beteiligt sind sowie Josef Esch. Letzterer ist ein Immobilienentwickler aus Troisdorf bei Bonn, Esch hat für die Bankkunden von Sal. Oppenheim in den vergangenen 15 Jahren rund 60 Immobilieninvestments mit einem Gesamtvolumen von vier Milliarden Euro konzipiert.

Darunter auch fünf Immobilien in Spitzenlagen deutscher Großstädte, die an Karstadt vermietet waren – zu stattlichen Preisen. Als üblich gelten in der Branche Mieten zwischen sieben und neun Prozent des Umsatzes. Für die fünf Häuser in München, Karlsruhe, Wiesbaden, Potsdam und Leipzig soll Karstadt dagegen bis zu 17,2 Prozent vom Umsatz an die Esch-Fonds überweisen. So muss Arcandor allein für die Karstadt-Filiale in Leipzig 2009 11,3 Millionen Euro zahlen. Im kommenden Jahr sind es nach Unterlagen, die der WirtschaftsWoche vorliegen, gar 12,4 Millionen Euro. Bis 2023 könnte die Summe auf 16,5 Millionen Euro steigen - erst im September 2026 endet der Mietvertrag.

Kardinalfehler 5: Die Konkurrenz wurde unterschätzt

Während Arcandor mit sich selbst beschäftigt war, zog die Konkurrenz am Unternehmen vorbei. Die Otto-Gruppe baute nicht nur ihre E-Commerce-Strategie systematischer aus, sondern trieb auch die Kombination von Filialgeschäft und Versandhandel voran – im In- und Ausland. Bei der Arcandor-Versandsparte Primondo gibt es solche Multichannel-genannten Konzepte nur ansatzweise. Noch gravierender sind die Unterschiede bei den Warenhäusern.

Der Erzrivale Kaufhof verfügt nach jahrelangen Aufbauarbeiten inzwischen über eine profilierte Eigenmarken-Struktur im Textilbereich. Das dürfte auch ein Grund dafür sein, dass Kaufhof anders als Karstadt noch immer Geld verdient. Die wirkliche Bedrohung für Karstadt liegt jedoch woanders: Die Eroberung der Innenstädte durch große Shopping-Center mit Dutzenden Fachmärkten und Filialgeschäften macht den Kaufhäusern zu schaffen. Während Kaufhof allerdings schon früh mit einzelnen Markenshops und dem Galeria-Konzept gegensteuerte, zögerte Karstadt und überließ der Konkurrenz das Feld.

Wie Karstadt mit seinem Alles-unter-einem-Dach-Konzept gegen Handelsketten wie H&M, Zara oder Media Markt langfristig bestehen will, ist offen. Spannender als die Neuerfindung des Kaufhauses ist ohnehin die Frage, warum Arcandor den Center-Markt nicht selbst aufgemischt hat. Einzelne Kaufhausflächen hätten schon vor Jahren in Eigenregie zu Shopping-Centern umgebaut werden können. Mit der Handelskompetenz hätte Arcandor womöglich aber auch im Management externer Center punkten können.

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