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Einzelhandel Gutachter billigt deutsche Regelungen für Apotheken

Der Generalanwalt am Europäischen Gerichtshof (EuGH) Yves Bot hält das Apothekengesetz in Deutschland für zulässig. Wie das Gutachten besagt, sieht der Generalanwalt in der eingeschränkten Niederlassungsfreiheit keinen Verstoß gegen das Gemeinschaftsrecht.

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Apotheke in Limburg: Mehr Service und Marketing Quelle: Andreas Körner für WirtschaftsWoche

Dies gab der Gerichtshof der Europäischen Gemeinschaften heute in einer Pressemitteilung bekannt. Die Einschränkung sei nach Ansicht von Bot gerechtfertigt, um die Versorgung der Bevölkerung mit Arzneimitteln sicherstellen zu können. Damit empfiehlt der Generalanwalt, an dem derzeitigen Apothekengesetz festzuhalten. Dieses besagt, dass nur Pharmazeuten mit Kammerzulassung Apotheken betreiben dürfen. Sie dürfen zudem maximal drei Filialen besitzen.

Das Votum des EuGH-Generalanwalts gilt als eine Art Vorentscheidung, denn der Europäische Gerichtshof in Luxemburg folgt in neun von zehn Fällen der Empfehlung. Mit einem Urteil wird spätestens bis zum Herbst 2009 gerechnet. An dieser Entscheidung werden sich in der Folge die deutschen Behörden orientieren. Die meisten Experten hatten damit gerechnet, dass Bot für einen Wegfall des Fremd- und Mehrbesitzverbotes plädieren würde.

Vor dem EuGH wird derzeit über eine Klage mehrerer Inhaber saarländischer Apotheken gegen das Saarland verhandelt. Der damalige saarländische Gesundheitsminister Josef Hecken (CDU) hatte im Sommer 2006 der niederländischen Versandapotheke und Celesio-Tochter DocMorris das Betreiben einer „Modell-Apotheke“ in Saarbrücken genehmigt. Das dort ansässige Verwaltungsgericht hatte im März 2007 die bei ihm eingereichte Beschwerde an den EuGH verwiesen. Bislang dürfen in Deutschland nur Pharmazeuten mit Kammerzulassung Apotheken betreiben und maximal drei Filialen besitzen. Ebenfalls verhandelt wird über ein ähnliches Fremdbesitzverbot in Italien. Der Aktienkurs von Celesio brach nach der Mitteilung ein und lag zuletzt 11,55 Prozent im Minus.

Dabei hatten sich Schlecker, dm, Tengelmann und die Pharmagroßhändler bereits warmgelaufen. Sie hatten mit einem juristischen Sieg gerechnet. Und damit dürfte das, was in Tschechien schon Wirklichkeit ist, hierzulande wohl kaum Realität werden: Auf den ersten Blick wirkt der Laden wie eine normale Schlecker-Filiale. Der zweite Blick fällt auf das grüne Kreuz über dem Eingang. Tatsächlich: Drinnen können die Kunden hinter Regalen mit Wimperntusche und Biomüsli verschreibungspflichtige Medikamente erhalten. Die Kunden zücken ihre Arztrezepte, der Apotheker zieht das passende Präparat aus der Schublade.

Apothekenläden, wie Schlecker sie in Tschechien betreibt, gibt es in Deutschland noch nicht. Kranke können zwar in vielen der über 10.000 Schlecker-Filialen Medikamente ordern und am nächsten Tag abholen. Schlecker betreibt dazu unter dem Namen Vitalsana eine Versandapotheke und wollte zudem mit einer eigenen Marke in das Pillengeschäft einsteigen. Eigene Apotheken darf der deutsche Drogerieprimus jedoch nicht eröffnen.

Pharmagroßhändler wie Celesio und Phoenix, Drogerieketten wie dm und Schlecker, die Versandhändler Quelle, Amazon und Otto, Lebensmittelhändler wie Tengelmann, selbst die Parfümeriekette Douglas – sie alle hatten auf einen Teil der Milliardenerlöse geschielt, den die Apotheker bisher allein unter sich aufteilten. 2007 gingen Pillen und Salben für rund 37 Milliarden Euro über die Verkaufstresen der rund 21.000 deutschen Apotheken.

Der Wettstreit um die besten Startplätze und Standorte hatte längst begonnen. Pharmagroßhändler hatten sich Pharmazien in guten Lagen gesichert und mit verkaufswilligen Apothekern Vorverträge abgeschlossen. dm oder Tengelmann wollten mit branchenerfahrenen Partnern kooperieren, die ihnen den Einstieg erleichtern, und üben für das Apothekengeschäft schon mal im Internet.

Eigene Apotheken in Supermarktfilialen

Laut Branchenschätzungen dürften bereits fünf bis zehn Prozent der Apotheken vorverkauft sein. „Im Auftrage eines europäischen Unternehmens“ wurde etwa die Berliner Steuerberatungsgesellschaft Eurotax früh bei Pharmazeuten vorstellig: „Wenn Sie keine Lust mehr haben, sich mit den aktuellen Problemen des Gesundheitswesens... herumzuärgern und keinen Wertverlust nach Aufgabe des Fremdbesitzverbotes in Kauf nehmen möchten, dann sprechen Sie mit uns“, heißt es in einem Schreiben aus dem vergangenen Jahr.

Noch hat der Europäische Gerichtshof in Luxemburg zwar nicht entschieden, aber nach dem jetzt veröffentlichten Gutachten scheint das Urteil bereits festzustehen. Alles andere, so Experten, wäre eine Überraschung.

Tengelmann-Chef Karl-Erivan Haub (Kaiser’s, Kik, Obi) ist einer, der die neuen Marktchancen nutzen wollte. Handelskonzerne, die in ihrem Stammgeschäft mit kümmerlichen Margen von ein bis zwei Prozent auskommen müssen, hätten mit Apotheken Renditen bis zu zwölf Prozent erwirtschaften können. Wären die Ketten erlaubt, könnte Tengelmann eigene Apotheken in größere Supermarktfilialen integrieren. Auch eine Apotheken-Discountkette sei nicht ausgeschlossen, hatte ein Insider vor dem Tag der heutigen Vor-Entscheidung aus der Mülheimer Zentrale berichtet. „Der Konzern ist für neue Chancen im Apothekenmarkt optimal aufgestellt“, war sich Tengelmann-Manager André Kiefermann sicher.

Kiefermann ist der Chef des Online-Portals www.kleinepreise.de, das Tengelmann gemeinsam mit der Schweizer Medikamenten-Versandapotheke Zur Rose betreibt. Das Pillen-Portal bietet rezeptfreie Medikamente zu Preisen an, die mindestens 20 Prozent unter der Empfehlung des Herstellers liegen. Der Kopfschmerzkiller Paracetamol kostet dort etwa 89 Cent statt 1,96 Euro. Ende Oktober ging das Angebot online. Schon am ersten Wochenende wurden 5500 Bestellungen abgewickelt.

Damit probe Tengelmann für das Apothekengeschäft, heißt es im Unternehmen. Inhaber Haub gilt ohnehin als sehr Medikamenten-affin. Vertraute attestieren ihm eine latente Grippe-Phobie. Haub lagert in den Kellern des Konzerns Desinfektionsmittel, Mundschutz-Packungen und Dutzende von Kartons mit dem Anti-Grippe-Medikament Cystus 052, das laut internem Notfall-Plan an die Belegschaft verteilt wird, sobald eine Grippe-Pandemie droht.

Eine eigene Apotheke konnte sich auch Douglas-Chef Henning Kreke vorstellen. Kreke hat eine solche Idee zwar vorsichtshalber bisher „rein hypothetisch“ genannt, hatte dann aber recht konkrete Vorstellungen darüber, wie eine Douglas-Apotheke aussehen sollte: „Vielleicht etwas größer als normale Apotheken, mit mehr Beratung und vielen Zusatz-Dienstleistungen rund um das Thema Gesundheit und Wellness.“

Bis Mitte 2009 wollte die Drogeriemarktkette dm sämtliche der mehr als 1000 deutschen Märkte mit „Pharma-Punkten“ ausstatten, an denen die Kunden – ähnlich wie bei Schlecker – Arzneien abholen können, die sie zuvor im Internet oder in der Drogerie bestellt haben. Dazu kooperiert dm mit der niederländischen Europa Apotheek Venlo. Zurzeit bieten rund 200 dm-Filialen den Abhol-Service. „Gut möglich, dass dm in einigen Filialen künftig auch eigene Apotheken betreibt“, hatte Arnt Tobias Brodtkorb vor dem heute bekannt gewordenen Rechtsgutachten noch gesagt. Er ist Geschäftsführer der Bad Homburger Unternehmensberatung Sempora, die sich auf den Apothekenmarkt spezialisiert hat. Als Sempora kürzlich Verbraucher befragte, wo sie künftig bevorzugt ihre Pillen kaufen würden, belegte dm den ersten Platz.

Medikamenten-Angebot bei Schlecker: Mit einer Versandapotheke und einer Eigenmarke will der Drogist den Pillenmarkt aufmischen Quelle: Andreas Körner für WirtschaftsWoche

Der Versandhändler Quelle will im Januar mit einem eigenen Medikamenten-Angebot im Internet starten. Amazon werden ähnliche Pläne nachgesagt. Auch die Otto-Gruppe beobachtet den Markt. Die Versandhändler werden künftig wahrscheinlich keine Apothekenketten betreiben und sind auch von der EuGH-Entscheidung nicht betroffen. Vom Medikamenten-Geschäft wollen sie dennoch profitieren.

Andere Unternehmen sind zurückhaltender. Manager des Kölner Handelskonzerns Rewe trafen sich zwar im Frühjahr mit DocMorris-Chef Ralf Däinghaus, um eine Zusammenarbeit auszuloten. Doch inzwischen zögern die Rewe-Granden, sobald es um das Arzneigeschäft geht. „Es gibt nur wenige Filialen, die sich dafür eignen“, sagt ein Sprecher. Bei Edeka hält sich die Begeisterung ebenfalls in Grenzen. „Das passt nicht zu uns“, heißt es offiziell.

„Einige Handelskonzerne haben erkannt, dass das Apothekengeschäft seine Tücken hat“, sagt Peter Homberg, Experte für Apothekenrecht bei der Anwaltskanzlei Jones Day in München. Denn auch in einem liberalisierten Apothekenmarkt müsse ein approbierter Pharmazeut hinter dem Medikamenten-Tresen stehen. Eröffnen nun viele Konzerne Apothekenketten, dürfte die Nachfrage kräftig steigen. „So viele freie Pharmazeuten gibt es auf dem Markt gar nicht“, sagt Homberg. „Außerdem verfügen viele Drogisten und Einzelhändler gar nicht über die erforderlichen Flächen.“

Denn ein Hindernis für die Expansionslust ist die Apothekenbetriebsordnung: Darin ist eine Mindestgröße von 110 Quadratmetern vorgeschrieben, Labor, Lagerraum und Nachtdienstzimmer sind Pflicht.

Etablierte Apotheken investieren in Marketing und Service

Hürden wie diese sind der Grund dafür, dass Jurist Homberg vor allem Pharmagroßhändler wie Celesio oder Phoenix als künftige Tablettenverkäufer erwartet hatte: „Sie haben im Ausland bereits längere Erfahrung mit Apothekenketten.“

Die zur Haniel-Gruppe gehörende Celesio betreibt etwa 2000 Apotheken unter anderem in Großbritannien, Norwegen und Tschechien. In Deutschland verstärkte sich der Stuttgarter Pharmagroßhändler im Frühjahr 2007 durch den Kauf von DocMorris. Der frühere Branchenschreck betreibt rund 150 Apotheken – ganz legal, auf Franchisebasis und mit selbstständigen Inhabern.

Im ersten Jahr nach der Liberalisierung wollte Celesio-Chef Fritz Oesterle 30 bis 50 eigene Apotheken kaufen oder eröffnen. Gleichzeitig hatte er geplant, die Kooperation mit den DocMorris-Apothekern auszubauen. Insgesamt hatte Celesio vor, in drei bis fünf Jahren 500 Pharmazien zu betreiben.

Über ein Dutzend Celesio-Mitarbeiter sind aktuell damit beschäftigt, die besten Standorte klarzumachen. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Immobilien-Tochtergesellschaft Inten, die im Auftrag des Konzerns bei Apothekern vorstellig wird und als Zwischenmieter auftritt. Die Mietverträge sind, entsprechend den normalen Laufzeiten für Gewerbeimmobilien, auf fünf bis zehn Jahre angelegt – danach kann Celesio die Apotheke dann komplett übernehmen.

Dabei hat es Oesterle weniger auf die Top-Standorte in den Fußgängerzonen abgesehen – ihm ist mehr an Apotheken mit Stammkundschaft gelegen. Interessant sind Lagen mit angeschlossenem Einkaufszentrum oder einem Ärztehaus in der Nähe. Es darf aber auch eine Vorortapotheke sein.

Ähnliche Pläne dürfte der Mannheimer Pharmagroßhändler Phoenix hegen, der im Ausland mehr als 1200 Apothekenfilialen betreibt. Einige Hundert Pharmazien soll Phoenix bereits in Deutschland angesprochen haben, heißt es in der Branche. Phoenix beliefert unter anderem 1450 Apotheker, die sich in einer Kooperation unter der Dachmarke Linda zusammengeschlossen haben. Dass Phoenix die Linda-Apotheker nach erfolgter Liberalisierung für eine Apothekenkette gewinnen möchte, galt als ausgemacht. Ein Sprecher der kooperierenden Pharmazeuten betont freilich, dass der Linda-Verbund unabhängig bleiben möchte.

Phoenix gehört zum Firmenimperium des in Finanznöte geratenen schwäbischen Milliardärs Adolf Merckle. „Wenn Merckle gezwungen ist, Phoenix zu verkaufen, könnten ausländische Pharmagroßhändler wie die britische Alliance Boots oder die niederländische OPG Interesse haben, dort einzusteigen“, sagt Berater Brodtkorb. Die Briten halten bereits etwa 30 Prozent am Pharmagroßhändler Anzag, der nach eigenen Angaben keine Apothekenkette eröffnen möchte. Möglicherweise wäre Alliance bei Phoenix an der besseren Adresse.

Ob die Liberalisierung nun kommt oder nicht: Der Apothekenmarkt wird jedoch auch künftig nicht nur von Pharmagroßhändlern und Konzernen beherrscht. „Es wird auch weiter selbstständige Apotheker geben“, ist Berater Brodtkorb sicher. Nach Branchenschätzungen dürften mehr als die Hälfte der selbstständigen Apotheker mittelfristig überleben. Die zu erwartende neue Konkurrenz hatte die Traditions-Pharmazeuten schon jetzt auf Trab gebracht: Viele investieren in Service und Marketing.

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