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Einzelhandel Tengelmann lässt seinen Charme spielen

Mit einer Charme-Offensive beim Bundeskartellamt will der Tengelmann-Chef Karl-Erivan Haub den Verkauf seiner Discount-Kette Plus an Edeka retten.

Filiale des Discounter Plus in Quelle: AP

Im Streit mit dem Bundeskartellamt setzten Edeka-Chef Alfons Frenk und Tengelmann-Inhaber Karl-Erivan Haub auf persönliche Überzeugungsarbeit. An diesem Montag machen die beiden Handels-Patriarchen Birgit Krüger, Leiterin der Beschlussabteilung II des Kartellamtes, ihre Aufwartung. Anfang April hatte die Behörde den milliardenschweren Zusammenschluss des Tengelmann-Discounters Plus mit Edekas Billigkette Netto untersagt, den Unternehmen aber die Möglichkeit gegeben, die Bedenken auszuräumen. Die Chance wollen Haub und Frenk nutzen. Beide sind wohl zu deutlichen Zugeständnissen bereit.

Ursprünglich sollten die 2900 deutschen Plus-Filialen in ein Gemeinschaftsunternehmen mit Netto eingebracht werden. Damit würde ein Discountriese entstehen, der in 4200 Geschäften etwa elf Milliarden Euro umsetzt. Nun stelle man sich allerdings darauf ein, bis zu 800 Filialen an Wettbewerber abzugeben, heißt es im Umfeld von Tegelmann. Denn vom Kartellamt wird vor allem die vergleichsweise hohe Konzentration von Plus und Netto in Berlin, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen moniert.

Auch auf der Einkaufsseite wollen Tengelmann und Edeka nachbessern. Das Kartellamt hatte bei 130 Edeka-Lieferanten Details der Geschäftsbeziehung abgefragt und war zu dem Ergebnis gekommen, die geplante Liaison würde „zu noch größeren Abhängigkeiten der Lieferanten führen." Dies um so mehr als die beiden Unternehmen neben der Plus-Übernahme auch beim Einkauf für die Tengelmann-Tochter Kaiser's zusammenarbeiten wollten. Auf diese Kooperation werde Haub verzichten, berichten Insider. Zudem sendet der Tengelmann-Chef derzeit den früheren SPD-Politiker Detlev Samland von der PR-Agentur Pleon aus, um die Ängste vor der geballten Einkaufsmacht zu zerstreuen. Edeka soll demnach als Handelsunternehmen dargestellt werden, dass über eine dezentrale Einkaufsstruktur verfügt. Der Umsatzanteil von Waren, die bei Edeka zentral eingekauft würden, liege nur bei etwa 50 bis 60 Prozent. Lieferanten sagen dagegen, der Anteil betrage rund 70 Prozent.

Ob sich das Kartellamt auf die Argumente einlässt, scheint ohnehin fraglich. Zu deutlich fiel das vorläufige Veto der Wettbewerbshüter aus. Sollte das Kartellamt dabei bleiben, wäre das für vor allem für Tengelmann-Inhaber Haub fatal. Denn falls der Verkauf an Edeka scheitert, hätten auch andere Interessenten – etwa die Kölner Rewe, die ebenfalls für Plus geboten hatte – beim Kartellamt keine Chance. Und Plus im Alleingang weiterzuführen, ist auch keine Option. Das deutsche Filialnetz muss dringend modernisiert werden, doch dafür fehlt Haub das Kapital. Seit seiner Entscheidung, an Edeka zu verkaufen, haben etliche Plus-Manager den Dienst quittiert. Selbst das Büro für die Beschaffung von Aktionsware in Hongkong hat dicht gemacht. Schlimmer noch: Haub hat von Griechenland bis Polen inzwischen fast das komplette Auslandsgeschäft verkauft, was den Umsatz drückt. Mit der Menge schwinden aber auch die Rabatte im Einkauf, die den Preiskampf mit Aldi und Lidl erst ermöglichen. Damit droht bei einem Verkaufsverbot langfristig eine Entwicklung, die das Kartellamt eigentlich verhindern will: weniger Wettbewerb.

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