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Elektroauto Besser ohne Doping vom Staat

Nach anfänglichem Zögern gibt die deutsche Autoindustrie nun mächtig Gas bei der Entwicklung des Elektroautos. Warum eigentlich? Franz W. Rother war für die WirtschaftsWoche zwei Wochen lang elektrisch unterwegs. Ein Selbstversuch.

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Mein Selbstversuch ging über 14 Tage und endete mit einer herben Enttäuschung: Das Elektroauto zumindest heutiger Machart ist nur eingeschränkt alltagstauglich. Es kostet heute noch dreimal so viel wie ein Kleinwagen mit konventionellem Antrieb, lässt sich nur im Stadtverkehr komfortabel bewegen und engt den Aktionsradius dermaßen ein, dass man daneben – für Geschäftstermine in der Nachbarstadt oder den Familienurlaub am Meer – noch ein konventionelles Auto oder eine Netzkarte der Bahn benötigt. Wer also kein Krösus ist, keinen Pflege- oder Kurierdienst betreibt, keine Werbung für einen Stromanbieter machen muss oder kein eigenes Sonnenkraftwerk besitzt, muss das Fazit ziehen: Finger weg vom E-Mobil.

Klimabilanz vom E-Auto ist nicht besser als die eines Dieselautos

Erst recht gilt das hierzulande seit der Energiewende: Wenn der Strom noch nicht vollständig mit Sonne, Wind und Wellen, sondern nach dem Atomausstieg wieder verstärkt mit Kohlekraft gewonnen wird, ist die Klimabilanz eines E-Mobils nicht besser als die eines sparsamen Dieselautos mit Abgasnachbehandlung. Warum also dieses große Interesse an einer Antriebsform, die seit 1881 bekannt ist und seitdem mit der elektrochemischen Unzulänglichkeit des Hauptenergiespeichers kämpft? Selbst wenn sich die Speicherfähigkeit von Batterien jährlich um fünf oder gar zehn Prozent verbessert, werden sie niemals die Energiedichte von Primärenergieträgern wie Benzin oder Diesel erreichen. Betriebswirtschaftlich ergeben Entwicklung und Bau der automobilen Stromer in den nächsten 20 Jahren ohnehin keinen Sinn.

Gespenst des Klimawandels

Auch deshalb wird das rein elektrisch angetriebene Auto auf absehbare Zeit ein Nischenprodukt für Ballungsgebiete wie London, Paris, Los Angeles oder Shanghai bleiben, querfinanziert aus dem Verkauf konventioneller Fahrzeuge und gefördert von Politikern, die vom Gespenst des Klimawandels gejagt werden. Dabei ließe sich im Straßenverkehr mit hocheffizienten Autos und alternativen Kraftstoffen auf Biobasis der Erderwärmung wesentlich schneller und besser begegnen. Und wenn das bei der Kohleverbrennung oder in Chemiewerken frei werdende CO2 zur Gewinnung von Methanol genutzt würde, bekämen wir nicht nur eine Alternative zu fossilen Brennstoffen, sondern auch eine klimafreundliche Kohleverstromung.

All diesen Fakten zum Trotz erhöht die deutsche Autoindustrie jetzt ihre Investitionen in die sogenannte Elektrotraktion, um sich im weltweiten Wettbewerb um den neuen Markt nicht von Chinesen und Japanern abhängen zu lassen – und einen Fuß in der Tür zu haben. An die Spitze der Bewegung setzen sich Zulieferer wie ZF und Conti/Schaeffler: Disruptive Innovationen – Techniken, die vorübergehend die Leistungsfähigkeit eines Produkts verschlechtern, aber aufgrund bestimmter Eigenschaften eine neue Nachfrage schaffen – eröffnen Chancen, Kompetenzen auszuspielen und damit aus der Neben- in eine Hauptrolle hineinzuwachsen. Die Fahrzeughersteller ahnen die Gefahr, dass aus Partnern Konkurrenten werden und auch aus anderen Branchen neue Mitspieler erwachsen könnten: Über ein iCar von Apple wird schon länger schwadroniert.

Steuern gingen an die Autobauer

Der Blutdruck steigt, auch ohne ein Doping mit Subventionen. Doch Berlin bereitet derzeit aufwendige Schaufenster-Projekte mit Tausenden von Elektroautos vor, die den Herstellern Milliardenaufträge bescheren würden. Der Volkswagen-Konzern, der die Milliarden für den Erwerb der Mehrheit an MAN quasi aus der Portokasse bezahlte, aber auch BMW und Daimler bekämen die Entwicklung von Zukunftstechnologien somit indirekt vom Steuerzahler finanziert.

Wenigstens keine Prämie

Wenigstens um eine Zulassungsprämie für Elektromobile hat sich die Bundesregierung mit Blick auf die Einnahmen aus der Mineralölsteuer bislang gedrückt. Gut so: Wer hip sein und partout mit dem Auto durch die Großstadt stromern will, sollte bereit sein, tiefer in die Geldbörse zu greifen. In die eigene, wohlgemerkt.

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