WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Elektrokonzern Siemens steht vor neuen Einschnitten

Die Krise hinterlässt bei Siemens immer tiefere Spuren, vor allem im Industriegeschäft. Konzernchef Peter Löscher kommt kaum um einen weiteren Jobabbau herum.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Siemens-Chef Peter Löscher Quelle: Oliver Rüther für WirtschaftsWoche

Wenn sich Peter Löscher am morgigen Dienstag von zehn Uhr an in der Münchner Olympiahalle seiner dritten Siemens- Hauptversammlung stellt, könnte er eigentlich gelassen vor die Aktionäre treten. Auf den ersten Blick wirkt alles ziemlich positiv, was er den erwarteten 10.000 Anteilseignern zu verkünden hat.

Sie können nach jahrelangen Ermittlungen und zähen Verhandlungen endlich über den Schlussstrich unter die seit Ende 2006 gärende Schmiergeldaffäre abstimmen: Bis auf zwei Ex-Vorstände haben alle behelligten Ex-Manager einem Vergleich zugestimmt und wollen zumindest symbolisch Wiedergutmachung für den angerichteten Schaden in Höhe von rund 2,5 Milliarden Euro leisten; selbst die früheren Konzernchefs Heinrich v. Pierer und Klaus Kleinfeld zahlen Millionenbeträge. Auch die Geschäfte laufen passabel: Trotz eines leichten Umsatzrückgangs steigerte Siemens den operativen Gewinn im vergangenen Geschäftsjahr, das am 30. September 2009 endete. Im Ende Dezember abgelaufenen ersten Quartal des neuen Geschäftsjahrs hat das Unternehmen zumindest den Abwärtstrend bei den Neuaufträgen gestoppt.

Industriegeschäft vor längerer Durststrecke

Doch bei genauerem Hinsehen kann von eitel Sonnenschein im Löscher-Reich nicht die Rede sein: Vor allem das Industriegeschäft, das für fast die Hälfte des Konzernumsatzes steht, dürfte länger schwächeln als erwartet. Auch Erwartungen, dass Aufträge aus Konjunkturpaketen in Siemens-Märkten wie etwa China oder USA den Einbruch kompensieren können, haben sich bisher nicht erfüllt.

Daher steht weiterer Personalabbau bei Siemens ganz oben auf der Tagesordnung, wie Finanzmarktbeobachter glauben. „2010 wird für Siemens viel schwieriger als das abgelaufene Geschäftsjahr, und auch 2011 wird noch schwierig bleiben“, sagt etwa Jochen Klusmann, Chef der Aktienanalyse bei der BHF-Bank in Frankfurt. „In den kommenden Quartalen schlagen die rückläufigen Aufträge bei Siemens durch“, meint Theo Kitz, Analyst beim Bankhaus Merck Finck in München. Beide sehen daher einen weiteren Stellenabbau als unumgänglich an: Kitz will sich auf keine konkrete Zahl festlegen; Klusmann erwartet, dass Siemens im laufenden Geschäftsjahr rund 18 000 Jobs weltweit streicht, davon 14 000 im Industrie- und 4000 im Energiesektor.

Hat Siemens 20.000 Leute zu viel an Bord?

Ähnliche Dimensionen befürchtet sogar ein Gewerkschafter aus dem Umfeld des Siemens-Aufsichtsrats, der ungenannt bleiben will: „Dass Siemens 20.000 Leute zu viel an Bord hat, ist keine unrealistische Schätzung.“ Seine Begründung: „Um einen Zeitraum bis 2012 oder 2013 zu überbrücken – erst dann dürfte die Industriekonjunktur wieder nennenswert anziehen –, reicht das Vehikel Kurzarbeit schlicht nicht aus“, befürchtet der IG-Metall-Mann.

Das deckt sich mit Berechnungen von Klusmann. Laut einer Studie des BHF-Bank-Analysten hat Siemens – wenn er rückläufige Aufträge, wachsenden Preisdruck und steigende Produktivität mit einbezieht – insgesamt 40.000 Leute zu viel an Bord, der größte Teil davon im Industriesektor mit seinen rund 207 000 Beschäftigten. „Siemens wird einen derart drastischen Schritt aber wohl nur dann wagen, wenn sich die wirtschaftliche Situation noch weiter verschlechtert“, sagt Klusmann. Siemens wollte mögliche Abbauzahlen nicht kommentieren.

Sektor Industrie: Vier von sechs Unterdivisionen sind von starkem Auftragsrückgang betroffen Quelle: Siemens

Dabei hatte Konzernchef Löscher offenbar gehofft, ohne großen Stellenabbau durch das Jahr 2010 zu kommen. Noch bis weit in den Dezember hinein hatte er die Notwendigkeit eines Stellenabbaus im größeren Stil bestritten. „Es gibt keinen Bedarf für ein weiteres konzernweites Programm“, sagte Löscher im Interview mit der WirtschaftsWoche vor Weihnachten. „Wir sind im Vergleich zu allen großen Wettbewerbern stabiler durch die Krise gekommen.“

Das stimmt zwar: Dank frühzeitig eingeleiteter Sparmaßnahmen hat Siemens im Geschäftsjahr 2009 mit seinen drei Sektoren Industrie, Energie und Gesundheit einen operativen Gewinn in Höhe von 7,5 Milliarden Euro erzielt. Dazu trug bei, dass Löscher im vergangenen Jahr relativ geräuschlos rund 22.000 Stellen abbaute. Zugleich gelang es ihm, von der Krise als erste getroffene Geschäftsfelder mit jenen auszubalancieren, die bisher relativ resistent waren. So brachen 2009 frühzyklische Bereiche wie die Lichttochter Osram oder die Antriebstechnik, die auf konjunkturelle Abschwächung ebenso schnell reagieren wie auf den Aufschwung, stark ein. Im Gegenzug stützten Langläufer wie der Energiesektor, wo von der Planung bis zur Abnahme eines Kraftwerks Jahre vergehen, das Geschäft.

Bei Siemens droht weiterer Stellenabbau

Genau das wird dem 52-jährigen Österreicher im laufenden Jahr jedoch deutlich schwerer fallen, weswegen nun ein Stellabbau von bis zu 20.000 Jobs droht. „Das Geschäft der bisher stabilen Nicht-Industrie-Bereiche wird schlechter, während der Industriesektor im Tief verharrt und erst im zweiten Halbjahr langsam wieder wachsen wird“, sagt Merck-Finck-Analyst Kitz, „die Betonung liegt auf langsam.“ Deshalb werde es „noch Jahre dauern“, sagt auch sein Kollege Klusmann, bis das Industriegeschäft rund um Industrieautomatisierung und Gebäudetechnik wieder zum Vorkrisenniveau aufschließt.

Krise könnte bis 2012 andauern

Grafik: Umsatzanteile der Siemens-Sektoren 2009 (Klicken Sie auf die Grafik für eine erweiterte Ansicht)

Grund für die trüben Aussichten im größten Siemens-Geschäftssektor ist die Skepsis in der deutschen Metall- und Elektroindustrie, die zu den wichtigsten Kunden von Siemens zählt. „Der Weg aus dem Tal hinaus wird mindestens bis 2012 dauern“, sagte Gesamtmetall-Chef Martin Kannegießer am vergangenen Dienstag. Laut Schätzung des Arbeitgeberverbandes müsste die Produktion der Metall- und Elektroindustrie um 30 Prozent, der Auftragseingang gar um 35 Prozent zulegen, um auf den Stand von 2007 zu klettern.

Die Vorboten dieser bedrohlichen Entwicklung sind schon in einigen Untersparten des Industriegeschäfts abzulesen: So brach beispielsweise der Auftragseingang in den Industrie-Divisionen Antriebstechnik und Industrielösungen im vierten Quartal des abgelaufenen Geschäftsjahres um jeweils mehr als 30 Prozent gegenüber dem Vorjahr ein; neue Bestellungen in der Industrieautomatisierung lagen mit rund einem Viertel im Minus.

Grafik: Auftragseingang der Siemens-Divisionen (Klicken Sie auf die Grafik für eine erweiterte Ansicht)

Bis auf die Lichttochter Osram und die nach einer Restrukturierung wieder gut laufende Verkehrstechniktochter Mobility haben die vier restlichen Untersparten des Industriesektors daher mit Blick aufs Geschäftsjahr 2011 jeweils zwischen 20 und 35 Prozent Leute zu viel an Bord, hat BHF-Bank-Analyst Klusmann berechnet. Dies basiert auf der Annahme, dass der Umsatz des Industriesektors im laufenden Geschäftsjahr um rund zehn Prozent fällt und im kommenden nur ein Plus von rund vier Prozent aufweist.

Gleichzeitig schwinden auch Löschers Hoffnungen, die wichtigsten Auslandsmärkte könnten das schwächelnde Industriegeschäft in Deutschland kompensieren. So beginnt die globale Wirtschaftskrise auch im Geschäft mit China Bremsspuren zu hinterlassen, so sehr die Volksrepublik die Konjunktur auch angekurbelt hat. Das Volumen neuer Aufträge aus China legte bei Siemens im Geschäftsjahr 2009, das im September endete, lediglich um lächerliche ein Prozent auf 5,5 Milliarden Euro zu – im Vorjahreszeitraum konnte Siemens noch ein Plus von 12 Prozent verbuchen.

Siemens muss ehrgeizige Ziele aussetzen

Ähnlich entwickelte sich der tatsächliche Umsatz. Lag dessen Zuwachs im Finanzjahr 2008 noch bei 18 Prozent, mussten sich die Münchner 2009 mit einem Plus von sieben Prozent auf 5,2 Milliarden Euro begnügen. Von seinem Ziel, im Reich der Mitte doppelt so schnell zu wachsen wie die chinesische Wirtschaft, ist Siemens derzeit weit entfernt. „Es war eine extrem schwierige Situation, als Chinas Wachstum im Frühjahr auf 6,1 Prozent abfiel“, räumt Siemens-China-Chef Richard Hausmann ein.

Damit scheint aber Hausmanns Rechnung nicht aufzugehen, vom Konjunkturpaket der chinesischen Regierung zu profitieren. Rund 400 Milliarden Euro pumpt Peking in die eigene Wirtschaft, um das Wachstum stabil über acht Prozent zu halten. Etwa die Hälfte der Mittel soll in den Bau neuer Flughäfen, Zugstrecken und Bahnhöfe fließen – eigentlich Paradeprojekte für Siemens.

Löscher legt großen Wert auf Internationalität

Grafik: Operativer Gewinn der drei Siemens-Sektoren 2009 (Klicken Sie auf die Grafik für eine erweiterte Ansicht)

Offiziell heißt es denn auch, Siemens rechne mit Aufträgen im Umfang von zwei Milliarden Euro aus dem chinesischen Konjunkturpaket. Intern sei die Nervosität allerdings groß, berichtet ein Insider, denn Peking mache mit seiner Ankündigung vom vergangenen Jahr ernst, vom staatlichen Geldsegen sollten vor allem heimische Unternehmen profitieren. Nicht von ungefähr will bei Siemens bis heute niemand beziffern, in welchem Umfang der Konzern bisher von dem Anfang 2009 aufgelegten Konjunkturpaket der Chinesen profitiert hat.

Löscher jedenfalls ist gewillt, die Position von Siemens in einem schwieriger werdenden Markt mit aller Macht zu verteidigen. Noch im laufenden Jahr soll China-Chef Hausmann seinen Stuhl räumen, verlautet aus dem Unternehmen. Löscher, der ohnehin großen Wert auf Internationalität im Management legt, besteht darauf, dass der Nachfolger ein Chinese wird. Damit will er das Geschäft stärker in den Regionen verankern. Siemens wollte die Personalie nicht kommentieren.

Kursverlauf der Siemens-Aktie zwischen 2007-2009 (Klicken Sie auf die Grafik für eine erweiterte Auswahl)

Mit Problemen anderer Art sieht sich Löscher in den Vereinigten Staaten konfrontiert. Im vergangenen Sommer kündigte der erfolgreiche und langjährige USA-Chef George Nolen überraschend seinen Abgang an. Siemens-Insider erklären dies damit, dass Nolen Löschers Konzernumbau nichts abgewinnen konnte. Der zielte unter anderem auf eine engere Anbindung der Landesgesellschaften an die Siemens-Zentrale am Wittelsbacherplatz in München. Siemens-Veteran Nolen war der Meinung, das USA-Geschäft sei auch so hervorragend aufgestellt, dagegen will es Löscher stärker an die Kandare nehmen. Doch so mancher bei Siemens bezweifelt, ob das eine gute Idee ist. Zwischen 2004 und 2008 hatte Nolen sehr zum Ärger des amerikanischen Siemens-Konkurrenten General Electric den US-Umsatz immerhin um rund 35 Prozent steigern können.

Siemens will im US-Geschäft punkten

Nachdem Siemens-Vorstand Peter Solmssen fünf Monate lang für Nolen eingesprungen war, macht sich nun Nicht-Siemensianer Eric Spiegel, der von der Unternehmensberatung Booz kommt, jenseits des Atlantiks an die Arbeit. Spiegel wird Siemens nicht mehr von New York, sondern von Washington aus führen. Auf diese Weise hoffen die Münchner, bei staatlichen Aufträgen aus dem US-Konjunkturpaket nicht so leicht von amerikanischen Konkurrenten abgehängt zu werden. Rund 120 Milliarden Dollar an erwarteten Aufträgen, an denen Siemens partizipieren könnte, hat Löscher in den USA identifiziert. Acht Milliarden davon, so verkündete er im Juni 2009, wolle Siemens ergattern.

Noch ist schwer abzuschätzen, ob Löscher dieses Ziel erreichen wird. Bisher scheinen eher nur kleinere Aufträge eingetrudelt zu sein. Doch die Bieterwettbewerbe für die dicken Brocken, etwa bei Infrastrukturprojekten, laufen noch und werden erst in diesem Jahr entschieden. Um vom wirtschaftlichen Push der US-Regierung unter Präsident Barack Obama in Richtung saubere Energien zu profitieren, steht Siemens zumindest bereit. 2007 eröffnete der Konzern eine neue Fabrik zur Produktion von Windrädern im US-Bundesstaat Iowa. 2008 folgte eine Produktionsstätte für Windturbinengetriebe in Illinois, schließlich eine weitere für Windturbinengehäuse in Kansas.

Siemens kämpft gegen "Buy American"

Allerdings kämpft Deutschlands langjähriger Vorzeigekonzern in den USA – ähnlich wie in China – gegen das Image, ein ausländischer Konzern zu sein. Das erweist sich bei Aufträgen mit „Buy American-Klausel“ („Kauft amerikanisch!“) immer noch als mögliche Hürde. Um diese zu überwinden, hatten die Deutschen bereits im vergangenen Herbst in einer Anzeigenkampagne in wichtigen US-Tageszeitungen wie dem „Wall Street Journal“ ihre Identifikation mit Amerika herausgestellt: „Wir haben die Antworten für die großen Fragen, mit denen unser Land konfrontiert ist.“

 Die heikelsten Antworten muss Löscher allerdings wohl in Bälde in Deutschland geben. Denn hier fragen sich Eingeweihte, ob er sich traut, noch einmal ein größeres Sparpaket zu verkünden. Dies würde zwar für Klarheit bei den Anlegern sorgen, die seit Langem eine Anpassung der Fertigungskapazitäten an das geschwundene Auftragsniveau erwarten. Gleichzeitig würde Löscher damit aber die eigene, vom vorherigen Stellenabbau und Schmiergeldskandal geschundene Belegschaft erneut stark verunsichern.

Daher spricht vieles dafür, dass Löscher seine bisherige Salamitaktik beibehält. Das bedeutet, regional und auf einzelne Geschäftsbereiche fokussiert Jobs abzubauen. Genau diese Hintertür hatte er sich vor einem Monat in der WirtschaftsWoche offen gelassen: „Wir werden punktuell und standortbezogen handeln, wenn die Umstände das erfordern.“

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%