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Elitärer Zirkel Folgen der Finanzkrise sind hausgemacht

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Enges Geflecht

Für die Banken ist das mithilfe der Ratingagenturen aufgebaute System deshalb so attraktiv, weil sie die Pakete, anders als bei der traditionellen Kreditvergabe, nicht mit Eigenkapital unterlegen müssen. Sie können die Papiere in Zweckgesellschaften ausgliedern. So verschwinden milliardenschwere Risiken aus der Bilanz. „Diese Methode hätte von den Aufsichtsbehörden niemals erlaubt werden dürfen“, so ein Banker selbstkritisch. Und hier kommt ein weiterer Verantwortlicher ins Spiel:

Verantwortlicher Nummer drei hält sich lieber im Hintergrund. Einer der Orte, wo sich seine Vertreter treffen, ist London, die Little Trinity Lane, unweit der St. Paul’s Kathedrale. In der altehrwürdigen Painters’ Hall treffen sich dort regelmäßig 14 Damen und Herren – Hauptmerkmal: lichtes Haar, weißer Schopf. Ihre Aufgabe: die Erstellung von weltweiten Bilanzierungsregeln. Sie wissen genau, was von ihnen verlangt wird. Denn sie haben früher bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG gearbeitet, wie Gilbert Gélard. Sie waren Spezialisten für die Bewertung komplexer Finanzprodukte bei der Schweizer Großbank UBS, wie Stephen Cooper. Oder sie waren bei der französischen Finanzaufsicht tätig, wie Philippe Danjou. Heute erstellen sie die Regeln für den Bilanzstandard IFRS, die die Grundlage für die Zahlenwerke von Millionen Unternehmen in mehr als 90 Ländern sind.

Bezahlt wird der elitäre 14-er Zirkel, das International Accounting Standards Board (IASB), von den großen Wirtschaftsprü- » fungsgesellschaften, von den Banken, von Industrieunternehmen und Ratingagenturen. Die Banken wiederum zahlen die Wirtschaftsprüfer „für deren Prüfungsleistung“, wie es offiziell heißt. In der Realität steht jedoch dem Honorar in schöner Regelmäßigkeit ein Testat gegenüber. Mit dem Testat wird der Öffentlichkeit dann suggeriert, in den Zahlenwerken der Banken sei alles in Ordnung. Ein Trugschluss, wie sich zeigt.

So hat erst das IASB ebenso wie sein amerikanisches Pendant FASB ermöglicht, dass auch in Kapitalmarktdingen unbedarfte Mittelklassebanker wie der IKB-Chef Stefan Ortseifen sich einmal ganz groß fühlen konnten, Milliarden außerhalb der Bilanz parken durften und mit riskanten Geschäften die Zahlen unsichtbar aufpolierten. „Banken wie die IKB können völlig unproblematisch Risiken aus der Konzernbilanz in Zweckgesellschaften lagern. Sie brauchen einfach keine Stimmrechtsmehrheit daran halten“, erklärt Alexandra Krieger, Spezialistin für Rechnungslegung bei der Hans Böckler Stiftung in Düsseldorf, den nach Regeln à la IASB erlaubten Trick.

Die Bilanzregeln sind heutzutage wegen solcher nachlässiger Vorschriften so biegsam wie ein Schilfrohr im Orkan. So müssen Banken Risiken nur verbuchen, wenn Finanzchefs diese als „wahrscheinlich“ einordnen. Die Regel führt zu Ignoranz. So fand sich „im Risikobericht der IKB keine Aussage zur Zweckgesellschaft“, kritisiert Krieger. Nun entpuppt sich das Spiel als das, was es von Anfang an war: Russisches Roulette. Auf die Aussagen der Beteiligten ist kein Verlass. Auch nicht auf die des letzten Verantwortlichen im Bunde:

Verantwortlicher Nummer vier ist die Gruppe der Wirtschaftsprüfer. Sie war schon einmal ins Gerede gekommen, als vor wenigen Jahren eine Serie von Bilanzskandalen die Börsen erschütterte. Etwa der des einst weltgrößten Energiehändlers Enron. Der hatte auf langlaufende Energiekontrakte, für die es keinen Markt gab, zukünftige Erträge geschätzt und so Investoren hohe Vermögenswerte in der Bilanz vorgegaukelt. Als sich alle Annahmen als völlig aus der Luft gegriffen erwiesen, legte Enron vor gut sechs Jahren eine 70-Milliarden-Dollar-Pleite hin – die größte Blamage in der amerikanischen Wirtschaftsgeschichte. Die pflichtbewusst die Bilanz testierende, damals viertgrößte Wirtschaftsprüfungsgesellschaft der Welt, Arthur Andersen, ging gleich mit in den Bankrott.

Exakt vor derselben Aufgabe wie damals bei Enron stehen die Wirtschaftsprüfer dieser Tage. Millionen an Kreditpaketen haben die Banken und ihre außerbilanziellen Zweckgesellschaften zerstückelt und unterschiedlich wieder zusammengelegt. Pakete, für die es ebenso wie seinerzeit bei Enron keinen Markt gibt und über deren Wert nur spekuliert werden kann. Häufig gibt es keinerlei Dokumentationen und damit keine Informationen über die Werthaltigkeit der Papiere. Dort, wo es sie gibt, bei strukturierten Produkten auf Unternehmenskredite beispielsweise, müssten sich die Wirtschaftsprüfer durch Tausende von Seiten wühlen, um ihre Pflicht zu erfüllen. Tausende von Seiten für ein strukturiertes Papier wohlgemerkt, das vielleicht nur mit ein paar Hunderttausend Euro vermeintlichem Wert in einer Bank-Bilanz verbucht ist. Eine Herkulesaufgabe, die die Prüfer gar nicht bewältigen können, selbst wenn sie es wollten.

So bleibt ein Großteil des Bilanzvermögens der Banken ein reiner Schätzwert. Eine Schönwetteraussicht testieren die Wirtschaftsprüfer beispielsweise bei der Citigroup. Sie hat erst ein gutes Drittel auf ihre strukturierten Produkte abgewertet. Ganz andere Maßstäbe gelten dagegen offenbar beim Konkurrenten Morgan Stanley, der vergleichbare Papiere um 80 Prozent abgeschrieben hat.

Wer also bringt Licht ins Dunkel? Sie alle wollen es nicht oder können nicht: Banken, Ratingagenturen, Bilanzgremien und Wirtschaftsprüfer. Orientierung gibt eine neue Studie von Anfang Februar. Darin diktieren die Analysten von Goldman Sachs, der bisher kaum von der Krise betroffenen US-Bank, ihren Kollegen weitere Horrorzahlen in die Bücher. Demnach sollen sich weltweit die Verluste aus Gewerbeimmobilien, staatlichen Wohnungsbaufinanzierungen, Verbraucher- und Unternehmenskrediten auf 330 Milliarden Dollar summieren. Dazu erwartet Goldman Sachs Abschreibungen auf faule Kredite aus minderwertigen Hypotheken von am Ende 210 Milliarden Dollar. Gigantische 540 Milliarden Dollar Minus müssten die Bank-, Versicherungs- und Pensionskassenbilanzen insgesamt verkraften. Sollte die Prognose zutreffen, hätten die Finanzdienstleister erst ein Drittel des Abschreibungsmarathons hinter sich.

Und selbst diese Schätzung könnte noch zu niedrig sein. Der wichtigste Marktindex für forderungsbesicherte Hypothekenpapiere, der ABX-Index, signalisiert ein Gesamtminus von 415,6 Milliarden Dollar allein für Verluste aus Subprime-Krediten.

Alles Erkenntnisse, die Banken und Wirtschaftsprüfer nicht stören müssen. Denn die Bilanzregeln erlauben ihnen über die weitere Entwicklung bei US-Hypothekenschulden, bei Auto- oder Unternehmenskrediten, bei Zinssätzen und Ratings zu philosophieren. „Annahmen über zukünftige Annahmen der Märkte“ dürfen sie laut Regelwerk beispielsweise dabei treffen.

Und bei der Deutschen Bank? 1300 Milliarden an „fair bewertetem Vermögen“ unterschiedlichster Herkunft und Sicherheit stehen nach den letzten verfügbaren Zahlen per Ende September 2007 auf dem Papier. Rund die vierfache Summe des Bilanzwertes vor fünf Jahren. Wie viel der 1300 Milliarden nur unsichere Schätzwerte sind, weiß niemand. Nicht einmal Ackermann. Seine Bilanz wird der Schweizer erst am 26. März vorlegen. Solange müssen seine Finanztruppe und die Wirtschaftsprüfer noch über Annahmen über zukünftige Annahmen der Märkte philosophieren.

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