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EM-Einwurf Erfolgloser Glücksbringer

Haben Sie brav die bisherigen Einwürfe zur EM auf dieser Seite gelesen und denken Sie jetzt daran, als Dankeschön dem Autor zum nächsten Heimspiel Ihres Lieblingsvereins eine Eintrittskarte zu kaufen? Nett von Ihnen, aber lassen Sie's bleiben: Ich bringe kein Glück.

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WirtschaftsWoche-Redakteur Hans Jakob Ginsburg

Während der zweiten Runde der Gruppenphase, lang ist das her, war ich in Berlin. Zum Spiel Tschechien gegen Portugal lud die Botschaft der Tschechischen Republik in der Wilhelmstraße die Landsleute zum gemeinsamen Gucken ein.

Ich konnte schon vorher auf Tschechisch "Guten Abend" sagen, das reichte für den Einlass, und im Kinosaal der Botschaft lernte ich dann "Czechy! Czechy!" skandieren, zusammen mit vielleicht 150 Brückner- und Koller-Fans, darunter überraschend vielen Deutschen. Geholfen hat es bekanntlich nicht, die Portugiesen waren einfach stärker, und das oder so etwas Ähnliches muss auch der Fernsehreporter aus Prag gemeint haben, jedenfalls klang es so über die Satellitenschüssel.

Es gab ausgezeichnetes Kruschowitzer vom Fass, Gulaschsuppe auf höchstem spielerischen Niveau, und beim Abschiedsbier nach der Niederlage hörte ich einen jungen deutschen Herrn im sommerlich unbequemen Anzug lautstark mitteilen, die Tschechen hätten aber sehr, sehr gut gespielt. Im Auswärtigen Amt haben wir eben sehr, sehr gute Diplomaten.

Auf nach Venlo

Hätte ich mich später am selben Abend noch in die türkische Botschaft eingeschlichen, die Geschichte dieser Europameisterschaft wäre anders gelaufen. Statt dessen wartete ich mit meinem nächsten Besuch bei ausländischen Freunden bis vergangenen Samstag.

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    Und fuhr nach Venlo, für Düsseldorfer nicht weit. Venlo muss man für Nicht-Rheinruhrdeutsche erklären: Offiziell eine Stadt am Ostrand des Königreichs der Niederlande, im wirklichen Leben ein Einkaufsplatz für Rheinländer, die hier Käse kaufen, weil die Auswahl größer ist als in Deutschland, Fisch kaufen, weil die Marktschreier so tun, als hätten sie irgendwann im Leben mal selber die Nordsee gesehen, Kaffee kaufen, weil der hier so billig ist.

    Das lohnt sich bei den heutigen Spritpreisen für alle, die nicht weiter als zehn Kilometer von der Grenze wohnen, aber das Gefühl der Weltläufigkeit ist unbezahlbar. Darum gibt es auch in der Venloer Innenstadt jede Menge Kneipen, Restaurants und Cafés mit schon in ganz normalen Zeiten ganz viel Orange und Rot-weiß-blau.

    Ausgeschieden: Holländische Quelle: dpa

    Wo also hätten wir besser den Triumph des holländischen Weltklasseteams gegen die aufstrebenden Jünglinge aus Petersburg und Moskau feiern können als in Venlo? Ja, wenn es diese Feier irgendwo auf der Welt gegeben hätte...

    Bleibt zu erinnern, dass die vielen, vielen Fans in orangenen T-Shirts ausgesprochen nett waren zu den zugereisten Fremdlingen, vielleicht bis auf die Altherrenmannschaft des Basketballklubs Venlo, die zwischen der Fernsehleinwand und dem nicht gerade groß gewachsenen Berichterstatter der WirtschaftsWoche den Raum ausfüllte. Ach, hätten Nigel de Jong , Joris Mathijsen und André Ooijer sich ein Vorbild am geschickten Stellungsspiel der Venloer Recken genommen! Warum sie das nicht getan haben, kann ich so genau nicht sagen, weil die Basketballer mir meistens die Sicht versperrten.

    Aber klein zu sein, hat einen Riesenvorteil: Man neigt zum Optimismus. Wenn die langen Leute auf ein Glas gucken und feststellen, es ist halb leer, dann ist es aus der Sicht von uns Kleinen immer mindestens halb voll. Also brauche ich die historischen Parallelen gar nicht zu strapazieren, um vor dem deutschen Türkeispiel optimistisch zu sein. Erinnert sei trotzdem an die beiden bisherigen deutsch-türkischen Länderspiele bei Welt- und Europameisterschaften. Beide in der Schweiz, das erste am 17. Juni 1954, 4:1 für Deutschland, erster Sieg auf dem Wieg zur Weltmeisterschaft. Weil der damalige Austragungsmodus noch verrückter war als der heute, das zweite Spiel derselben Mannschaften gleich sechs Tage später, 7:2 für die Deutschen.

    Anruf im türkischen Konsulat

    Vielleicht, weil die Türken nach diesen Ergebnissen die Lust vergangen war, traten sie in den 54 Jahren seitdem nur noch dreizehn Mal gegen die DFB-Auswahl an, acht Mal davon in Qualifikationsrunden für Welt- und Europameisterschaften (insgesamt acht deutsche Siege, zwei türkische, drei Unentschieden). In der türkischen Deutschlandbilanz tauchen drei weitere türkische Siege aus, der letzte am 12. April 1989: 2:0 in Ostberlin gegen die DDR vor einem lautstarken türkisch-westberlinischen Fanblock, fast schon die Abschiedsvorstellung der gastgebenden Nationalmannschaft.

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      Was damals keiner wissen konnte. Die Weltgeschichte ist nicht prognostizierbar, fast so wenig wie der Fußball. Aber Sie können hoffen: Ich rufe gleich beim Türkischen Generalkonsulat hier in Düsseldorf an und lade mich für morgen Abend ein. Verraten Sie denen nicht, warum.

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