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Ende der Ära Bernotat Dauerkronprinz Teyssen steht bei E.On in den Startlöchern

E.On-Vizechef und Dauerkronprinz Johannes Teyssen wird offenbar die Führung von E.On übernehmen. Teyssen wird den Energiekonzern von Grund auf umkrempeln. Denn es sieht nicht gut aus, im Innern des Hauses E.On.

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ARCHIV - Johannes Teyssen, Quelle: AP

Wie ein Marathonläufer wirkt er - der 49-jährige Jurist Johannes Teyssen, der nach Angaben von E.On-Managern noch vor der Sommerpause den noch amtierenden Wulf Bernotat auf dem Chefposten von E.On nachfolgen soll. Der Hildesheimer, der bereits seit fünf Jahren im Konzernvorstand den Strom- und Gasvertrieb verantwortet, hat drei Attribute: den langen Atem eines Langstreckenläufers, die Zähigkeit eines Kaugummis und jede Menge Ehrgeiz.

Er verfügt über die besondere Eigenschaft, über lange Zeitdistanzen im Verborgenen seine Machtposition auszubauen, den Kopf jedoch für Publicity und Talkrunden eigentlich nie ins Scheinwerferlicht zu strecken - bisher jedefalls nicht. Doch das wird sich nun ändern. Wulf Bernotat, der im Konzern geachtete - und von einer Seelenruhe gesegnet, die an äußerliche Gleichgültigkeit grenzt - will nicht mehr als 62-Jähriger den größten privaten Energiekonzern Europas mit 87 Milliarden Euro Umsatz führen.

Rein rechnerisch wird er im Mai 2010 ausscheiden - ob er in den Aufsichtsrat wechselt ist ungewiss. Aber schon weit vorher - schon in wenigen Wochen, wie hochrangige E.On-Manager versprechen, wird Dauerkronprinz Teyssen die Führung von E.On übernehmen und die Ära Bernotat beenden. Das Unternehmen steht nicht gut da - nach Kriterien der Energiewirtschaft, die sich nie mit Luftballonherstellern oder Automobilproduzenten vergleichen würde.

Johannes Teyssen soll bald vieles anders machen bei E.ON - zumindest in den Kernbereichen

Natürlich geht es dem wirtschaftlichen Umfeld noch viel dreckiger. Energiewirtschaft vergleicht sich mit Energiewirtschaft, und schaut mit einer Prise nonchanlanter Blasiertheit im Zweifelsfall nur auf sich selbst. Man ist sein eigener Motor und brauchte keinen Antrieb über Branchenvergleiche, Benchmarking oder Konkurrenzbeobachtung.

Und es sieht es nicht gut aus im Inneren des Hauses E.On. Johannes Teyssen soll bald vieles anders machen, zumindest in Kernbereichen. Der Gewinn hat sich zuletzt auf ein Sechstel reduziert und beträgt nur noch 1,3 Milliarden Euro. Der Grund: Hohe Wertberichtigungen auf Endesa-Unternehmensteile in Italien und auf E.On-Unternehmen in den USA, die nicht allein auf Bernotat zurückzuführen sind, aber dummerweise in seine Amtszeit fallen.

Zuviel Pech darf ein Vorstandschef nicht haben. Dass andere Vorstandschefs auch Pech haben - wen interessiert’s bei E.On? Der 6000 Kilometer von der Düsseldorfer Konzernzentrale entfernt liegende sibirische Stromproduzent OGK-4 sei zu teuer eingekauft worden und über die Kilometer- und Kulturdistanzen schwer zu kontrollieren, sagen Bernotats Inhouse-Kritiker.

Zur russischen Managementkultur gehört nun einmal das, was als Korruption im Westen verpönt ist. Die russische Strommarktliberalisierung, die den Russen natürlich wie im Westen höhere Strompreise einbrocken würde, liegt politisch in weiter Ferne. Treffen der E.On-Spitze mit Wladimir Putin in der Duma bringen nur Lippenbekenntnisse für die Liberalisierung - die aber nötig ist für Gewinne für E.On aus Russland.

Dass die Komplettübernahme des spanischen Versorgers Endesa nicht geklappt hat, ist Bernotat bei E.On nur halb verziehen worden. Ihm wurden mangelnde politische Sensibilitäten im Umgang mit der spanischen Regierung vorgeworfen, die Endesa quasi als ihr Eigentum betrachtet.

Nichts Besonders in der Energiewirtschaft.

Dass E.On Ruhrgebietsnachbar RWE beim Gewinn eine enorme Aufholjagd begonnen hat, sehen E.Ons Spitzenmanager dagegen kaum als große Bedrohung an - mit Skepsis in den Augen spricht man eher von einem "großen Stadtwerk", wenn die Rede auf RWE kommt  - während sich Bernotat mit internationalen Playern wie Shell, BP oder General Electric vergleicht.

Geschmerzt hat bei E.On nur, dass es Konkurrent RWE gelang, den holländischen Kommunalversorger Essen unter seine Fittiche zu bringen. Kann Bernotat etwa nicht mit kommunalen oder nationalen Politikern, sondern nur mit Finanzmarktstrategen umgehen?

Es nützte Bernotat zum Schluss nicht, dass der Essent-Deal bei RWE wegen regionalpolitischer Vorbehalte nun doch wahrscheinlich nicht klappt. Der Vorstoß des Konkurrenten hat eine Schwachseite Bernotats offengelegt, er flankt schlecht in Richtung Politik.

Das aber kann Teyssen. Seine Vergangenheit liegt nicht bei Shell, wo Bernotat zwanzig Jahre lang sozialisiert und globalisiert wurde. Statt Portugal, Frankreich oder in der Londoner City, wo Bernotat mental zuhause ist, kennt Teyssen das Flächengebiet der Niedersachsen umso besser.

Wer darüber lächelt, weiß nicht, dass hier Energiekunden sitzen, die heftig Strom abnehmen - und dass über Jahrzehnte. Volkswagen zum Beispiel oder Salzgitter, aber auch Kommunen - Braunschweig, Hildesheim, Hannover.

Bernotat war anzumerken, dass leichte Resignation in sein Managerleben Einzug gehalten hatte

Mit diesen knorrigen, häufig kompliziert denkenden Regionalfürsten und Stromeinkäufern hat Teyssen mit der Ausgeglichenheit eines Hildesheimers lange dauernde Verträge abgeschlossen - von denen E.On heute ebenso profitiert wie von der bayrischen Industrie - in Bayern betreibt E.On eine Reihe von Kernkraftwerken.

Und Teyssen war als Chef der niedersächsischen  E.On-Beteiligung Avacon sowie als in München ansässiger Energieboss von E.On immer mittendrin im Kerngeschäft. Hätte er mit diesem Langmut eines Langstreckenläufers Endesa bekommen? Hätte er sich Essen einverleibt? Hätte, hätte, hätte.

Im Konditional dachte bei E.On in den vergangenen Monaten so mancher. Was wäre gewesen, wenn Endesa im E.On-Reich gelandet wäre? Auf jeden Fall würde Bernotat dann bis zu seinem als 67. Lebensjahr als E.On-Chef wirken. Die interne Regelung, dass nach dem 60 Lebensjahr die Vorstandsverträge nur um zwei Jahre verlängert werden, wäre bei so einem durchschlagenden internationalen Erfolg natürlich obsolet gewesen.

Bernotat war im Gespräch zum Schluss anzumerken, dass leichte Resignation in sein Managerleben Einzug gehalten hatte. Er klagte über die "tiefe Skepsis unserer Gesellschaft gegenüber Marktprozessen". Und fünf Tage vor der Bekanntgabe seines Amtsendes sagte er bei einer privaten Festivität des RWE-Chefs Jürgen Großmann in Osnabrück über das Verhältnis Unternehmen und Staat: "Ohne einen Therapeuten zu Rate zu ziehen: Die Entfremdung beider Partner ist weit fortgeschritten". 

Nun betritt ein 49-Jähriger die E.On-Bühne mit neuem Stil. Für Teyssen sind Kommunen und Staaten in ganz Europa immer noch hartnäckige Stromkunden und Auftragggebern - und keine Patienten auf dem Couch.  

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