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Ende von 9Live Kein Schwein ruft mehr an

Der lange Zeit profitabelste aber auch umstrittenste TV-Sender Deutschlands macht dicht. ProSiebenSat1 stellt den Betrieb des Gewinnspiel-Kanals 9Live ein. Ein Abgesang von Oliver Voß.

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9Live Quelle: Screenshot Internetauftritt 9Live

Absurd, komisch, beschämend, betrügerisch – mit all diesen Worten kann man den Trashquiz-Sender 9Live beschreiben. Der zur ProSiebenSat.1-Gruppe gehörende Sender ist auf jeden Fall einer der absurdesten Kanäle in der Geschichte des deutschen Fernsehens und lange Zeit war er einer der lukrativsten.

Im September hätte 9Live seinen 10. Geburtstag gefeiert, doch den wird der Sender nicht mehr erleben. Nachdem die Aufsichtsbehörden 2009 die Regeln für die dubiosen Ratespiele  verschärft hatten, waren die Einnahmen deutlich eingebrochen. Nun zieht ProSiebenSat.1 einen Schlussstrich, Ende des Monats wird der Live-Betrieb eingestellt.

13 Stunden Durchstellpause

Vermissen dürfte den Kanal wohl niemand. Wer auch nur zehn Minuten dabei zugeschaut hat, wie ehemalige Big Brother Insassen die Zuschauer zu teuren Anrufen animierten und dabei mit vermeintlich zu gewinnenden Geldscheinen wedelten, konnte eigentlich nur lachen, weinen oder wegschalten.

„Das Rätsel ist doch so leicht, wieso ruft denn keiner an?“, schrien die Animateure in immer neuen Variationen auf dem Schirm. „Wie kann überhaupt jemand auf die Idee kommen, dort anzurufen?“, fragte sich hingegen jeder halbwegs normal denkende Zuschauer. Doch es war nur einer der perfiden Tricks von 9Live, dass niemand durchgestellt wurde, während im Hintergrund die Drähte heiß liefen.

Weihnachten 2007 dauerte es nach Beobachtungen der „FAZ“ einmal 13 Stunden, bis ein Anrufer ins Studio durchgestellt wurde, Pausen von zwei bis vier Stunden waren keine Seltenheit. Doch währenddessen suggerierten wild blinkende Countdowns, das Spiel wäre in wenigen Minuten vorbei, es müsse jeden Moment jemand durchkommen um zu gewinnen. Auf diese Weise vertelefonierten viele leichtgläubige Zuschauer drei- bis vierstellige Summen. Eine Rentnerin, handelte sich mit fast 50 000 Anrufen eine Telefonrechnung von über 23 000 Euro ein.

Doch auch wer tatsächlich einmal zu den Moderatoren durchkam, wurde oft enttäuscht. Als „Wörter mit -haus“ sollten Begriffe wie „Landesgruppenhaus“ erraten werden; der gesuchte, vermeintlich so simple Frauenname, mit der Endung A, hieß schon mal Ognjena.

Dubiose Methoden bei 9Live

„Der Sender hat oft hart an der Grenze zum Betrug agiert“, sagt Marc Doehler. Kaum jemand hat soviel 9Live gesehen, wie der Informatiker aus Berlin. Über mehrere Jahre zeichnete er die Programme des Senders und anderer Call-In-Shows auf und dokumentierte die dubiosen Methoden und besonders krasse Fälle in einem eigenen Forum. Dass die Masche nicht mehr zieht, beobachtet Doehler schon lange. „Ich bin aber überrascht, dass doch so schnell Schluss ist.“  

Ausschlaggebend war sicher die Verschärfung der Regeln. Nachdem Doehler und seine Mitstreiter aber auch diverse Medien immer wieder über die zweifelhaften Praktiken berichtet hatten, reagierten auch die Aufsichtsbehörden.

Intransparenz, irreführende Äußerungen oder das Vorgaukeln von Zeitdruck wurden stärker geahndet, wegen mehrfacher Verstöße wurden gegen den Sender teils drastische Bußgelder verhängt.

Erst im vergangenen November schlossen die Landesmedienanstalten und die ProSiebenSat.1-Gruppe einen Vergleich. Die Sender 9Live, Sat.1, Kabel 1 und Pro Sieben zahlten wegen Verstößen in Call-In-Sendungen Bußgelder von insgesamt 100 000 Euro.

Einst profitabelster deutscher Fernsehsender

„Die Gewinnspielsatzung hat dazu beigetragen, dass die Spiele fairer wurden“, sagt Doehler. Doch das wirkte sich auf die Umsätze aus. Im ersten Quartal nahm 9Live nur noch 9,2 Millionen Euro ein, fast fünf Millionen weniger als im Vorjahreszeitraum. Auf dem Höhepunkt des Call-In-Booms 2007 hatte der Sender noch 100 Millionen Euro eingespielt und galt mit einer Rendite von 30 Prozent als profitabelster deutscher Fernsehsender.    

Das bevorstehende Ende von 9Live belastet nun auch das ansonsten gute Ergebnis der Sendergruppe mit einer Minderung der immateriellen Vermögenswerte. 11,2 Millionen Euro muss ProSiebenSat1 abschreiben.

Trotzdem dürfte die Erleichterung bei Konzernchef Thomas Ebeling groß sein. Schon lange war 9Live von einer Cashcow zum ungeliebten Schmuddelkind geworden. Er könne mit dem Geschäftsergebnis von 9Live leben, aber „es ist kein attraktives Leben“, erklärte Ebeling im Vorjahr.

Bald hat diese traurige Existenz ein Ende und erstmals in der Geschichte von 9Live gibt es bis auf die verbliebenen 60 Mitarbeiter zum ersten Mal ausschließlich Gewinner.

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