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Energie Stromlücke droht

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Auf Kante genäht

Solche und ähnliche Gefahren resultieren aus dem Wegfall großer Kapazitäten zur Stromerzeugung im sogenannten Grundlastbereich. Darunter verstehen Energieexperten gleichmäßige Stromerzeugung Tag und Nacht. Auf sie sind im hochindustrialisierten Deutschland vor allem die Stahlwerke, Chemie- und Pharmafabriken, Aluminiumschmelzen, Papiermühlen oder Gießereien angewiesen. Zurzeit gewährleisten diese Grundversorgung die Atom- und Braun-kohlekraft-werke, die etwa je zur Hälfte insgesamt 48 Prozent des Stromverbrauchs abdecken.

Die große Frage ist, was passiert, wenn 2022 insgesamt drei Gigawatt Leistung aus der Atomkraft wegfallen, was 15 Prozent der Grundversorgung entspricht. Denn Windstrom ist zu unstet, und Erdgaskraftwerke sind mit ihren rund zweifachen Kosten zu teuer, um ein praktikabler Ersatz zu sein. Die einzige Möglichkeit, den Ausfall der AKWs aufzufangen, liegt in neuen Braunkohle-Kraftwerken, die einspringen könnten.

Alte Kraftwerke schliessen

Die Antwort, ob Deutschlands Stromer dazu in der Lage wären, fällt – nach heutigem Stand – negativ aus. Zwar wollen die Kraftwerksbetreiber in den kommenden Jahren viele Anlagen bauen. Doch bei genauer Betrachtung reicht das rechnerisch nicht aus, um die Atomlücke zu schließen.

So hat der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW), dem sämtliche deutsche Energieerzeuger angehören, insgesamt 54 Bauvorhaben für konventionelle Kraftwerke zusammengetragen: vom Braunkohleriesen bis zum Müll- und Druckluftkraftwerk. Sie könnten durchaus kontinuierlich Strom für die Industrie produzieren.

Sicher in Betrieb gehen werden von den 54 aufgelisteten Kraftwerksprojekten bis zum Jahr 2022 aber nur wenige, weil viele noch gar nicht genehmigt sind. Hinzu kommt, dass so mancher Kraftwerksbauer nur deshalb eine neue Anlage hinstellen darf, weil er im Gegenzug eine alte dichtmacht. Und schließlich müssen weitere Kraftwerke schließen, weil sie gegen Emissionsvorschriften verstoßen. Dadurch vergrößert sich die Leistung des hiesigen Kraftwerks-parks, der theoretisch für Grundlast infrage käme, bis 2019 per saldo nur noch um lächerliche fünf Gigawatt.

Diesem Zuwachs steht der Verlust durch den Atomausstieg gegenüber. Nach einer Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung wird durch den geplanten Abschaltbeschluss der heute erforderliche Bedarf der Industrie und der privaten Haushalte an installierter Leistung im Jahr 2022 rechnerisch um sechs Gigawatt unterschritten. Gingen die vom BDEW errechneten zusätzlichen fünf Gigawatt bis 2019 tatsächlich ans Netz,bliebe eine rechnerische Lücke von einem Gigawatt. Diese entspricht der Leistung eines mittelgroßen AKWs und müsste bis 2022 durch zusätzliche neue Anlagen geschlossen werden. Mehr auf Kante könnte das Sicherheitsversprechen der Kanzlerin kaum genäht sein.

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