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Energie Stromlücke droht

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Die Versorgungslücke zwischen Quelle: AP

Eine andere Rechnung, die allerdings gegen die Vorgaben der Bundesregierung verstößt, macht einer der großen Versorger auf. „Die wegfallenden 3000 Megawatt müssen aus dem Ausland, aus den französischen Atomkraftwerksblöcken Cattenom, aus Temelin und aus dem niederländischen Borsselen bezogen werden, sonst reicht die Strommenge für unsere Industrie nicht aus“, sagt ein RWE-Ingenieur.

Eine weitere Möglichkeit, die Stromproduktion von fossilem Strom als Lückenbüßer für die wegfallende atomare Grundlast hochzufahren, ist die vollständige Auslastung der Braunkohlekraftwerke. Diese laufen nämlich nur 6820 Stunden im Jahr und könnten bei einer plötzlich gähnenden Stromlücke auf gut 7500 Stunden hochgefahren werden, ohne die Wartungsintervalle zu gefährden. Das Jahr hat 8760 Stunden, 1200 Wartungsstunden reichen aus. Der Haken: Der Ausstoß klimaschädlichen Kohlendioxids würde steigen.

Rechnerische Lücken entdeckt

Eine weitere Chance, die Stromversorgung bis 2022 sicherzustellen, bietet die Übertragung sogenannter Reststrommengen stillgelegter Atommeiler wie Krümmel und Mülheim-Kärlich auf andere Anlagen. Etliche jüngere Kernkraftwerke, die eigentlich zwischen 2014 und 2019 vom Netz gehen müssten – wenn sie das zulässige Höchstalter von 32 Jahren erreicht haben –, dürfen dadurch einige Jahre länger laufen. Um die Dekadenwende gehen dann schlagartig fast alle verbliebenen AKWs vom Netz.

Wichtig für das Ausbleiben der Stromlücke ist die Errichtung von Hochspannungsleitungen, die vor allem Windstrom von der Küste und aus dem Norden in die industriellen Zentren des Ruhrgebiets und des Südens bringen sollen. Berlin würde dazu gern die Planungskompetenz auf die Bundesnetzagentur übertragen. Doch die Länder murren. Auch wenn ein Netzausbaubeschleunigungsgesetz nicht zustimmungspflichtig ist, kann die Koalition sich einen Krach mit den Ländern nicht leisten. „Wenn man den Netzausbau schaffen will, braucht man einen Geist der Kooperation“, sagt die Kanzlerin.

Am heißesten umstritten ist die Neufassung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG), das den Preis festlegt, den die Erzeuger insbesondere von Solar- und Windstrom erhalten. Die Bundesregierung möchte die Vergütung für Strom aus Fotovoltaik weiter senken, weil auch die Preise der Solarmodule verfallen sind. Für Windanlagen vor der Küste soll es künftig mehr geben, für Propeller an Land dagegen weniger. Schwarz-Gelb möchte vor allem vermeiden, dass durch einen weiteren Zubau die EEG-Umlage noch über den aktuellen Höchstwert von 3,5 Cent je Kilowattstunde steigt. Aber ob die Verdoppelung ohne aufgestockte Stütze zu schaffen ist, ist noch offen.

Auf besonders rutschigen Grund hat sich die Koalition bei der Schließung der drohenden Versorgungslücke im Winter begeben. Um Extremfälle abzudecken, soll eines der alten einzumottenden Kernkraftwerke als riesiges Notstromaggregat, im Fachjargon: „Kaltreserve“, weiterlaufen, ohne allerdings Strom zu erzeugen. Wird der Meiler komplett heruntergefahren und werden auch die Brennelemente vorübergehend herausgenommen, dauert es gut zwei Wochen, um die Anlage wieder startklar zu machen. Wird dagegen die Betriebstemperatur nur wenig abgesenkt, reichen drei bis vier Tage.

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