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Energie Stromlücke droht

Die Bundesregierung beschwichtigt: Trotz Atomausstieg gebe es zu jeder Zeit in jeder Menge Strom zu bezahlbarem Preis. Doch ob im kommenden Winter hie und da die Lichter ausgehen, hängt nicht von Berlin ab.

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Wettrennen gegen den Atomausstieg

Das Versprechen klang wie eine Selbstverständlichkeit für ein Superindustrieland – und könnte doch eines der größten Wagnisse der deutschen Wirtschaftsgeschichte werden. „Unsere Bürger vertrauen darauf, dass Strom zu jeder Tages- und Nachtzeit in jeder Menge und zu bezahlbarem Preis vorhanden ist“, ließ Bundeskanzlerin Angela Merkel in das Eckpunktepapier der Bundesregierung zur Energiewende schreiben, das sie am Montag vergangener Woche vorstellte. „Darauf können sie sich weiter verlassen.“

In Wirklichkeit lagen große Worte und Realität jedoch selten so weit auseinander wie beim beschlossenen Atomausstieg. Denn die proklamierte sichere Stromversorgung steht bisher nur auf dem Papier. Berechnungen der Energiewirtschaft zeugen von einer drohenden Versorgungslücke, die Schwarz-Gelb mit dem geplanten Abschalttermin des letzten Atomkraftwerks (AKW) 2022 aufreißt.

Alle reden vom Wetter

Ob im kommenden Winter hie und da die Lichter ausgehen oder Fabriken stillstehen, hängt nicht von Berlin, sondern in erster Linie vom unkalkulierbaren Wetter ab. Und noch längst nicht klar ist, ob die vielen erforderlichen Schritte, mit denen Berlin die sichere Stromversorgung schaffen will, so schnell wie erhofft kommen und das erwünschte Ergebnis bringen.

Das akuteste Problem resultiert aus dem Ansinnen der Bundesregierung, die sieben deutschen AKWs abgeschaltet zu lassen, die durch das dreimonatige Moratorium nach der Atomkatastrophe im japanischen Fukushima im März vom Netz mussten. Mit dem technisch totgesagten AKW Krümmel in Norddeutschland sind es sogar acht. Schmerzhaft bemerkbar machen könnte sich dies schon in sechs Monaten, wenn die verbrauchsstarke kalte Jahreszeit anbricht. Nach Berechnungen der Experten der Bundesnetzagentur könnten in den Wintern 2011/2012 und im Folgejahr jeweils rund 1000 Megawatt Leistung fehlen.

„Kachelmann ist ja freigesprochen und kann wieder als Wetterfrosch arbeiten“, ätzt ein E.On-Manager. Im Klartext: Die Energiewirtschaft starrt künftig auf den Wetterbericht. Um dann drohende Verbrauchsspitzen abzudecken, reicht es nämlich nicht, stillgelegte Steinkohlekessel mit einer Gesamtleistung von 3000 Megawatt anzuwerfen. Voraussichtlich müssen auch die Windanlagen zur Dauerversorgung beitragen.

Ist es nicht allzu kalt und weht viel Wind, dürfte der Lückenschluss klappen. Doch wehe, „eine sehr kalte Periode“ stelle sich ein, sagt ein Kraftwerksplaner beim schwedischen Versorger Vattenfall, etwa ein stabiles arktisches Hoch zusammen mit eisiger Windstille. Dann leiten die Windmühlenbetreiber nur spärliche Strommengen ins Netz. „Das könnte zum Stromausfall führen, der länger ist als die jährlich 18 Minuten, die in Deutschland üblich sind“, sagt ein Kraftwerksingenieur beim baden-württembergischen Versorger EnBW. In Großbritannien fällt der Strom im Durchschnitt eine Stunde im Jahr aus, in Frankreich bricht die Spannung trotz seiner 58 AKWs eineinhalb Stunden im Jahr ab.

Auf Kante genäht

Solche und ähnliche Gefahren resultieren aus dem Wegfall großer Kapazitäten zur Stromerzeugung im sogenannten Grundlastbereich. Darunter verstehen Energieexperten gleichmäßige Stromerzeugung Tag und Nacht. Auf sie sind im hochindustrialisierten Deutschland vor allem die Stahlwerke, Chemie- und Pharmafabriken, Aluminiumschmelzen, Papiermühlen oder Gießereien angewiesen. Zurzeit gewährleisten diese Grundversorgung die Atom- und Braun-kohlekraft-werke, die etwa je zur Hälfte insgesamt 48 Prozent des Stromverbrauchs abdecken.

Die große Frage ist, was passiert, wenn 2022 insgesamt drei Gigawatt Leistung aus der Atomkraft wegfallen, was 15 Prozent der Grundversorgung entspricht. Denn Windstrom ist zu unstet, und Erdgaskraftwerke sind mit ihren rund zweifachen Kosten zu teuer, um ein praktikabler Ersatz zu sein. Die einzige Möglichkeit, den Ausfall der AKWs aufzufangen, liegt in neuen Braunkohle-Kraftwerken, die einspringen könnten.

Alte Kraftwerke schliessen

Die Antwort, ob Deutschlands Stromer dazu in der Lage wären, fällt – nach heutigem Stand – negativ aus. Zwar wollen die Kraftwerksbetreiber in den kommenden Jahren viele Anlagen bauen. Doch bei genauer Betrachtung reicht das rechnerisch nicht aus, um die Atomlücke zu schließen.

So hat der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW), dem sämtliche deutsche Energieerzeuger angehören, insgesamt 54 Bauvorhaben für konventionelle Kraftwerke zusammengetragen: vom Braunkohleriesen bis zum Müll- und Druckluftkraftwerk. Sie könnten durchaus kontinuierlich Strom für die Industrie produzieren.

Sicher in Betrieb gehen werden von den 54 aufgelisteten Kraftwerksprojekten bis zum Jahr 2022 aber nur wenige, weil viele noch gar nicht genehmigt sind. Hinzu kommt, dass so mancher Kraftwerksbauer nur deshalb eine neue Anlage hinstellen darf, weil er im Gegenzug eine alte dichtmacht. Und schließlich müssen weitere Kraftwerke schließen, weil sie gegen Emissionsvorschriften verstoßen. Dadurch vergrößert sich die Leistung des hiesigen Kraftwerks-parks, der theoretisch für Grundlast infrage käme, bis 2019 per saldo nur noch um lächerliche fünf Gigawatt.

Diesem Zuwachs steht der Verlust durch den Atomausstieg gegenüber. Nach einer Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung wird durch den geplanten Abschaltbeschluss der heute erforderliche Bedarf der Industrie und der privaten Haushalte an installierter Leistung im Jahr 2022 rechnerisch um sechs Gigawatt unterschritten. Gingen die vom BDEW errechneten zusätzlichen fünf Gigawatt bis 2019 tatsächlich ans Netz,bliebe eine rechnerische Lücke von einem Gigawatt. Diese entspricht der Leistung eines mittelgroßen AKWs und müsste bis 2022 durch zusätzliche neue Anlagen geschlossen werden. Mehr auf Kante könnte das Sicherheitsversprechen der Kanzlerin kaum genäht sein.

Die Versorgungslücke zwischen Quelle: AP

Eine andere Rechnung, die allerdings gegen die Vorgaben der Bundesregierung verstößt, macht einer der großen Versorger auf. „Die wegfallenden 3000 Megawatt müssen aus dem Ausland, aus den französischen Atomkraftwerksblöcken Cattenom, aus Temelin und aus dem niederländischen Borsselen bezogen werden, sonst reicht die Strommenge für unsere Industrie nicht aus“, sagt ein RWE-Ingenieur.

Eine weitere Möglichkeit, die Stromproduktion von fossilem Strom als Lückenbüßer für die wegfallende atomare Grundlast hochzufahren, ist die vollständige Auslastung der Braunkohlekraftwerke. Diese laufen nämlich nur 6820 Stunden im Jahr und könnten bei einer plötzlich gähnenden Stromlücke auf gut 7500 Stunden hochgefahren werden, ohne die Wartungsintervalle zu gefährden. Das Jahr hat 8760 Stunden, 1200 Wartungsstunden reichen aus. Der Haken: Der Ausstoß klimaschädlichen Kohlendioxids würde steigen.

Rechnerische Lücken entdeckt

Eine weitere Chance, die Stromversorgung bis 2022 sicherzustellen, bietet die Übertragung sogenannter Reststrommengen stillgelegter Atommeiler wie Krümmel und Mülheim-Kärlich auf andere Anlagen. Etliche jüngere Kernkraftwerke, die eigentlich zwischen 2014 und 2019 vom Netz gehen müssten – wenn sie das zulässige Höchstalter von 32 Jahren erreicht haben –, dürfen dadurch einige Jahre länger laufen. Um die Dekadenwende gehen dann schlagartig fast alle verbliebenen AKWs vom Netz.

Wichtig für das Ausbleiben der Stromlücke ist die Errichtung von Hochspannungsleitungen, die vor allem Windstrom von der Küste und aus dem Norden in die industriellen Zentren des Ruhrgebiets und des Südens bringen sollen. Berlin würde dazu gern die Planungskompetenz auf die Bundesnetzagentur übertragen. Doch die Länder murren. Auch wenn ein Netzausbaubeschleunigungsgesetz nicht zustimmungspflichtig ist, kann die Koalition sich einen Krach mit den Ländern nicht leisten. „Wenn man den Netzausbau schaffen will, braucht man einen Geist der Kooperation“, sagt die Kanzlerin.

Am heißesten umstritten ist die Neufassung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG), das den Preis festlegt, den die Erzeuger insbesondere von Solar- und Windstrom erhalten. Die Bundesregierung möchte die Vergütung für Strom aus Fotovoltaik weiter senken, weil auch die Preise der Solarmodule verfallen sind. Für Windanlagen vor der Küste soll es künftig mehr geben, für Propeller an Land dagegen weniger. Schwarz-Gelb möchte vor allem vermeiden, dass durch einen weiteren Zubau die EEG-Umlage noch über den aktuellen Höchstwert von 3,5 Cent je Kilowattstunde steigt. Aber ob die Verdoppelung ohne aufgestockte Stütze zu schaffen ist, ist noch offen.

Auf besonders rutschigen Grund hat sich die Koalition bei der Schließung der drohenden Versorgungslücke im Winter begeben. Um Extremfälle abzudecken, soll eines der alten einzumottenden Kernkraftwerke als riesiges Notstromaggregat, im Fachjargon: „Kaltreserve“, weiterlaufen, ohne allerdings Strom zu erzeugen. Wird der Meiler komplett heruntergefahren und werden auch die Brennelemente vorübergehend herausgenommen, dauert es gut zwei Wochen, um die Anlage wieder startklar zu machen. Wird dagegen die Betriebstemperatur nur wenig abgesenkt, reichen drei bis vier Tage.

Da Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) und sein baden-württembergischer Grünen-Kollege Winfried Kretschmann dies auf ihrem Territorium kaum zulassen werden, käme für die „Kaltreserve“ eigentlich nur ein Meiler infrage: das Kraftwerk Biblis, das dem Essener RWE-Konzern gehört, dessen Chef Jürgen Großmann als einziger Stromboss Klage gegen das Atommoratorium führt. Damit böte sich ein politisches Geschäft an: RWE verzichtet auf den Prozess und bekommt dafür die Chance, mit Biblis noch etwas Geld zu verdienen.

Politisches Geschäft in Sicht

Ein Risiko ginge RWE damit nicht ein. Denn die Kosten für die Vorhaltung des Reaktors übernähmen die Netzbetreiber, die diese den Stromkunden in Rechnung stellen würden. Kassieren für den Strom dürfte RWE – falls das Wetter mitspielt.

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