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Energie Warum der Strompreis weiter steigt

Es gibt einen Grund, warum die Energiekosten weiter steigen: Die Verbraucher sind zu träge, um den Anbieter zu wechseln.

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Strommasten Quelle: dpa

Das Jahr ist halb um, und schon lässt sich die Kurve der Stromkosten wie in jedem Jahr ganz schön dynamisch nach oben malen: Von Januar bis Juli haben insgesamt 450 Versorger die Preise erhöht, also jeder zweite Energieanbieter in Deutschland. Im Durchschnitt kostet die Kilowattstunde in einem Privathaushalt 23,06 Cent, 2008 mussten die Verbraucher noch zehn Prozent weniger  berappen. Zwei Jahre davor waren es sogar über 17 Prozent weniger. Dagmar Ginzel vom Verbraucherportal Verivox gibt eine düstere Prognose: "In den kommenden zwölf Monaten könnte bei den durchschnittlichen Grundversorgertarifen die Marke von 25 Cent geknackt werden".

Die frühere Umweltministerin Bärbel Höhn, heute Vize-Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag setzt noch einen drauf: Da die Strompreise an der Leipziger Energiebörse EEX in den vergangenen zwei Jahren um 40 Prozent gesunken seien, wäre eher eine Reduzierung der Entgelte notwendig, sagte sie heute morgen im Deutschlandfunk. Durchschnittlich 0,8 Prozent pro Kilowattstunde an geringeren Beschaffungskosten hätten die Konzerne nicht an ihre Kunden weitergegeben. Und dann kommt starker Tobak: Bei einem gesamten Absatz von 131 Milliarden Kilowattstunden ergebe sich daraus die Summe von einer Milliarde Euro, um die Energiekonzerne ihre Kunden "geprellt" hätten.

Der Börsenpreis ist aber nicht der einzige Einflussfaktor für den Endverbraucherpreis, erklären die Energieversorger treuherzig. Zunächst ist das Ansteigen der Strompreise in den vergangenen Jahren tatsächlich frappierend. Müsste es nicht nach der Strompreisliberalisierung der einst staatlich dominierten Branche einen Preiswettbewerb wie bei Lidl und Aldi geben? Und damit sinkende Preise?

Weiter steigende Stromkosten

Eine eingehende Analyse ergibt folgendes: Die Erneuerbaren Energien können den Anstieg der Stromkosten alleine nicht verursachen, dafür ist der Preisanstieg in den vergangenen Jahren zu stetig. RWE berechnet die EEG-Umlage bei Geschäftskunden teilweise sogar für weit zurückliegende Zeiträume nach, was zu scharfen Protesten führte. Die erhöhte EEG-Umlage, so heißt es bei RWE klipp und klar, wird bei privaten Haushaltskunden in den kommenden Jahren in den Stromtarif "eingepreist", Stromkunden können sich also auch 2011, wenn nicht schon vorher, auf weiter steigende Stromkosten einstellen. Viele Versorger verweisen auch bei ihrem Erhöhungs-Marathon auf steigende Kosten für die Nutzentgelte oder hohe Instandhaltungsaufwendungen.

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    Gleichzeitig sind aber im vergangenen Jahr die Emissionskosten gesunken, weil aufgrund der Krise weitaus weniger Strom produziert wurde, besonders in den als schmutzig geltenden Braunkohlekraftwerken. Diese Kostenerleichterung der Großversorger sucht der Verbraucher vergeblich in seiner Stromrechnung. Es sieht fast so aus, als ob sich der Strompreis so verhält wie der Benzinpreis zu Ostern. Er steigt, nur dass in der Stromwirtschaft anscheinend das ganze Jahr über Ostern gefeiert wird.

    Der Strompreis ist intransparent

    Fest steht: Der Strompreis ist intransparent. Das soll er auch bleiben, besonders in einer liberalisierten Stromwirtschaft. Völlige Transparenz gab es nur im staatlich gesteuerten Energiemarkt, der bis 1998 vorherrschte. Damals mussten die Strompreise noch in den jeweiligen Wirtschaftsministerien der Bundesländer genehmigt werden, nach vorheriger Prüfung. Selten wollten sich Politiker dem Vorwurf des Strompreistreibers aussetzen und hielten den Strompreis für Verbraucher unten, im Gegenzug gab es das ganz legale Versprechen eines Produzentenmonopols in der Stromwirtschaft und Demarkationslinien des Vertriebs.

    RWE spuckte E.On nicht in die Suppe, und umgekehrt. Niemand störte den geschätzten "Mitbewerber" in seinem jeweiligen Vertriebsgebiet. Trotzdem ist es ein Beispiel, dass Monopole oder Oligopole zu niedrigen Preisen beitragen. Ludwig Erhard hätte den Kopf geschüttelt.

    Die Oligopole sind aufgeweicht, die Netze zum Teil an unabhängige ausländische Netzbetreiber verkauft. Billiganbieter tummeln sich auf dem Markt, die zwar nicht mehr ganz so billig sind wie damals, als sie kämpferisch in den Markt eintraten, mit denen der Verbraucher aber locker 50 bis 100 Euro im Jahr sparen kann - ganz ohne Ummeldungsaufwand und ohne Risiko, von der Stromversorgung abgeschnitten zu werden. Trotzdem wechseln nur fünf bis acht Prozent der Privatverbraucher im Jahr.

    Der Grund: Anders als beim mobilen Telefonieren bietet der Stromverbrauch keinen Spaß- und schon gar keinen Imagefaktor. Während das Gespräch im Privathaushalt über billige Telefontarife und schicke Handy immer noch nicht abzureißen scheint, langweilen Stromkunden ihre Partygäste eher mit Erzählungen über ihren neuen Stromzähler oder ihren letzten Nachttarif. Stromversorgung wird auch als Grundversorgung gesehen. Viele Konsumenten akzeptieren achselzuckend ihre Abbuchungen und ärgern sich nur kurzzeitig, wenn sie über erneute Erhöhungen aus der Zeitung erfahren.

    Appelle an Konsumenten, sich "klug" zu verhalten, bringen in einem freien Markt nichts, sie müssen es selber tun. Aber Informationen in einem immer noch unübersichtlichen Markt können weiter helfen. Und die Info lautet: Noch nie war der Abstand zwischen den Grundversorgern und dem jeweils günstigsten Anbieter größer. 40 Prozent - 9 Cent pro Kilowattstunde - lassen sich bei einem Wechsel des Anbieters einsparen. Allerdings geht es bei dem preisgünstigsten Anbieter um einen Tarif, bei dem Vorauskasse notwendig ist, das heißt der Stromkunden muss bei Abnahme eines bestimmten Stromkontingents im voraus zahlen.

    Günstige Tarife heißen längere Laufzeiten

    Das ist nicht jedermanns Sache. Günstige Tarife sind im übrigen mit längeren Laufzeiten verbunden. Wer der Meinung ist, dass der Strompreis sowieso immer steigt, was durch die Markterfahrungen gedeckt wäre, kann sich getrost auf drei Jahre festlegen, um dann beim Blick in die Tarifrechner regelmäßig zu triumphieren.

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      Und es gibt auch ganz neue Anbieter, die für Private als Stromhändler auftreten. Zum Beispiel das Portal Hauspilot, in dem für Verbraucher regelmäßig die Strompreise überprüft werden und der jeweils günstigste Anbieter herausgesucht wird. Gründer von Hauspilot ist der frühere Trianel-Manager Reinhard Goethe, der sich von diesem Service eine Art Einladung an Stromverbraucher verspricht, bequem den Anbieter zu wechseln. Hauspilot will Haushaltskunden zu einer Marktmacht bündeln, mit der Goethe erhebliche Rabatte bei Energiekonzernen wie RWE, Eon und Vattenfall herausschlagen will. Hauspilot verfährt nach dem Motto, dass der erste Schritt zur Transparenz für den Endkunden erreicht werden soll, ohne ihn gleich zum Energiemarkt-Experten zu machen.

      "Die Kunden sollen einfach und schnell erkennen können, wo sie stehen, wo die größten Verbesserungsmöglichkeiten liegen, und was sie sparen können", so Hauspilot-Betreiber Goethe. Dazu hat Hauspilot einen Verbraucherindex für Strom- und auch Gaspreise entwickelt, der täglich zeigt, was der Endverbraucher sparen kann, wenn er Hauspilot den Auftrag gibt, für ihn nach besseren Verträgen Ausschau zu halten.

      Auch der frühere Premiere-Tausendsassa Georg Kofler hat mit seiner neuen Energieeffizienz-Firma Kofler Energies einen Händler gegründet, der mit ein paar hunderttausend Haushaltskunden im Rücken als Marktmacht auftreten und bei den Konzernen für bessere Preise um Endverbraucher kämpfen will. Noch stehen die Anbieter am Anfang, sie könnten sich zu profitablen Dienstleistern entpuppen, wenn sie den Strompreis für Verbraucher über Nachfragemacht deutlich senken - und Bärbel Höhn dann beruhigen können.

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