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Energie Windpark-Vernetzung: Versorger bleiben skeptisch

Die Idee, die Windräder in der Nordsee zum Riesenökostromkraftwerk zu vernetzen, stößt bei den Unternehmen auf Skepsis.

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Windradinstallation in der Nordsee: Das System der Unterwasserleitungen ist viel komplizierter als von der Politik erhofft Quelle: dpa

Was der Mann sagt und dass er anonym bleiben möchte – beides spricht Bände. „Gerade haben wir eine Hochdruckfront mit klirrender Kälte und ganz wenig Wind“, spöttelte der Manager eines deutschen Energieriesen, als am vorigen Dienstag publik wurde, dass Europas Politiker die Windkraftanlagen in der Nordsee vernetzen wollen. „Und gerade jetzt brauchen wir sehr viel Energie.“

Im Klartext: Zählen schon die Windräder wegen ihrer unsteten Stromerzeugung nicht zu den Lieblingen der Energiekonzerne, gilt das auch für die Idee, ein gigantisches, mindestens 6000 Kilometer langes Stromnetz in der Nordsee zu versenken. Das soll die rasant wachsende Anzahl von Windparks vor allem vor den Küsten Deutschlands, Englands, Hollands und Belgiens zu einem einzigen großen emissionsfreien Kraftwerk verbinden. Auch Wasserkraft- und Gezeitenkraftwerke sollen einst angeschlossen werden, um so mit erneuerbaren Energien endlich auch Teile der unerlässlichen Grundlast beim Strom zu erzeugen, wie dies zurzeit nur die Kohle- und Atommeiler schaffen.

Von Euphorie ist nichts spüren

30 Milliarden Euro sollen in das Nordsee-Netz investiert werden, so taxieren es die geistigen Väter, an erster Stelle die Brüsseler Zentrale des Verbands Europäischer Netzbetreiber, gefolgt von den europäischen Wirtschaftsministern sowie dem deutschen Ressortchef Rainer Brüderle (FDP). Profiteure könnten die deutschen Energieversorger E.On und RWE, der schwedische Wettbewerber Vattenfall sowie Frankreichs staatlicher Stromgigant EDF über seine süddeutsche Tochter EnBW werden, aber auch die Zulieferer der Netztechnik und der Unterwasserkabel, der Münchner Siemens-Konzern sowie der schwedische Konkurrent ABB.

Doch von Euphorie in den Chefetagen ist kaum etwas zu spüren. Konkrete Investitionspläne hat noch kein Unternehmen entwickelt. Die Überlegungen reichen kaum über die Netzverbände sowie über Ministerien in den beteiligten neun Ländern – Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Belgien, Dänemark, Holland, Irland, Luxemburg und Norwegen – hinaus. Der Zeithorizont ist weit gespannt: Erst in zehn Jahren soll das Netz von Unterwasser-Hochspannungskabeln geknüpft sein. Ein erstes Dokument der gegenseitigen Verständigung, ein Memorandum of Understanding, erhofft sich das Bundeswirtschaftsministerium erst Ende des Jahres. „Daran erkennt man, wie locker alles bisher noch ist“, heißt es in der Bundesnetzagentur in Bonn.

E.On und EnBW noch zurückhaltend

Einzig RWE bastelt zurzeit an einem Plan, wie die tief auf dem Meeresgrund liegende, stromtransportierende Riesenspinne zwischen den Windrädern technisch und betriebswirtschaftlich zu organisieren ist. Für die anderen Versorger E.On und EnBW ist das alles noch Visionsmusik, die an das im vergangenen Jahr bekannt gewordene Projekt "Desertec" der deutschen Energieindustrie erinnert, das die Sonne in der afrikanischen Wüste einfangen und den Strom nach Europa leiten soll. Dabei liegt das Nordsee-Watertec-Projekt allerdings näher und ist greifbarer als die Wüstenpläne, die 400 Milliarden Euro, mehr als 13-mal so viel, kosten sollen.

Zumindest auf dem Papier wirkt die Vernetzung vieler, zum Teil recht großer Windradprojekte der deutschen und europäischen Versorger faszinierend. Sie ermöglichte es den Erzeugern, Strommengen je nach Wind und Wetterlage von einem Land ins nächste zu transportieren und damit die erneuerbaren Energien planbarer und stetiger zu machen. Schon jetzt kooperiert E.On mit Vattenfall beim Offshore-Windpark Alpha Ventus vor Borkum und mit der dänischen Dong-Gruppe. E.On ist am Bau des bisher größten maritimen Windparks London Array vor der Küste von Kent beteiligt.

Grafik: Die sechs größten deutschen Windparkprojekte (Klicken Sie auf die Grafik für eine erweiterte Auswahl)

Doch die Technik dafür steckt noch in den Anfängen. Um die Verluste beim Transport des Windstroms klein zu halten, müssten Hochspannungs-Gleichstromkabel verlegt werden. Bisher erlauben diese die Übertragung der Elektronen jedoch nur von einem Punkt zum anderen, nicht aber im Kreislauf eines umfassenden Netzes. Siemens und ABB entwickeln zwar Techniken, mit denen sich die Kabel zu einem echten Netz verknüpfen lassen, doch die sind bis heute noch nirgendwo erprobt.

Betriebswirtschaftlich sorgt das neue Super-Grid, wie intelligente Riesenstromnetze in der Branche auch heißen, bei den möglichen Betreibern für wenig Vorfreude. Amprion, die Netzgesellschaft von RWE, hat wirtschaftlich kaum etwas von dem geplanten Kabel, weil die Leitungen des Essener Konzernablegers gar nicht an die Nordsee heranreichen. Ein Vertreter von Amprion gehört nach RWE-Auskunft auch bisher nicht zu den Delegierten in der Runde bei Brüderle.

Mehr hätte da schon Tennet davon, die holländische Netzgesellschaft, die vor einigen Wochen das Netz des Düsseldorfer E.On-Konzerns übernahm, der in der Nordsee kräftig Windstrom erzeugt. Doch die Netzbetreiber fühlen sich von den strengen Regulierungsbehörden wie der Bundesnetzagentur eher drangsaliert als ermutigt, neue Netze zu bauen. Die von der Bonner Behörde erlaubte Eigenkapitalverzinsung von 9,29 Prozent für Neuinvestitionen in Leitungen werden für die teuren und technisch aufwendigen Unterwasserkabel wohl nicht ausreichen, um die Netzträume der Politiker und der Betreiber in der Nordsee zu realisieren. „Da muss dann erheblich mehr drin sein“, sagt ein E.On-Manager. Die Bundesnetzagentur wehrt ab: „Für solche Überlegungen ist es viel zu früh.“

Netzwerk ist noch nicht ausgereift

Ohnehin wird das erhoffte System der Unterwasserkabel in der Nordsee komplizierter als von Politikern gedacht. Vor allem weil die Superleitungen mit der sogenannten Hochspannungs-Gleichstromübertragungstechnik (kurz: HGÜ-Technik) arbeiten, werden „aufwendige Umspannwerke benötigt, um die in Europa üblichen Wechselströme in die verschiedenen Spannungen umzuwandeln“, sagt ein Ingenieur. Auch haben die Stromleitungen in den beteiligten Ländern unterschiedliche Frequenzen. „Ein solches Netzwerk unter Wasser ist technisch zwar machbar, aber in der Kombination noch nicht ausgereift“, sagt ein ABB-Ingenieur.

Zweifel äußert auch Stromnetzexperte Lutz Hofmann von der Leibniz Universität Hannover. Er hält den Ausbau des bestehenden europäischen Kontinentalstromnetzes für viel vordringlicher, „als 30 Milliarden Euro in der Nordsee zu verbuddeln“. Die neuen Überlandleitungen werden benötigt, um die wachsenden Strommengen der Windräder in Norddeutschland in die großen Verbrauchszentren im Süden und Westen des Landes zu transportieren. Christian Schneller, Manager beim größten deutschen Netzbetreiber Transpower Stromübertragung GmbH in Bayreuth, die zum niederländischen Betreiber Tennet gehört, pflichtet Hofmann bei: „Wenn der Windstrom vom Meer nur bis zum Strand kommt, reicht das nicht.“

Aus Großbritannien droht neuer Ärger

Die Vertreter der Energiekonzerne, Netzgesellschaften und der Bundesnetzagentur wollen sich trotzdem Mitte Februar mit Wirtschaftsminister Brüderle treffen. Dann werden sie auch über ein ganz anderes Hindernis reden müssen, das dem Unterwassertraum von britischer Seite droht. Denn 2014 soll dort die staatliche Subventionierung der Windkraft auslaufen. Bleibt sie nicht erhalten, droht die Spannung aus dem Megaprojekt zu entweichen, weil Windräder gestoppt werden.

Dann wird die Windkrafteuphorie nur noch eine Fußnote in der europäischen Wirtschaftsgeschichte sein.  

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