WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Atomausstieg Energiewende spaltet die deutsche Industrie

Das riskante Projekt spaltet die deutsche Wirtschaft. Unternehmen, die an den erforderlichen Milliardeninvestitionen verdienen, scharen sich um ihren neuen Fürsprecher, Siemens-Chef Peter Löscher. Die Leidtragenden vermeiden die offene Ablehnung, weil sie den Zorn der Politik fürchten. Ihnen bleibt nur die Hoffnung, dass der Atomausstieg irgendwie gelingt – und sie von den Kosten verschont bleiben.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Wie Manager zur Energiewende stehen
Peter Löscher Quelle: dapd
Martin Kannegiesser Quelle: dapd
Jürgen Hambrecht Quelle: dapd
Johannes Teyssen Quelle: dpa
Martin Winterkorn Quelle: dpa
Hans-Peter Keitel Quelle: dpa
Jürgen Großmann Quelle: dapd

Besorgter Blick, verschränkte Arme, gedeckt-rote Krawatte – Peter Löscher will nicht ganz so euphorisch wirken wie der Satz, mit dem ihn künftig alle zitieren sollen. "Die Energiewende wird ein Erfolg", schmetterte der Chef des Siemens-Konzerns in die Öffentlichkeit, auf ganzseitigen Anzeigen in allen großen deutschen Tageszeitungen.

Zwar hake es unübersehbar bei der Umsetzung, lässt der 54-Jährige besorgt einfließen. Doch alles in allem, so seine Botschaft, werde das Projekt gelingen: "Wenn wir die passenden Antworten geben. Heute."

Der millionenfach verbreitete dreifache Pluralis majestatis – wir, das sind Löscher, Siemens und Deutschland – und das hinaustrompetete Ja eines Spitzenbosses der deutschen Industrie zum Atomausstieg markiert eine neue Phase im Selbstverständnis der wichtigsten deutschen Wirtschaftsführer.

Herrschte nach dem Atomdesaster im japanischen Fukushima vor einem Jahr in vielen Chefetagen noch Schockstarre, die die Bundesregierung zum verordneten Ausstieg aus der Atomenergie nutzte, hat sich die Gemütslage inzwischen deutlich gewandelt.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Glaubenskriege der Energiewende

    Je höher die Hürden bis zur Abschaltung der verbliebenen neun deutschen Atommeiler bis 2022, desto unübersehbarer wird die Spaltung der Wirtschaft, die Löscher mit seinem Pro-Energiewende-Appell nur vertieft. Manche führen regelrechte Glaubenskriege.

    Der Spaltpilz gedeiht überall, zwischen den Branchen, innerhalb der Spitzenverbände der Wirtschaft, zwischen Alt und Jung. Martin Kannegiesser, Altvorderer im Präsidium des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) und Chef des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall, rechnet sich offen zu Löschers Gegnern.

    "Mit der hastigen Wende nach Fukushima hatte und habe ich meine Probleme", gesteht der 70-Jährige der WirtschaftsWoche. Der 20 Jahre jüngere Henkel-Chef Kasper Rorsted hingegen beharrt: "Die langfristige Ausrichtung auf erneuerbare Energien ist der richtige Schritt." Ein Energiekonzernchef bringt den Zwist auf den Punkt: Löscher nutze das Für und Wider, um sich als "good guy" zu präsentieren – gegen die vermeintlichen "bad guys" von gestern.

    Meinungsverschiedenheiten

    Jürgen Großmann Quelle: dapd

    Kaum mehr zu kaschieren sind vor allem die Meinungsverschiedenheiten im 55-köpfigen Präsidium des BDI, in dem alle drei Monate die wichtigsten Industrievertreter Deutschlands zusammenkommen. Als beim jüngsten Treffen vor zwei Wochen wieder die Rede auf die Energiewende kam, erinnert sich ein Teilnehmer, sei der Konflikt offenkundig geworden.

    BDI-Chef Hans-Peter Keitel habe festgestellt, der BDI müsse sich davon verabschieden, "eine einheitliche Position in der Energiefrage zu finden". Dazu seien "die Interessen zu unterschiedlich". Insbesondere Klaus Engel, der Chef des Essener Chemiekonzerns Evonik, und sein Kollege Heinrich Hiesinger von ThyssenKrupp hätten sich von der Skeptiker-Fraktion abgesetzt.

    Der BDI äußerte sich dazu auf Anfrage nicht, bestätigt aber: "Es ist keine Frage, dass die sehr komplexen Zusammenhänge in einer globalisierten Volkswirtschaft gelegentlich Interessenlagen erzeugen, die schlicht nicht auflösbar sind."

    Den Spaltpilz, das zeigt die Rückschau auf die vergangenen zwei Jahre, hat BDI-Chef Keitel mitgelegt, indem er sich an die Spitze einer Kampagne setzte, die Löscher nun mit seiner Anzeige kontert.

    Top-Jobs des Tages

    Jetzt die besten Jobs finden und
    per E-Mail benachrichtigt werden.

    Standort erkennen

      Zusammen mit dem BDI-Präsidiumsmitglied und Chef des Essener Energiekonzerns RWE, Jürgen Großmann, hatte der Ex-Vorstandsvorsitzende des Baukonzerns Hochtief im August 2010 einen "Energiepolitischen Appell" an die Adresse der Bundesregierung verfasst und in Zeitungsanzeigen veröffentlicht. Darin warben insgesamt 40 Manager, Verbandsvertreter und Prominente dafür, vom "vorzeitigen Ausstieg aus der Kernenergie" abzusehen, wie ihn Rot-Grün bis 2020 beschlossen hatte.

      Namen der Big-Shots fehlen

      Die neue Aktionsform deutscher Konzerne hatte Erfolg. Rund drei Monate später verlängerte die christlich-liberale Koalition tatsächlich die Laufzeiten der Atommeiler und streckte den Ausstieg bis 2036. BDI-Chef Keitel jubelte: "Erstmals werden in der Energiepolitik Lippenbekenntnisse von einem Konzept abgelöst."

      Doch schon damals hatten potente Wirtschaftsführer den Aufruf für mehr Atom nicht unterschrieben: Darunter fehlten die Namen von Big Shots wie Siemens-Vormann Löscher, den Chefs von Volkswagen, Daimler und BMW, Martin Winterkorn, Dieter Zetsche und Norbert Reithofer, und Deutsche-Post-Lenker Frank Appel.

      Diese Fronten brechen nun umso klarer auf, je länger die Energiewende vor sich hin stolpert – und je offenkundiger der Aufwand wird. Doch ob fehlende Stromleitungen, drohende Blackouts oder blinde Ökostromwut in den Bundesländern: Nach einer Revision, anders als bei der Pro-Atom-Kampagne vor Fukushima, wagt kein Industriemanager mehr zu verlangen.

      "Für einen Unternehmer oder Konzernchef empfiehlt es sich nicht, der Kanzlerin zu missfallen", sagt konsterniert der Chef eines Spitzenverbandes.

      Furcht vor dem Blackout

      Eine Wohnung ist währendeines Stromausfalls mit Kerzen beläuchtet. Quelle: REUTERS

      Deshalb dringt die Ablehnung des Merkel-Kurses fast nur noch in Form von Warnungen oder Besorgnis an die Öffentlichkeit. "Eine qualitative Bewertung der Energiewende ist entbehrlich", schwurbelt E.On-Chef Johannes Teyssen gegenüber der WirtschaftsWoche, "aber wir müssen sie nun einmal begleiten." Ob sie gut oder schlecht sei, werde sich "sowieso erst in frühestens einer Generation erweisen".

      Bis dahin werde die Furcht vor dem Blackout die Energiewirtschaft und ihre Abnehmer begleiten. Einzig der scheidende RWE-Chef Großmann bleibt bei seinem Credo: "Wir brauchen die Kernkraftwerke nun einmal zur Grundlastversorgung der deutschen Industrie."

      Gut ein halbes Jahr nach dem Ausstiegsbeschluss dominieren immer stärker die unmittelbaren Interessen: Viele Unternehmen wollen an den Geschäften rund um die Energiewende lieber mitverdienen, als zu opponieren. Denn der weltweite Greentech-Markt dürfte sich nach einer Prognose der Unternehmensberatung Roland Berger von 2012 bis 2020 fast verdoppeln auf 3100 Milliarden Euro.

      Dagegen wirken die Umsätze in Höhe von 150 Milliarden Euro in Deutschland mit Energieerzeugung, die im Mittelpunkt der Energiewende steht, geradezu klein.

      Top-Jobs des Tages

      Jetzt die besten Jobs finden und
      per E-Mail benachrichtigt werden.

      Standort erkennen

        Schon jetzt haben Deutschlands Unternehmen mit ressourcenschonender Technik einen Weltmarktanteil von 15 Prozent, in einigen Branchen sogar bis zu 30 Prozent. "Zukünftig werden die deutschen Unternehmen ihren Anteil weiter ausbauen können", glaubt Berger-Berater Torsten Henzelmann. 2007 entfielen rund acht Prozent des hiesigen Bruttoinlandsprodukts auf Umwelttechnologien, bis 2020 werde sich dieser Anteil auf 14 Prozent erhöhen. Viele Branchen setzen so stark auf grüne Technologien und regenerative Energien, dass sie gar nicht anders können, als die Energiewende zu unterstützen.

        Blockadehaltung widerspricht dem Marketing

        Gewinner der Wende

        Eine Blockadehaltung der deutschen Autobauer etwa würde sämtlichen Marketinganstrengungen der Branche zuwiderlaufen. VW, Daimler und BMW investieren Milliardensummen in einen grüneren Kurs, also in emissionsarme Autos und energieeffiziente Werke. Allein VW lässt sich den von Konzernchef Winterkorn verkündeten "ökologischen Umbau" bis 2018 über 40 Milliarden Euro kosten.

        Wenn die deutschen Hersteller von 2013 an Zehntausende von Elektroautos verkaufen wollen, sollen diese langfristig auch als Speicher für Sonnen- oder Windstrom dienen, der gerade nicht gebraucht wird.

        "Unser Ziel muss das Null-Emissions-Fahrzeug sein, das mit Strom aus regenerativen Energiequellen angetrieben wird", sagt Winterkorn. Seine Nobeltochter Audi hat sich zu diesem Zweck 2011 an einem Windpark auf See beteiligt und erforscht Speicherverfahren für grünen Strom. Auch Volkswagen will sich im großen Stil bei Windparks einkaufen und eine Milliarde Euro in erneuerbare Energien investieren – zur Versorgung der Werke, aber auch für die Elektroautokunden.

        Höchster Strompreis Europas

        Zwar holpert es bei der Umsetzung, aber Peter Löscher ist sich sicher, dass die Energiewende gelingen wird. Quelle: REUTERS

        Und das BMW-Werk in Leipzig, wo die neuen Elektroautos gebaut werden, läuft mit Strom aus vier eigenen Windrädern. "Wir prüfen gerade", sagt ein BMW-Manager, "ob es möglich ist, dass alle unsere Werke mit Strom aus erneuerbaren Energien versorgt werden." Kein Wunder, dass keiner der Autobosse da in Anti-Energiewende-Stimmung verfällt. Erst recht lässt sich Nikolaus von Bomhard vom schieren Mammon leiten.

        Der Chef des Rückversicherers Munich Re sucht nach neuen attraktiven Möglichkeiten, um die Milliarden der Versicherten anzulegen. Niedrige Zinsen und Unsicherheit an den Finanzmärkten haben die Rendite der Kapitalanlagen der größten Rückversicherungsgesellschaft der Welt im zweiten Halbjahr 2011 auf magere drei Prozent sinken lassen.

        Unter anderem mit dem Investitionsprogramm „Rent“ (Renewable Energy & New Technologies) will von Bomhard das ändern. Etwa 500 Millionen Euro haben die Münchner bereits in Windanlagen an Land, in Fotovoltaik und in Stromnetze investiert. In den kommenden Jahren will Munich Re das Engagement auf 2,5 Milliarden Euro steigern. Es sei hochinteressant für Munich Re, so Vorstandsmitglied Jörg Schneider, "über den Strompreis an den Erlösen zu partizipieren".

        Damit steht der Assekuranzriese im diametralen Gegensatz zu Unternehmen, für die der Strompreis entscheidend ist. So verbraucht die Chemie ein Viertel der Industrie-Energie hierzulande. Jede Preiserhöhung um einen Cent pro Kilowattstunde verursacht Mehrkosten von 500 Millionen Euro, rechnet Utz Tillmann, Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Chemischen Industrie (VCI) vor.

        Top-Jobs des Tages

        Jetzt die besten Jobs finden und
        per E-Mail benachrichtigt werden.

        Standort erkennen

          Leben mit Kontra

          Bayer-Chef Marijn Dekkers drohte deshalb mit Produktionsverlagerung ins Ausland, sollten die Strompreise weiter steigen (WirtschaftsWoche 32/2011): "Wir bezahlen heute schon mit die höchsten Preise in Europa."

          Doch auch Dekkers muss mit einem Kontra leben: von Axel Heitmann, der den Chemiekonzern Lanxess führt, der aus Teilen der Bayer-Chemie hervorgegangen ist. Der 52-Jährige hat anders als der frühere BASF-Chef Jürgen Hambrecht und der damalige Bayer-Chef Werner Wenning den "Energiepolitischen Appell" für längere Laufzeiten der Atomkraftwerke nicht unterschrieben.

          Heitmann lehnt die Atomenergie ab, weil er sie für "nicht nachhaltig" hält. Auch Evonik-Chef Klaus Engel, im Nebenberuf Präsident des Branchenverbandes VCI, hält einen Ausstieg aus der Atomenergie bis 2022 für vertretbar.

          Im Großen und Ganzen auf Energiewende-Kurs segelt das klassische verarbeitende Gewerbe. Der Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (ZVEI) propagiert selbstbewusst die Energiewende, da seine Mitgliedsunternehmen von der Umrüstung auf Wind- und Sonnenenergie gut leben. Begierig fordert der ZVEI höhere Effizienznormen, um Innovationen besser in den Markt drücken zu können.

          Selbst eine 100-Euro-Abwrackprämie für Kühlschränke forderte der Verband.

          Investitionsprogramm Energiewende

          Richtung Wind, Wasser, Sonne 2010 war Bahn-Chef Grube für längere Laufzeiten der Atomkraftwerke – jetzt befürwortet er die Energiewende

          Der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) hielt als Gralshüter der Ordnungspolitik dagegen, sieht aber "enorme Chancen", so VDMA-Hauptgeschäftsführer Hannes Hesse: "Die Energiewende ist ein Investitionsprogramm für den Maschinenbau." Teurer Strom ängstigt die Branche kaum. "Für die meisten Mittelständler sind die Strompreise nicht so entscheidend, da wir keine Großverbraucher sind", sagt Hesse. "Die Strompreise machen bei unseren Unternehmen im Durchschnitt ein Prozent des Umsatzes aus."

          Das Paradebeispiel für einen Energiewende-Gewinnler ist jedoch Siemens. Als die Bundesregierung den Ausstieg aus der Kernenergie besiegelte, ging auch Konzernchef Löscher konsequent auf Ausstiegskurs. Nicht nur, dass die Münchner gerade ihr Joint Venture mit dem französischen Atomkonzern Areva auflösten. Sie beendeten alsbald auch das geplante Projekt mit dem russischen Atomriesen Rosatom. Künftig sollen die erneuerbaren Energien für Wachstum sorgen.

          Dazu braucht Löscher die Energiewende – als Turboprojekt. Denn die neuen Geschäfte laufen noch nicht gut. Die riesigen von Siemens gebauten Windparks in der Nordsee gehen nicht in Betrieb, weil sich der Anschluss ans Stromnetz verzögert. Grund sei die fehlende Freigabe durch den Regulierer, klagt Löscher. Bis zu 40 Behörden müssen grünes Licht geben, bis ein Windpark ans Netz gehen kann.

          Zudem fehlt dem staatlichen niederländischen Netzbetreiber Tennet das Geld für den Anschluss. Von Oktober bis Dezember 2011 hat Siemens mit dem Bereich erneuerbare Energien 48 Millionen Euro Verlust gemacht. Daraus sollen Gewinne werden.

          Top-Jobs des Tages

          Jetzt die besten Jobs finden und
          per E-Mail benachrichtigt werden.

          Standort erkennen

            Nur RWE schreibt noch schwarz

            Fernbahnhof Grün

            Umgekehrt wundert nicht die ablehnende Haltung der Energiebosse zum Atomausstieg. Denn die verordnete Abschaltung der betriebswirtschaftlich abgeschriebenen, daher extrem profitablen Atommeiler im vergangenen Jahr hat sich bei ihnen in Rekordverlusten niedergeschlagen. E.On schrieb 2011 zum ersten Mal in seiner Geschichte einen Verlust, minus 2,2 Milliarden Euro. EnBW meldete zuletzt knapp 900 Millionen Euro Miese.

            Nur RWE schreibt noch schwarz. Die Essener verdanken dies ihren schmutzigen, aber wegen niedriger Emissionskosten zurzeit hochprofitablen Braunkohlekraftwerken, die die Atommeiler ersetzen.

            Verschlimmert wird die Malaise der Versorger, da ihre führende Stellung auf dem Strommarkt wackelt. "Die Energiewende schwächt das Energie-Oligopol von EnBW, RWE, E.On und Vattenfall. Volkswirtschaftlich wirkt dies wie eine kartellrechtlich erzwungene Entflechtung", sagt Wolfgang Hummel, Chef des Zentrums für Solarmarktforschung in Berlin.

            Zudem hat die Wende persönliche Folgen. So wurde der Vertrag von EnBW-Chef Hans-Peter Villis nicht mehr verlängert. Baden-Württembergs neue grün-rote Regierung will als Miteigentümerin einen ausgewiesenen Ökostromer an der EnBW-Spitze: den früheren Chef Erneuerbare Energien bei E.On, Frank Mastiaux, 47.

            Politische Ächtung

            Anschluss gesucht Siemens-Anlagen im kommerziellen EnBW-Windpark Baltic 1 vor der deutschen Ostseeküste bei Zingst

            Die Ablehnung der Wende bekommen die Energie-Tycoons inzwischen auf höchster Ebene zu spüren. "Die Politik redet nicht mehr mit uns", beklagt sich der Chef eines der vier großen Versorger. Wegen einer neuen Welle von Strompreiserhöhungen warf Bundesumweltminister Norbert Röttgen den Stromriesen vor, die Energiewende zu unterlaufen: "Steigende Strompreise haben nichts mit der Energiewende zu tun", behauptet der CDU-Politiker.

            Dem widerspricht allerdings die Bundesnetzagentur. Die Bonner Behörde, rechnet vor, dass die erforderlichen Investitionen in den Netzausbau zur Verteilung des Ökostroms den Transport der Elektrizität bis 2020 verteuern.

            Die politische Ächtung der Energiebosse hat auch bekennende Energiewende-Kritiker zurückrudern lassen. Der frühere BASF-Chef Jürgen Hambrecht hielt einst die Politik der regenerativen Energien für traumtänzerisch. Seit Löschers Pro-Energiewende-Anzeige will der Chemieboss die eigenen Reihen wieder schließen. "Die Industrie ist einer Meinung und steht voll hinter Herrn Löscher", sagt er.

            Auch andere fügen sich der normativen Kraft das Faktischen. Deutsche-Bahn-Chef Rüdiger Grube unterschrieb vor zwei Jahren noch den Pro-Atom-Appell. Heute möchte er sich unbedingt dem Lager der Wende-Freunde zugerechnet wissen und den grünen Anteil am Stromverbrauch von derzeit gut 20 Prozent auf 35 Prozent im Jahr 2020 steigern.

            Top-Jobs des Tages

            Jetzt die besten Jobs finden und
            per E-Mail benachrichtigt werden.

            Standort erkennen

              Bayer-Chef Dekkers sieht bei aller Kritik durchaus auch die Chancen, die die Energiewende Bayer bietet. Und Kernkraft-Freund Großmann muss sich von einem Gemäßigten an seiner Seite einfangen lassen. "Beim Thema Energiewende ist RWE Teil der Lösung", betonte sein designierter Nachfolger Peter Terium bei der Präsentation der RWE-Bilanz vor wenigen Tagen.

              Subventionsbonus als Brücke

              Zankapfel Strompreis

              Am radikalsten treten die Chefs auf, die Öko für ihr Image nutzen. Götz W. Werner, Gründer der Drogeriekette dm, findet: „Die Energiewende ist sinnvoll und notwendig. Risiken wie in Fukushima dürfen wir nicht eingehen." Jochen Zeitz, Vorsitzender des Verwaltungsrates bei Puma, hat gemeinsam mit Deutscher Bahn und dem Handelsriesen Otto eine Klimaschutz-Stiftung namens "2 Grad" mitgegründet und lobt Merkels "Schritt in Richtung einer sicheren und sauberen Energieversorgung".

              Eines haben die Kritiker und Skeptiker erreicht: Fast 100 000 stromintensive Unternehmen sind von diversen Ökozuschlägen auf die Stromrechnung bis hin zu den Netzentgelten befreit – Subventionsbonbons für zehn Milliarden Euro 2012.

              Vielleicht könnte dies die Brücke sein, über die Gegner und Befürworter der Energiewende irgendwann einmal wieder vereint gehen können. Immerhin investieren RWE zwischen 2012 und 2014 vier Milliarden Euro und E.On bis 2015 sieben Milliarden Euro in erneuerbare Energien.

              Energie



              Siemens-Chef Löscher sucht nach seinem Ausflug in die Tagespresse wieder Harmonie. Nachdem Meldungen erschienen waren, er habe die zu starre Haltung des BDI kritisiert, rief der Österreicher bei Verbandspräsident Keitel an, um dies zu dementieren, und bot an, den bösen Zungenschlag wieder aus der Welt zu schaffen.

              © Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
              Zur Startseite
              -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%