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Atomausstieg Spiel mir das Lied vom Meiler-Abriss

Deutschland geht seit Fukushima einen anderen Weg als andere Länder: Es steigt bis 2022 aus der Atomkraft komplett aus. Erfahrungen mit der Schleifung von Kernkraftwerken gibt es schon, aber nur partiell. Im großen Stil geht bald das los, was im Ingenieursdeutsch „Rückbau“ genannt wird.

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Atomkraftwerk Obrigheim Quelle: dpa/dpaweb

Die deutschen Energiekonzerne investieren wieder: Sie geben bald Milliarden Euro für den Abriss von Kernkraftwerken aus, 17 an der Zahl in Deutschland. Daran werden laut Branchenschätzung gut 20.000 Arbeitsplätze partizipieren, der Rückbau schafft also Jobs, wenn auch keine Energiesicherheit. Das Projekt des flächendeckenden Schleifens von Meilern beginnt spätestens 2025, wenn die letzten stillgelegten Reaktoren ausgeglüht sind und vorsichtig erste Aggregate demontiert werden können.

Es ist das zweitgrößte Demontagevorhaben seit dem Abbau von deutschen Industrieanlagen durch alliierte Montagetruppen gleich nach dem Zweiten Weltkrieg. Doch damals wurden die alten Anlagen ins Ausland verbracht, um dort weiterzulaufen. Das wird beim Abriss deutscher Atomkraftwerke nur teilweise möglich sein. Da und dort wird die eine oder andere Dampfturbine wieder in Schwellenländern zum Einsatz kommen. Ansonsten wird nur ein Teil der alten Atomanlagen bis in die Ewigkeit übrigbleiben.

Information über bevorstehende Abbauschritte

Morgen wird der baden-württembergische Versorger EnBW auf einer Pressekonferenz in Obrigheim die zweite Abbauphase des ältesten Kernkraftwerks in Deutschland vorstellen. Der Konzern wird die Öffentlichkeit über die bevorstehenden Abbauschritte informieren, und zwar in dem noch stehenden Besucher- und Infocenter von Obrigheim.

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Standort erkennen

    Dieser Center soll erst zum Schluss eingerissen werden, wenn es drumherum nichts mehr gibt. Was EnBW vorhat, plant RWE auch schon. Der Essener Versorger hat bereits eine Projektgruppe gebildet, die sich ausschließlich mit dem Abriss von Atomkraftwerken beschäftigt. Und E.On hat ebenfalls mit Planspielen für einen Abriss seiner Meiler begonnen.

    Energieriesen bilden Rücklagen

    Werden alte Meiler künftig als Endlager für Castor-Behälter dienen? Überlegungen dazu gibt es. Quelle: dpa

    E.On hat insgesamt 16 Milliarden Euro zurückgelegt, RWE gut zehn Milliarden Euro. Skeptiker befürchten, dass diese Summen nicht hoch genug sind, um alle Anlagen reststofffrei dem Erdboden gleich zu machen. Anderen Planspielen zufolge werden einige Meiler aber auch als mögliche Endlager für die Castoren dienen können, die in Gorleben eines Tages möglicherweise nicht mehr zwischengelagert werden können.

    Ein Schwimmbad im Ex-AKW

    Vorteil: Für die 17 Atommeiler gibt es noch die Genehmigungen, die einfach verlängert werden können. Die Meiler-Anrainer, Nachbarn, Bewohner von benachbarten Dörfern und in der Nähe liegende Kleinstädten sind an den Anblick der Kernkraftwerke gewöhnt, profitierten sogar in der Vergangenheit von weitreichenden milden Gaben der Betreiber.

    Dazu gehören der Betrieb von Freizeitzentren, Schwimmbädern und Sportanlagen – als Dankeschön für den Betrieb der Reaktoren in Sichtweite. Solche Nachbarn werden nichts gegen Endlagerung von gut verpackten Castoren anstatt des Weiterbetriebs der Reaktoren einzuwenden haben, hoffen Energiemanager.

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      Wissen weltweit vermarkten

      Während EnBW den Rückbau des kleinen Obrigheim-Meilers vorantreibt, gehen E.On und RWE die Abbau-Zukunft weitaus größerer stillgelegter Kernkraftwerke an. E.On sieht sich mit den nicht mehr in Betrieb befindlichen Meilern Unterweser und Isar I konfrontiert, RWE mit Biblis.

      Das Abrissgeschäft könnte florieren. Die großen Versorger könnten ihr umsichtiges Rückbau-Know-how weltweit anderen Ländern zur Verfügung stellen, die ihre Meiler dem Erdboden gleichmachen wollen. Man kann sich bei den Betreibern vorstellen, Beratungsgesellschaften zu gründen, die Abriss-Wissen nicht als schwarzen Tod einer Industrie weltweit vermarkten, sondern als sicherheitsrelevantes und jobgenerierendes Ingenieurswissen mit grüner Zukunft.

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