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Atomausstieg Die 54-Milliarden-Euro-Rechnung

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Umsatz mit Atomstrom kann die Kosten nicht decken

Bilanz: Volkswirtschaftlich wird die Atomkraft Deutschland rund 54 Milliarden Euro mehr kosten, als sie einbrachte. Zwar bescherte der Verkauf von gut 5122 Terawattstunden Atomstrom den vier heutigen Kernkraftwerksbetreibern bis Ende vergangenen Jahres Einnahmen von 178 Milliarden Euro (siehe Grafik). Plus rund 14 Milliarden Euro bis Ende 2022. Doch gleichzeitig summierten sich die Ausgaben von Konzernen und Staat auf 246 Milliarden Euro. Im Einzelnen:

Ausgaben der Konzerne: Betriebs-, Investitions- und Kapitalkosten der Energiekonzerne für die Stromerzeugung mit Atom summierten sich von 1961 bis 2015 auf rund 120 Milliarden Euro. Der Betrag ist niedrig gegriffen. Arthur D. Little hat ein einfaches Rechenmodell benutzt, ohne Zinseszins- und Steuereffekte zulasten der Unternehmen zu berücksichtigen. Als weiterer Kostenblock kommen geschätzte Ausgaben für den Rückbau der AKWs und die Entsorgung des Atommülls, die sich Ende 2014 auf 48 Milliarden Euro addierten. Diese Summe stellten die Bilanzexperten der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Warth & Klein im vergangenen Herbst in einem Gutachten für die Bundesregierung fest. Hinzu kommen weitere 28 Milliarden Euro, die Arthur D. Little an Mehrkosten für Zwischen- und Endlager schätzt.

Staatliche Forschungsgelder: Von 1956 bis 2010 sind in die Technologieentwicklung, in die Reaktorsicherheit, in die Kernfusion, in neue AKW-Typen wie den „Schnellen Brüter“ und Hochtemperaturreaktoren staatliche Fördergelder in Höhe von rund 17 Milliarden Euro geflossen. Diese Zahlen stammen vom industrienahen Fachverband für die Strom- und Wärmeerzeugung VGB Powertech in Essen. Darin nicht enthalten sind weitere Fördermittel etwa der Bundesländer sowie Hermes-Bürgschaften und Forschungsgelder für den Rückbau von Atomkraftwerken.

Das Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft sieht die Summe der staatlichen Förderungen für die Atomenergie deshalb bei 219 Milliarden Euro. Dazu bezog es allerdings auch die Zahlungen Deutschlands zur Beseitigung von Folgeschäden des Reaktorunglücks in Tschernobyl sowie Beiträge für die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEO) und das Kernforschungszentrum CERN in Genf ein. Am realistischsten dürften deshalb Zahlen des Umweltbundesamt von 2010 sein. Damals schätzte die Behörde die öffentlichen Ausgaben für die Atomkraft auf 40 bis 60 Milliarden Euro. Die WirtschaftsWoche legt ihrer Rechnung den Mittelwert von 50 Milliarden Euro zugrunde.

Die grundsätzliche Botschaft bleibt jedoch: „Der Umsatz mit dem Atomstrom hat die Investitionen und die laufenden Kosten bislang nicht decken können, um einen positiven Kapitalwert zu erwirtschaften“, sagt Arthur D. Little-Berater Michael Kruse. Auf gut Deutsch: Der Barwert der Ausgaben übersteigt den Barwert der Einnahmen. Mit dem Wissen von heute hätte ein Investor in den Sechzigerjahren langfristig kein Geld in Atomkraft investiert.

Die letzten Kernkraftwerke
AKW Grafenrheinfeld in Bayern Quelle: Creative Commons
Kernkraftwerk Gundremmingen Quelle: dpa/dpaweb
Kernkraftwerk Philippsburg Quelle: dpa
Kernkraftwerk Brokdorf Quelle: dpa
Kernkraftwerk Grohnde Quelle: dpa
Kernkraftwerk Neckarwestheim Quelle: dpa
Kernkraftwerk Isar II Quelle: dpa

Jahrzehntelang verkauften Atombetreiber ihren Atomstrom als die kostengünstigste Energiequelle. Der billige Atomstrom, sagte einmal der heutige Kanzleramtschef und Exbundesumweltminister Peter Altmaier (CDU), hätte den Aufschwung in Bayern erst ermöglicht. In Wirklichkeit subventionierte Deutschland jedoch eine Hochrisikotechnologie, die nun auch hohe Entsorgungskosten nach sich zieht. Tatsächlich liege die Sprengkraft in den Kosten für Zwischen- und Endlagerung, sagt Unternehmensberater Kruse von Arthur D. Little. Für die geschätzten Kosten für Rückbau und Entsorgung in Höhe von 48 Milliarden Euro rechnet Kruse allein für Zwischenlager mit Mehrkosten von nominal bis zu zwölf Milliarden Euro, für das Endlager mit Mehrkosten von bis zu 16 Milliarden Euro. Da es noch kein Endlager gibt, fallen die Kosten für die derzeit 16 oberirdischen Zwischenlager an den AKW-Standorten länger an. Je länger diese genutzt werden müssen, desto höher steigen die Kosten für Instandhaltung und Sicherheit.

„Sinnvoller wäre es gewesen, die Kernkraftwerke in Deutschland noch 15 Jahre weiter laufen zu lassen, damit diese die Chance gehabt hätten, eine gesamtwirtschaftlich positive Rendite zu erzielen“, sagt Berater Kruse. Erst dann wäre die Gewinnschwelle mit den Meilern erreicht worden.

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