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CO2-Freikauf im Selbstversuch Moderner Ablasshandel für Klimasünder

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Kurios ist Schritt 7 mit dem Abschnitt Ernährung. Wenn ich mein Körpergewicht um zehn Kilo nach unten mogele, spare ich 0,11 Tonnen CO2. Der Rechner unterstellt nämlich, dass schlankere Menschen weniger essen. Weniger Nahrungsmittel bedeuten weniger Treibhausgase in der Landwirtschaft.

Gebe ich dagegen vor, Extremsportler zu sein – was glatt gelogen ist –, schlägt der Rechner 0,1 Tonnen CO2 auf. Schließlich muss die Waschmaschine Überstunden machen, wegen der vielen verschwitzten Klamotten. Wer also ein paar Pfunde zu viel hat, schont das Klima, wenn er nicht joggen geht. Wenn das die Krankenkasse wüsste.

Nun ist es amtlich: Trotz Heizungsmalus liegen wir mit 20,4 Tonnen CO2 pro Jahr 6,25 Prozent unter dem Durchschnitt. Tröstlich, aber zu wenig, um sich als Gutmensch zu fühlen. Damit sich das Gefühl einstellt, müsste ich 469,20 Euro CO2-Ablass im Jahr an Atmosfair zahlen. Das Geld würde genutzt, die gleiche Menge Treibhausgas andernorts einzusparen. Mein Beitrag und der anderer Klimasünder flösse zum Beispiel in Biogasanlagen in Thailand, die Abwässer aus Palmölfabriken verwerten, oder in effiziente Brennholzkocher für nigerianische Bauern, die bei gleicher Leistung 80 Prozent weniger Energie benötigen als die alten.

WWF empfiehlt: Klimaschutzprodukte statt CO2-Zertifikate

11.00 Uhr Das Telefon klingelt Rückruf von der Umweltorganisation WWF. „CO2 über Zertifikate zu kompensieren ist immer die zweitbeste Lösung“, sagt Klimaschutzexpertin Juliette de Grandpré. „Nur wenn sich etwa ein Flug gar nicht vermeiden lässt, ist es sinnvoll, in Klimaschutzprojekte zu investieren.“

Dabei sei es gar nicht so einfach, seriöse Klimaagenturen zu finden: Nur sehr wenige Anbieter seien vertrauenswürdig, weil die mitfinanzierten Projekte, tatsächlich die versprochene Menge CO2 einsparen. „Für Privatpersonen ist es meist einfacher, einen guten Ökostromanbieter zu finden und somit mehr fürs Klima zu tun“, sagt WWF-Expertin de Grandpré.

Ökostrom bringt mich also schneller zur Absolution meiner Klimasünden. Unser Strom kommt derzeit von den Düsseldorfer Stadtwerken, die mehrheitlich dem Energieriesen EnBw gehören. Nur wie viel Öko ist in Düsseldorfer Strom? Auf der Jahresabrechnung steht es nicht. Auf der Internet-Seite weisen die Stadtwerke 17,7 Prozent für Wasser-, Wind- und Sonnenenergie aus. Der Rest entfällt auf Atom, Kohle und Gas; grob der durchschnittliche Strommix in Deutschland.

Bis 2020 will die Bundesregierung den Ökostrom-Anteil – ohne Kernenergie – auf 30 Prozent anheben. Für das Sündenkonto unseres Haushalts wäre das nur ein minimaler Fortschritt. Warum warten, wenn schon jetzt 100 Prozent Ökostrom möglich sind? Für 19,90 Cent je Kilowattstunde und 7,95 Euro Grundgebühr monatlich verspricht der Versorger Naturstrom Energie nur aus Wasser, Wind und Sonne. Der Wechsel sei kinderleicht, flugs den Vertrag unterschreiben, um den Rest kümmere sich Naturstrom.

Das Sündenkonto wächst

Schnell noch der Blick aufs Sündenkonto: Laut CO2-Rechner spart der Ökostrom 1,63 Tonnen Treibhausgas pro Jahr, was 37,49 Euro weniger für den Ablass macht. Für den grünen Strom hätten wir in diesem Jahr also nur 12,12 Euro mehr zahlen müssen als bei den Stadtwerken.

12.15 Uhr Mittagspause Den Aufzug nehmen oder Strom sparen und sich beim Treppenlaufen die Knie ruinieren? Die Knie sind mir wichtiger. Unten angekommen, fällt mir ein, dass ich den PC hätte abschalten können. Für eine halbe Stunde. Das Sündenkonto wächst. Fürs Umkehren ist der Hunger zu groß.

„Die Bürger unterliegen dem Irrtum, der Einzelne könnte im Kampf gegen die Erderwärmung nichts ausrichten, es sei Sache der Regierungen“, sagt Professor Klaus Arntz, Moraltheologe an der katholischen Uni Augsburg. Als Trittbrettfahrer auf Wohltaten der anderen zu warten sei zwar unethisch, könne sich aber lohnen. „Solange der Einzelne keinen Anreiz hat, etwas für den Klimaschutz zu tun, sind moralische Appelle fruchtlos“, sagt Arntz.

Mein Gewissen regt sich, aber der PC bleibt trotzdem angeschaltet, so wie Millionen anderer Elektrogeräte in der EU. Jedes für sich ist nur eine Minisünde. Doch in der Summe verschwenden EU-Bürger jedes Jahr den gesamten Stromverbrauch Ungarns mit Stand-by-Betrieb.

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