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Energiekonzern RWE verkauft das Tafelsilber

Der Gewinn des Energiekonzerns RWE ist im ersten Quartal 2014 um ein Viertel eingebrochen. Konzernchef Peter Terium kratzt jeden Euro zusammen, um flüssig zu bleiben.

Die größten Stärken und Schwächen von RWE
Schwäche 1: Teurer Zukauf von Kohlendioxid-ZertifikatenDer Atomausstieg macht RWE an einer Stelle besonders stark zu schaffen – wenn es um die CO2-Emissionen geht. RWE-Chef Jürgen Großmann hatte lange gehofft, durch eine Verlängerung der Laufzeiten bei den Kernkraftwerken möglichst viel CO2-freien Strom produzieren zu können. Doch nach der Atomkatastrophe von Fukushima ist klar: Der Energiekonzern wird nach wie vor sehr stark abhängig von seinen Kohlekraftwerken (Bild: Kraftwerk Westfalen in Hamm) und damit auch der größte Emittent des klimaschädlichen Kohlenstoffdioxids bleiben. Quelle: dapd
Schwäche 1: Teurer Zukauf von Kohlendioxid-ZertifikatenSo hat der Konzern im vergangenen Jahr insgesamt 161,9 Millionen Tonnen CO2 ausgestoßen. Das sind zwar knapp zwei Prozent weniger als 2010. Doch nur für 116,6 Millionen Tonnen hat RWE kostenlos Zertifikate zugeteilt bekommen. Für den Rest, also 45,3 Millionen Tonnen, musste der Versorger Zertifikate erwerben – und dafür rund 600 Millionen Euro bezahlen. (Bild: Braunkohlekraftwerk Neurath in Grevenbroich) Quelle: dpa
Schwäche 1: Teurer Zukauf von Kohlendioxid-ZertifikatenDoch während RWE heute noch fast drei Viertel der Verschmutzungsrechte kostenlos erhält, muss der Konzern sich darauf einstellen, ab 2013 für alle Zertifikate zu bezahlen. Wie hoch die Mehrbelastung für RWE dadurch sein wird, ist schwer vorauszusagen. Denn allein im Jahr 2011 schwankten die Preise zwischen 7,40 Euro und über 17 Euro pro Tonne. Für den Teil, den RWE bisher noch gratis erhalten hat, wären das Kosten zwischen gut 860 Millionen und knapp zwei Milliarden Euro. (Bild: Braunkohlekraftwerk Neurath) Quelle: dpa
Schwäche 2: Ratingagenturen kritisieren steigende VerschuldungDer Anstieg der Verschuldung ist ein weiterer Punkt, der dem RWE-Chef Jürgen Großmann (im Bild links mit seinem Nachfolger Peter Terium) angekreidet wird. Denn in seiner Amtszeit haben sich die Nettoschulden deutlich erhöht. Während sie im Jahr 2007 noch bei 16,51 Milliarden Euro lagen, betrugen sie Ende 2011 dagegen stolze 29,95 Milliarden Euro. Quelle: dpa
Schwäche 2: Ratingagenturen kritisieren steigende VerschuldungDie Nettoschulden beinhalten alle Finanzschulden wie etwa Anleihen und Bankkredite abzüglich der flüssigen Mittel. Hinzu kommen Rückstellungen für Pensionen und die Entsorgung im Kernenergiebereich sowie bergbauliche Rückstellungen. Die Nettoschulden machten 2011 175 Prozent des Eigenkapitals und das 3,5-Fache des Ergebnisses vor Zinsen,  Steuern und Abschreibungen (Ebitda) aus. Das eigens gesetzte Ziel, beim am Ebitda gemessenen Verschuldungsfaktor eine Obergrenze von 3,0 einzuhalten, hat RWE damit nicht erreicht. (Bild: Ratingagentur Moody's) Quelle: Reuters
Schwäche 2: Ratingagenturen kritisieren steigende VerschuldungTrotz bereits erfolgter Abstufungen – unter anderem weil die Belastungen durch den Atomausstieg ansteigen – sind die externen Ratings noch ordentlich: Moody’s vergibt ein A3, S&P ein A– und Fitch ein A. Alle drei Ratingagenturen haben ihre Bonitätsnoten aber mit einem negativen Ausblick versehen. Bekommt der Energieriese seine Verschuldung nicht in den Griff, könnte es mit den Ratings weiter abwärtsgehen. (Bild: Ratingagentur Standard & Poor's) Quelle: dpa
Schwäche 3: Investitionen können nicht aus eigenen Mitteln finanziert werdenRWE investiert regelmäßig mehr Geld, als der Konzern im operativen Geschäft erwirtschaftet. Im Jahr 2011 standen dem operativen Cash-Flow von 5,5 Milliarden Euro Investitionen in Sachanlagen und immaterielle Vermögenswerte von 6,4 Milliarden Euro gegenüber. Der sogenannte freie Cash-Flow lag somit bei minus 843 Millionen Euro. Ein Jahr zuvor waren es sogar minus 879 Millionen Euro. (Bild: Windrad vor dem Braunkohlekraftwerk Neurath) Quelle: dpa

In der RWE-Zentrale in Essen kann man vorerst aufatmen: Zwar sieht die Zwischenbilanz des ersten Quartals nicht gut aus. Der Gewinn brach im Vergleich zum Vorjahresquartal um ein Viertel ein - auf nunmehr 995 Millionen Euro. Doch Konzernchef Peter Terium gelingt es trotz einer Schuldenlast von mehr als 31 Milliarden Euro, das Schiff über Wasser zu halten. Dazu tragen die Beteiligungsverkäufe bei, die Liquidität schaffen. Mit 3,9 Milliarden Euro ist diese recht gut. Aber sie zeigt auch: Der RWE-Vorstand kratzt jeden Euro zusammen, um flüssig zu bleiben.

Demnächst steht der Verkauf der Ölfördertochter Dea an, der noch von den Genehmigungsbehörden abgesegnet werden muss. Die Hamburger Dea soll an den russischen Investor Michail Fridman gehen. Auf einen Verkaufspreis von 5 Milliarden Euro hat man sich geeinigt.

Terium braucht dieses Geld, um seine Verschuldung auf 26 Milliarden Euro zu senken. Aber es geht ihm auch eine wichtige Gewinnquelle im Konzern unwiederbringlich verloren. So ist es, wenn Tafelsilber verschwindet.

Das Kerngeschäft schwächelt, die Gaskraftwerke schreiben rote Zahlen, weil Ökostrom in die Netze drückt und die flexiblen Erdgasmeiler überflüssig macht. Der Stromabsatz geht zurück - das ist ein schlechtes Signal des Marktes an RWE. Aber das hat auch einen guten Effekt für den Finanzchef: Damit sinken die Kosten - und die sind zur Zeit Gift für RWE.

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Im Konzern gibt es momentan fieberhafte und zum Teil erfolgreiche Bemühungen, Neugeschäft an Land zu ziehen. Dezentrale Energien für mittelständische Betriebe etwa oder das Geschäft mit der Energieeffizienz-Beratung. Doch das sind noch kleine Pflänzchen.

Ansonsten ist RWE wie die anderen Versorger E.On und EnBW damit beschäftigt, mit großen, politischen Strukturlösungen zu jonglieren. Gleich zwei Stiftungsmodelle sind im Gespräch, eine Stiftung für unrentable Kohlekraftwerke und eine für die Folgekosten der stillgelegten Atommeiler. Und es wird an einem Kapazitätsmarktmodell gebastelt, das die Kosten für ausgebremste Kohlekraftwerke dem gemeinen Bürger aufbürdet.

All das zeigt: RWE-Chef Terium kämpft an vielen Fronten.

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