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Energiesicherheit Wie Gazprom die deutsche Gasversorgung kontrolliert

Deutschland hat die größten Gasspeicher Europas – und ist somit bestens für Krisen und einen harten Winter gerüstet. Im Zweifel könnte aber der Zugriff auf einen Teil der Reserven schwierig werden.

Der Einflussbereich von Gazprom-Chef Alexei Miller geht längst über die russischen Landesgrenzen hinaus. Quelle: REUTERS

Es wird die angespannte Beziehung zwischen Russland und der Ukraine weiter belasten: Der russische Energiekonzern Gazprom hat am Montag seine Erdgaslieferungen in das Nachbarland verringert. Zugleich warnte Gazprom davor, dass dies auch die Liefermenge nach Europa beeinflussen könnte.

Laut Gazprom hatte die Ukraine die Zahlung einer Tranche von rund zwei Milliarden Dollar für die vergangenen Gaslieferungen versäumt, deren Frist am Montag abgelaufen war. Wie so oft beschuldigen sich beide Konfliktparteien gegenseitig, die Verantwortung für die aktuelle Eskalation im Gasstreit zu tragen.

Die deutsche Abhängigkeit von russischem Gas und Öl

Trotz der möglichen lückenhaften Lieferungen aus Russland sieht die deutsche Politik die Gasversorgung nicht gefährdet. Schließlich verfügen wir hierzulande über die größten Gasspeicher Europas. Und die sind in Vorbereitung auf den anstehenden Winter bereits zu mehr als 90 Prozent gefüllt.

Nicht nur bei den Lieferungen, auch bei den Gasreserven ist Deutschland abhängig von Russland: Bereits ein Viertel der unterirdischen Gasbunker befindet sich unter Kontrolle russischer Unternehmen. Zwar betonen Regierung und Betreiber, die Versorgung sei gesichert. Doch das aktuellste Beispiel aus der Ukraine unterstreicht wieder, wie Russland Gas als politisches Druckmittel einsetzt.

Gazprom übernimmt Deutschlands größten Gasspeicher

Auch der größte deutsche Gasspeicher in Rehden bei Bremen ist bald in russischer Hand. Von dort aus könnten 2,2 Millionen Haushalte ein Jahr lang mit Gas versorgt werden. Im Zuge eines Tauschgeschäfts des bisherigen Betreibers BASF und Gazprom fällt Rehden an die Russen. BASF bekommt dafür Lizenzen zur Gasförderung in Sibirien. Abgeschlossen ist der Deal noch nicht, laut einem BASF-Sprecher soll es aber noch im Herbst so weit sein.

Wer den Öl- und Gasmarkt dominiert
Stürmische Zeiten: Trotz der weltweiten Wirtschaftsflaute fahren die größten Ölkonzerne der Welt satte Gewinne ein. Der Energie-Informationsdienst Oilandgasiq hat die zehn größten Öl- und Gaskonzerne nach dem täglichen Fördervolumen zusammengestellt. Stand: Mai 2013 Quelle: REUTERS
Platz 10: Kuwait Petroleum Corporation (KPC)Den letzten Rang unter den Top-10 Ölkonzernen der Welt erreicht der staatliche Ölförderer von Kuwait. Die Kuwait Petroleum Corporation ging aus der Anglo-Persian Oil (heute BP) und Gulf Oil (heute Chevron) hervor. Die Kuwaitis beschäftigen 15.800 Menschen und fördern 3,2 Millionen Fass Öl am Tag. Ein Fass oder Barrel entspricht rund 159 Litern. Im Golfkrieg in den 1990ern setzten irakischen Streitkräfte mehr als 700 kuwaitische Ölquellen in Brand. Quelle: PR
Platz 9: ChevronDie Wurzeln des drittgrößten Unternehmens der USA reichen bis 1879 zurück, als die Pacific Coast Oil Company gegründet wurde. Später schluckte Standard Oil das Unternehmen und nannte es SoCal. 1984 schlossen sich dann SoCal und Gulf Oil unter dem Namen Chevron zusammen. Die Kalifornier fördern 3,5 Millionen Barrel am Tag. Rund 62.000 Menschen arbeiten weltweit für den Konzern. Quelle: REUTERS
Platz 8: PemexMexiko verstaatlichte 1938 die gesamte Ölindustrie. Heute gilt der Energieriese als eines der größten Unternehmen Lateinamerikas und größter Steuerzahler Mexikos. Die 138.000 Mitarbeiter fördern 3,6 Millionen Fass Öl am Tag. Quelle: REUTERS
Platz 7: Royal Dutch Shell Der siebtgrößte Ölförderer der Welt entstand 1907 aus dem Zusammenschluss einer niederländischen und einer britischen Firma. Der weltweit bekannte Konzern setzte sich 2012 mit einer Marktkapitalisierung von 140 Milliarden Dollar an die Spitze des britischen Leitindex FTSE. Mit 87.000 Angestellten fördert der Multi 3,9 Millionen Barrel Öl am Tag. Quelle: REUTERS
Platz 6: BPAuf eine lange Historie blickt auch British Petroleum, kurz BP, zurück. Die Burmah Oil Company ging 1909 in der Anglo-Persian Oil Company auf, die später zur Anglo Iranian Oil und schließlich zu BP wurde. Einen schweren Schlag erhielt der Konzern, als eine Explosion auf der Plattform Deepwater Horizon 2010 mehrere Arbeiter töte. Das auslaufende Öl verseuchte den Golf von Mexiko und richtete eine der größten Umweltkatastrophen an. Der Konzern wurde zu Milliardenstrafen und Entschädigungen verurteilt. Weitere Prozesse laufen. BP beschäftigt 85.700 Menschen und fördert 4,1 Millionen Fass Öl am Tag. Quelle: dapd
Platz 5: PetrochinaDen fünften Rang unter den größten Energiekonzernen der Welt hat Chinas Petrochina erobert. Die Karriere des erst 1999 gegründeten Unternehmens ist steil. Der staatseigene Konzern fördert mit 550.000 Arbeitern 4,4 Millionen Barrel. Quelle: REUTERS

Die Opposition kritisiert das passive Verhalten der Bundesregierung bei dem Tauschgeschäft. „Damit können russische Staatskonzerne explizit gegen die Ziele der Versorgungssicherheit politischen Druck ausüben“, sagt der Grünen-Fraktionschef im Bundestag, Oliver Krischer. Mit einem Einschreiten der Politik ist nicht mehr zu rechnen: Die EU-Kommission hat den Deal bereits im Dezember 2013 abgesegnet.

An dem zweitgrößten Gasspeicher in Europa im österreichischen Haidach ist Gazprom mit einem Drittel beteiligt. Über Tochtergesellschaften und Beteiligungen halten die Russen Anteile an dem Speicher im ostfriesischen Etzel und der im Bau befindlichen Anlage in Peissen. Der Gasspeicher in Jemgum, ungefähr 50 Kilometer von Etzel entfernt, wird auch vollständig an Gazprom fallen.

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Grund hierfür ist das Unternehmen Wingas, bislang ein Gemeinschaftsunternehmen der BASF-Tochter Wintershall und der Gazprom-Tochter Gazprom Germania. Der russische Konzern wird Wingas im Gegenzug für die Förderrechte in Sibirien vollständig übernehmen – und damit auch die Kontrolle über die Gasspeicher Rehden und Jemgum.

Claudia Kemfert, Energieexpertin beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), hält den privaten Betrieb der wichtigen Gasreserven für problematisch. „Da haben wir im Krisenfall nicht die Möglichkeit, drauf zuzugreifen“, sagte Kemfert im ARD-Morgenmagazin. „Gerade in Krisenzeiten macht es Sinn, dass man auch über die Gasspeicher verfügen kann.“

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