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Energieversorger RWE wird zum Spielball der Politik

RWE -Chef Peter Terium will die düsteren Zeiten hinter sich lassen. Nach dem größten Verlust des Energiekonzerns seit 1949 machte der Manager den Anlegern am Mittwoch zumindest Hoffnung auf ein Ende der Talfahrt.

Auf der Hauptversammlung in der Essener Gruga-Veranstaltungshalle redet Konzernchef Terium Tacheles. Quelle: dpa

Draußen vor der gewaltigen Essener Gruga-Veranstaltungshalle ertönen Trillerpfeifen und wütende Protestrufe. Es sind diesmal nicht nur Atomkraftwerksgegner, sondern auch Mitarbeiter von RWE. Drinnen wird bisher ganz untypisch für RWE Tacheles geredet. „Reden wir nicht drum herum“, sagt RWE-Chef Terium vor den versammelten Aktionären des größten deutschen Energiekonzerns. „Die Lage ist sehr ernst“. Fast drei Milliarden Euro Verlust hat der Energieriese zuletzt erwirtschaftet, ein solcher Verlust ist seit 50 Jahren nicht aufgetaucht. RWE strotzte vor Reichtum, die Energieversorgung war ein Monopol. Jetzt steht RWE im Wettbewerb und stellt fest, dass mit Preisen von 36 Euro pro Megawatt an der Leipziger Strombörse Kohle- und Gaskraftwerke nicht mehr profitabel laufen. Zudem drängt der Ökostrom aus Wind und Sonne die Energie aus konventionellen Kraftwerken aus dem Netz und lässt legt sie Schach Matt. Dadurch türmten sich zuletzt die riesigen Verluste auf, auf die RWE-Chef Terium mit Gegenmaßnahmen reagierte.

Die Sparpläne der Versorger
Wie die Energiekonzerne sparen wollen Quelle: dpa
RWE will jetzt auch bei den Gehältern seiner leitenden und außertariflichen Angestellten sparen. Das Unternehmen strebe für 2014 eine Nullrunde bei dieser Personengruppe an, sagte eine Unternehmenssprecherin am 29. November. Betroffen seien über 6000 Mitarbeiter in Deutschland, europaweit sogar 16.000 Beschäftigte. In einem internen Schreiben kündigte der RWE-Vorstand nach Angaben der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung“ an, diesem Mitarbeiterkreis 2014 „keine generelle Gehaltserhöhung zu gewähren“. Hintergrund sei die schwache Ertragskraft des Konzerns, die 2014 zu einem deutlichen Ergebnisrückgang führen werde. Neben den Aktionären, die für 2013 eine halbierte Dividende hinnehmen müssen, sollten alle Beschäftigten „ihren Beitrag zur langfristigen Sicherungen der Finanzkraft leisten“. Durch die Maßnahme will der Konzern einen zweistelligen Millionenbetrag sparen. Quelle: dpa
Angesichts der düsteren Aussichten auf dem deutschen Energiemarkt sollen bis 2016 weitere 6750 Stellen wegfallen oder durch Verkauf abgegeben werde, 4750 davon in Deutschland. Terium will auch auf Management-Ebene über Gehaltskürzungen sprechen. Betriebsbedingte Kündigungen soll es soweit möglich nicht geben. RWE setzte auf die konzerninterne Jobbörse, Altersteilzeit und die natürliche Fluktuation. Den bis Ende 2014 garantierten tariflichen Kündigungsschutz will Terium angesichts der Lage nicht verlängern. Von 2011 bis Ende 2013 hat RWE bereits 6200 Stellen abgebaut oder durch Verkauf abgegeben. Der neue Abbau trifft vor allem die Kraftwerkssparte mit 2300 Stellen. Im Rahmen des Effizienzprogramms „RWE 2015“ fallen 2400 Stellen weg, und durch den geplanten Verkauf der Ölfördertochter Dea weitere 1400 Stellen. Auch die Tochter für erneuerbare Energien RWE Innogy speckt ab - 250 Stellen gehen verloren. Zum Jahresende 2013 verringert sich die Zahl der Stellen von 67.400 auf knapp 61.000. Ende 2011 arbeiteten noch 72.000 Menschen für RWE. Quelle: dpa
Bei RWE greifen mittlerweile mehrere Spar- und Effizienzprogramme ineinander. Im Rahmen des Programms RWE 2015 will Terium bis Ende des kommenden Jahres 1 Milliarde Euro einsparen. Zunächst hieß es, die Zahl der Mitarbeiter solle um 8000 sinken, mittlerweile ist von über 10.000 Stellen die Rede. 3000 davon sollten durch Verkäufe von Unternehmensteilen wegfallen. Nun legte Chef Peter Terium nochmals nach (siehe vorangegangenes Bild). Quelle: dpa
Besonders betroffen ist die Kraftwerkstochter RWE Generation. Im Rahmen des Programms NEO sollen die Kosten hier jährlich um 750 Millionen Euro gesenkt werden. Die Kraftwerkstochter soll 3000 Stellen streichen. Die Sparte hat derzeit 18.000 Beschäftigte. Im Rahmen des Atomausstiegs hat RWE bereits das Kernkraftwerk Bibilis stillgelegt, Lingen, und Mülheim-Kärlich befinden sich im Rückbau. In Betrieb sind noch Emsland, Gundremmingen (75% Beteiligung) und Borssele (Niederlande, 30 % Beteiligung) Quelle: dapd
EnBWDer baden-württembergisch Energieversorger zieht aus seiner Ertragskrise weitere Konsequenzen und verkleinert den Vorstand von fünf auf vier Personen. Vorstand Dirk Mausbeck, bisher für Vertrieb und Marketing verantwortlich, wird mit Ablauf seines Vertrages am 30. September 2014 das Unternehmen verlassen. Seine Aufgaben übernimmt zum Teil Vorstandschef Frank Mastiaux (Foto). Die Sparten Handel und Verteilnetze sollen noch verteilt werden. EnBW kämpft in Folge der Energiewende mit schrumpfenden Erträgen. Mastiaux will den einst stark auf Atomkraft setzenden Konzern auf die Erzeugung von erneuerbarer Energie und auf neue Serviceangebote für die Strom- und Gaskunden trimmen. Dazu ist bereits ein umfassendes Sparprogramm aufgelegt worden... Quelle: dpa
Um den Konzern effizienter zu machen, sollen Kerngesellschaften auf die EnBW AG verschmolzen und Tochtergesellschaften verkauft werden. Das im Oktober 2010 angestoßene Effizienzprogramm "Fokus" soll bis Ende 2014 jährlich eine Entlastung von 750 Millionen Euro bringen. Bis Ende 2014 werden 1350 Stellen bei EnBW gestrichen - das soll Einsparungen von rund 200 Millionen Euro bringen. Der Umbau soll sozialverträglich organisiert werden. Freie Stellen - vor allem in der Verwaltung - werden nicht neu besetzt, Altersteilzeitangebote umgesetzt und Abfindungen gezahlt. Vor dem Sparprogramm arbeiteten 21.000 Menschen für EnBW. EnBW hat im Zuge der Energiewende das Kernkraft Neckarwestheim bereits teilweise stillgelegt, das Werk Obrigheim befindet sich im Rückbau. Am Netz sind noch Philippsburg und Fessenheim, Frankreich / Elsass (17,5% Beteiligung). Quelle: dpa

Doch RWE belasten nicht nur die Rückschläge aus der Energieproduktion, sondern auch ein exorbitante Schulden in Höhe von 30 Milliarden Euro. Terium reagiert darauf mit Stellenstreichungen, mit dem Verkauf von profitablen Tochtergesellschaften wie dem Öl- und Gasförderer Dea sowie mit der Drosselung von Investitionen. Die Rückschläge bekommen auch die kommunalen Aktionäre zu spüren, die hohe Abschreibungen bei ihren Aktienpaketen vornehmen müssen. Das reisst noch tiefere Löcher in die Haushaltskassen und lässt die Sinnfrage nach der RWE-Beteiligung aufkommen. Wer nicht auf der Spitze des Börsenkurses Anfang des vergangenen Jahrzehnts verkauft hat, bleibt nun auf dem Abschreibungsbedarf sitzen. Die Stadt Düsseldorf verkaufte damals rechtzeitig, erzielte einen Rekordpreis ihrer RWE-Beteiligung, die sie seit 1932 hielt, und wurde dadurch schuldenfrei.

Tumulte bei RWE-Hauptversammlung

RWE war lange ein Hort der Sicherheit, vor allem für Arbeitnehmer. Versorgungssicherheit konnte auch sozial verstanden werden. Das kann sich RWE nun nicht mehr leisten, und das kommt einer gravierenden Veränderung der RWE-Kultur nah. RWE ist somit, das wird auf der heutigen Hauptversammlung deutlich, ein ganz normales Unternehmen geworden. Einschnitte beim Personal sind gehören nun auch bei RWE zur Normalität. Der Beschäftigungssicherungspakt läuft in diesem Jahr aus. Nicht alle Auszubildenden können in ein unbefristetes Beschäftigungsverhältnis übernommen werden.

Der Wind wird kälter, der um den 30 Stockwerke hohen RWE-Turm in Essen weht, und nicht nur dort, in den RWE-Niederlassungen in ganz Nordrhein-Westfalen und in den Kraftwerken ebenso. „Wir zahlen nicht für Eure Krise“, rufen Mitarbeiter, von Polizisten in schwerer Montur beäugt, vor den Eingängen der Gruga-Halle, in der sonst Lady-Gaga auftritt.

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