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Energieversorgung Bürger müssen hoffen und bangen

Die Bundesnetzagentur setzt mit einer Mischung aus Elektroschocks und Entspannung die Verbraucher unter Strom. Sie hat guten Grund dafür: Die Anzahl der Energieengpässe haben zugenommen; sie dauern immer länger.

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Der Winter naht, und die Angst vor dem Black-Out durch überlastete Stromleitungen wächst Quelle: dpa

Im Tagesrhythmus überrascht die Bonner Behörde die Stromkunden mit guten und beängstigenden Informationen. Gestern erst hatte Amtschef Jochen Homann den Bedarfsplan vorgestellt, nach dem in den nächsten zehn Jahren die Stromleitungen in Deutschland ausgebaut werden sollen. Heute nun folgte der Bericht zur Sicherheit der Stromversorgung, den die Staatsagentur gemeinsam mit dem Bundeskartellamt erstellt hat.

Die Chronik der größten Stromausfälle
9. Februar 1965: In der größten Stadt der USA gehen die Lichter aus. 30 Millionen Menschen sind 14 Stunden lang ohne Strom und Heizung. Der öffentliche Verkehr bricht zusammen. Der Ursache kommen Techniker erst sechs Tage später auf die Schliche: Schuld war ein einziges kaputtes Strom-Relais im kanadischen Ontario. Es hatte einen Domino-Effekt ausgelöst. Gute neun Monate nach danach steigt die Geburtenrate in New York ungewöhnlich stark an. Die Nacht im Dunkeln hat einen Babyboom ausgelöst. Quelle: REUTERS
13. April 1976: Halb Österreich geht vom Netz - glücklicherweise findet der Wiener Opernball erst ein paar Wochen später statt. Die Feuerwehr muss Menschen aus Aufzügen befreien, in den Krankenhäusern der Stadt springen die Notstromaggregate an. Nur Kärnten, Tirol und Vorarlberg sind nicht betroffen. Bereits hier wird deutlich, welche Folgen ein Ausfall in einem Nachbarland haben kann. Denn der Grund für den Blackout ist eine Explosion infolge eines Waldbrands im deutschen Umspannwerk Hesse.  Quelle: AP
13. Juli 1977: Am Broadway gehen die Lichter aus. Wieder liegt die amerikanische Metropole im Dunkeln. Diesmal sind New York City und der Landkreis Westchester, nördlich von New York betroffen. Millionen warten mehrere Stunden, bis die Klimaanlagen wieder anspringen. Dieser Blackout läuft leider nicht so friedlich ab wie der Stromausfall zwölf Jahre zuvor: Mehr als 1000 Brände entfachen. In der Bronx, Queens und Harlem brechen Unruhen aus. Nicht nur Straßengangs, sondern auch bisher brave Bürger lassen sich von der aufgeheizten Stimmung anstecken. Sie werfen Scheiben ein, plündern Geschäfte. Die Polizei nimmt 3800 Menschen fest. Quelle: dapd
Dezember 1982: Zwei Millionen Menschen sind mindestens eine Stunde im Sonnenstaat der USA ohne Energie. Stürme haben die Leitungen lahm gelegt. Auch in Disneyland mit 7700 Besuchern und der Spielerstadt Las Vegas, berühmt für seine aufwendige Lichtspiele und Leuchtreklamen gehen die Lichter aus. Quelle: AP
Sommer 1996: In neun westlichen Bundesstaaten der USA bricht die Energieversorgung zusammen. Fünf Millionen Amerikaner warten bis zu acht Stunden darauf, dass Klimaanlagen und Ventilatoren wieder summen. Das ist dringend nötig, denn es herrschen Temperaturen von bis zu 40 Grad Celsius. Grund für den Zusammenbruch waren Überhitzung und Überlastung der Hochspannungsleitungen. Quelle: dpa
Dezember 1998: Eine Panne bei Wartungsarbeiten führt zu einem großflächigen Stromausfall. Eine Million Menschen müssen acht Stunden lang ohne Heizung und warmes Wasser auskommen. Die Cable Cars, Wahrzeichen der Stadt an der Westküste, rollen nicht mehr. Die Lichter der Golden Gate Bridge fallen aus. Quelle: AP
22. Juli 2000: Die drittgrößte deutsche Ostseeinsel Fehmarn ist zehn Stunden lang von der Außenwelt abgeschnitten. 12.000 Inselbewohner und tausende Urlauber müssen ausharren bis Kühlschränke und  Eismaschinen wieder arbeiten. Grund für den Stromausfall ist ein Brand in einem Umspannwerk.  Quelle: dpa

Zwar liefert der so genannte Monitoringbericht 2012 keine Vorhersage, dass und gegebenenfalls wann in diesem Winter die Lichter ausgehen, aber er berichtet vom heftigeren Flackern im vergangenen Winter. Gleich mehrfach gab es Versorgungsengpässe, insbesondere im Raum Hamburg und in Baden-Württemberg. Teilweise lag es an der Überlastung der vorhandenen Leitungen, teilweise fehlte Kraftwerkskapazität. Dass die Betreiber der Übertragungsnetze heute viel häufiger als zu Zeiten vor Energiewende und Atomausstieg in den Betrieb der Leitungen eingreifen müssen, um einen Black out zu verhindern, ist zwar nicht neu. Aber der aktuelle Bericht belegt, dass die Nöte der Ingenieure weiter drastisch zugenommen haben.

Kritische Phasen

So sei die absolute Zahl der kritischen Phasen „insgesamt stark angestiegen“, notierten die Beamten. Was die Gefährdung noch etwas deutlicher macht ist die regionale Ausweitung der Problemzonen: Die Engpässe sind längst nicht mehr auf einige wenige Schwachstellen begrenzt. Und sie dauern immer länger. In der Verbindungsleitung von Thüringen nach Bayern – wo die Netzbetreiber seit Jahren auf den Bau der „Thüringer Strombrücke“ warten – herrschte 2011 bereits in 1.727 Stunden der Ausnahmezustand. Das ist ziemlich genau ein Viertel des gesamten Jahres.

Maßnahmen gegen den Leitungszusammenbruch

So weit ist die Energiewende
Ziel: Sichere Stromversorgung
Umweltfreundliche Energieversorgung
Bezahlbare und wirtschaftliche Energieversorgung
14 - Umfragen Quelle: Studie A.T. Kearney/ Wirtschaftswoche

Die Regeltechniker der Gesellschaften 50 Hertz Transmission und Tennet TSO müssen hier also permanent auf der Hut sein, um einen Zusammenbruch der Leitung zu verhindern. Zum Ausgleich für die schwankende Einspeisung aus erneuerbaren Energien müssen die Herren der Netze die so genannten Schattenkraftwerke hoch- oder runterfahren, um eine Flaute bei der Windenergie oder fehlende Sonne für die Solarzellen auszugleichen. Häufiger aktiviert werden auch Schnellabschaltungen großer Industriekunden, die mal eine halbe Stunde lang auf die volle Leistung verzichten können. Denn muss erstmal ein Kabel wegen Überlastung oder starker Schwankungen abgeschaltet werden, droht eine Kettenreaktion, falls nicht – notfalls weiträumig – Verbraucher vom Netz genommen werden.

Stromausfall stürzt München ins Chaos

Ein wenig Entspannung

Doch trotz des auch für diesen Winter noch drohenden Horrorszenarios kann die Bundesnetzagentur auch ein wenig Entspannung melden. Die frohe Botschaft kurz vor der Adventszeit: Für den Umstieg von der Atom- auf die Ökowirtschaft werden deutlich weniger zusätzliche Kabelstrecken gebraucht. Das bedeutet nicht nur weniger Investitionen und damit weniger Preissteigerungen bei der Netzumlage, sondern vor allem weniger Ärger. Denn die Anwohnerproteste sind beim Ausbau der Leitungen garantiert. Umso erfreulicher, wenn sich auf manches langwierige Verfahren samt aufwändiger Bürgerbeteiligung und Verwaltungsgerichtsverfahren verzichten lässt.

Energie



In ihrem Vorschlag zum Netzentwicklungsplan hatten die vier Übertragungsnetzbetreiber insgesamt 74 Trassen angemeldet, auf denen neue Leitungen gezogen oder vorhandene verstärkt werden sollten. Nur 51 davon hat die Bundesnetzagentur als so dringlich eingestuft, dass sie nun in den Bedarfsplan aufgenommen wurden. Damit reduzieren sich auch die Strecken: Der Neubau schrumpft von 3800 auf 2800 Kilometer; anstelle der 4000 Kilometer verstärkter Leitungen soll Deutschland vorerst mit 2900 Kilometern auskommen. Allerdings: Der schon bislang als vordringlich erachtete Ausbau, beschlossen vor etlichen Jahren, kommt nach wie vor viel zu langsam voran.

Zur wirklichen Beschleunigung des Netzausbaus fehlen noch die gesetzlichen Grundlagen, die den Ausbau juristisch einfacher machen. Derzeit arbeitet das Bundeswirtschaftsministerium an einem Gesetzentwurf, der die Genehmigungsverfahren strafft und die Einspruchsmöglichkeiten von Betroffenen einschränkt. Beispielsweise wäre dann nur noch eine Gerichtsinstanz zuständig, um über eine Klage gegen neue Leitungen entscheiden.

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