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Energiewende Was uns der Atomausstieg kostet

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38 Milliarden für den Atomausstieg

Die Furcht ist begründet, wie der Blick in die Bilanzen der Konzerne zeigt. So haben die vier großen Versorger E.On, RWE, EnBW und Vattenfall insgesamt rund 38 Milliarden Euro in ihren Büchern zurückgestellt, um den Atomausstieg zu finanzieren. Doch Zweifel, ob der Betrag in ferner Zukunft ausreicht, erwächst allein aus dem Umstand, dass jedes Unternehmen unterschiedliche Annahmen macht, wie sich die Rückstellungen in den kommenden Jahren verzinsen.

Prekäre Finanzlage

EnBW etwa rechnet mit einer großzügigen jährlichen Verzinsung von 4,8 Prozent, E.On mit 4,7 Prozent und RWE mit 4,6 Prozent, Vattenfall dagegen nur mit 4,0 Prozent. Die Unterschiede hinter dem Komma scheinen klein, haben es jedoch in sich. Würde RWE etwa mit dem niedrigen Satz von Vattenfall kalkulieren, müssten die Essener, die schon rund zehn Milliarden Euro für die Atomaltlasten zurückgestellt haben, weitere 1,7 Milliarden Euro zurückstellen. RWE weist diese Rechnung zurück. Denn, so RWE, wenn die Abzinsungsrate angepasst werde, müssten auch die Inflationserwartungen angepasst werden. Am Realzins ändere sich daher nichts und damit auch nichts an der Höhe der Rückstellungen.

Doch hinzu kommt, dass die Unternehmen die Höhe ihrer Rückstellungen aus der Verzinsung in der Vergangenheit errechnen. RWE und EnBW etwa orientieren sich dabei nach eigenen Angaben an der durchschnittlichen Rendite von Bundes- und Unternehmensanleihen in den vergangenen 25 Jahren. Diese wird in den kommenden Jahren aber sukzessive sinken. Wie stark, ist offen. Angenommen, die Verzinsung würde sich über die kommenden 25 Jahre halbieren, dann müssten die Konzerne rund 80 Prozent mehr für die Beerdigung der Atomkraft zurückstellen. Auf E.On etwa kämen dann weitere 13 Milliarden Euro zu. Derzeit hat der Atombetreiber rund 16 Milliarden Euro an Rückstellungen verbucht.

Die künftige E.On-Struktur

Die düsteren Aussichten treffen die Konzern zudem in einer prekären Finanzlage. Denn die Frage ist, ob ihr etwa in Kraftwerken steckendes Vermögen theoretisch womöglich sogar schon jetzt zu gering wäre, um alle Verpflichtungen einschließlich der Kosten für den Atomausstieg zu begleichen. Genährt wird die Befürchtung durch die Überlegung, was passieren würde, wenn die Konzerne zum Ende des vergangenen Jahres alle ihre bis dahin aufgelaufenen Verpflichtungen hätten erfüllen müssen.

Das Ergebnis ist ernüchternd: Nach Berechnungen der WirtschaftsWoche hätten E.On in diesem theoretischen Fall dann fast zwölf Milliarden Euro, RWE gar rund 17 Milliarden Euro gefehlt – insgesamt also eine Lücke von beinahe 29 Milliarden Euro. Bleibt es in den nächsten Jahren dabei, kämen nach der Abschaltung der Atommeiler möglicherweise noch zweistellige Milliardensummen durch zu niedrig verzinste Rückstellungen hinzu. Und noch gar nicht berücksichtigt sind in dieser Rechnung eventuelle zusätzliche Kosten für die Endlagerung des Atommülls, für die sich eine Deponie aktuell nicht abzeichnet.

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