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Energiewende Der wirtschaftliche Schaden eines schnellen Atomausstiegs

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Jürgen Trittin Quelle: dapd

Noch kursieren die unterschiedlichsten Kalkulationen und Schätzungen, meist stark beeinflusst vom politischen oder wirtschaftlichen Interesse des Absenders. Sie reichen von einem halben Cent je Kilowattstunde, die der Grünen-Fraktionsvorsitzende und Ex-Umweltminister Jürgen Trittin vermeldete („Ein Atomausstieg, den man sich leisten kann“), bis zum Zehnfachen, also fünf Cent, die Stephan Kohler für möglich hält, der Geschäftsführer der Deutschen Energie-Agentur (Dena). Matthias Kurth, der Präsident der Bundesnetzagentur, kommentiert trocken: „Jede Prognose, die Sie haben wollen, können Sie im Moment auf dem Markt bekommen.“

Die wahren Kosten zu ermitteln ist nicht einfach, denn es handelt sich um Gleichungen mit vielen Unbekannten – vor allem aber mit einigen Bekannten, die die Unsicherheit erst richtig steigern. Denn es sind die Mitspieler mit dem höchsten Promi-Faktor – die Regierung und die Fraktionsspitzen im Bundestag –, die am Ende den Rahmen festlegen. Und just von dem hängt jede Kalkulation fundamental ab:

Wann geht der letzte Meiler vom Netz, und werden vielleicht alle neun verbleibenden Reaktoren stromschlagartig schon 2017 stillgelegt?Welchen Anteil sollen die erneuerbaren Energien wann leisten?Setzen Regierung und Opposition verstärkt auf die Windenergie, die hierzulande vergleichsweise einfach zu nutzen ist, oder hoffen sie weiter auf teure Alternativen wie Geothermie oder gar Solarstrom, der im sonnenarmen Deutschland nur besonders aufwendig zu produzieren ist?Traut sich die Politik, für eine längere Übergangszeit und als Sicherheitspuffer für die unzuverlässigen Naturkräfte doch noch auf fossile Energieträger wie Kohle und Gas zu vertrauen?Werden Windanlagen und fossile Ersatzkraftwerke im Süden Deutschlands genehmigt – also nah an verbrauchsstarken Industriekunden? Dann sind weniger teure Leitungen nötig.Und wer soll das alles bezahlen? Ausschließlich der Stromkunde, indem alle Investitionskosten und Einspeisevergütungen wie bisher auf den Preis der Elektrizität draufgeschlagen werden? Oder beteiligt sich der Steuerzahler durch staatliche Zuschüsse am Kraftwerks- und Leitungsbau sowie an der Gebäudesanierung?

Näherungswerte liefern jene Analysen, die während der Debatte um die Laufzeitverlängerung im Spätsommer 2010 erstellt wurden. Die wichtigste: die Gemeinschaftsstudie des Energiewirtschaftlichen Instituts an der Universität zu Köln (EWI), der Prognos AG sowie der GWS – Gesellschaft für wirtschaftliche Strukturforschung im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums. Sie lieferte die Grundlage für das Energiekonzept der Bundesregierung. Selbst ihr härtestes Szenario, eine nur geringe Laufzeitverlängerung mit strenger Sicherheitsnachrüstung für die Kernkraftwerke, ergab nur eine Preissteigerung von rund einem Cent pro Kilowattstunde. Derzeit rechnet das EWI erneut für das Wirtschaftsministerium – und ermittelt die möglichen Kosten eines Schnellausstiegs. Eine erste Expertise dafür gibt es bereits: Die Beratungsgesellschaft r2b hat für den Bundesverband der Deutschen Industrie Preissteigerungen an der Strombörse von bis zu 1,6 Cent errechnet, wenn das letzte deutsche Atomkraftwerk bereits 2017 eingemottet wird.

Allerdings sind hier die Annahmen noch günstig gewählt: Der Ersatz der Meiler erfolgt in der Kalkulation nämlich durch vergleichsweise günstige Kohle- und Gaskraftwerke, die Strom zu Preisen zwischen fünf und acht Cent liefern. Der Einsatz der Erneuerbaren bleibt unverändert.

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