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Energiewende Dicke Luft trotz mehr Ökostrom

Die Eröffnung von Global Tech 1 zeigt, dass der Umstieg auf Wind- und Sonnenstrom vorangeht. Die Chancen auf einen gelungen Atomausstieg steigen, beweist eine exklusive Studie. Doch CO2-Emissionen verdunkeln die Bilanz der Energiewende.

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Global Tech I, einer der größten Offshore-Windparks Deutschlands, ist am Mittwoch offiziell in Betrieb genommen worden. Quelle: dpa

Auf einer Fläche so groß wie Bremerhaven steht der Offshore-Windpark Global Tech I. Er liegt zirka 180 Kilometer vor Bremerhaven in nordwestlicher Richtung. Das ist so weit von der Nordseeküste entfernt, dass nicht einmal die Rotornaben der 80 Windturbinen, die sich in 92 Meter Höhe über dem Meeresspiegel befinden, von der Küste aus zu sehen sind. Die Rotorblätter haben einen Durchmesser von 116 Metern und bestreichen eine Fläche in etwa so groß wie anderthalb Fußballfelder. Sie erreichen eine maximale Geschwindigkeit von 320 Kilometer pro Stunde.

Der Offshore-Windpark "Global Tech I"

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    Die Windkraftanlage, an dem maßgeblich die drei Energieversorger Stadtwerke München, der Ökostromanbieter Entega und das Schweizer Energieunternehmen Axpo beteiligt sind, ist am Mittwoch eröffnet worden. Die Anlage kann rein rechnerisch - also, wenn der Wind ordentlich weht oder die Anlage nicht still stehen muss, weil sie zu viel Windstrom produziert, der das Stromnetz überlasten würde -  445.000 Haushalte mit Ökostrom versorgen. Mit einer installierten Gesamtleistung von 400 Megawatt ist Global Tech I der größte Offshore Windpark, der in diesem Jahr in Deutschland ans Netz geht. 1,8 Milliarden Euro haben die Betreiber in die Anlage auf hoher See investiert.

    Global Tech I ist in dieser Woche schon der zweite Offshore-Windpark, der in Deutschland in Betrieb geht. Am ersten September eröffnete vor der Nordseeinsel Borkum der Energieversorger Trianel aus Aachen den ersten Windpark auf hoher See in rein kommunaler Hand. Rund 33 Stadtwerke sind an dem Projekt in der Nordsee beteiligt. Der Trianel Windpark Borkum besteht aus rund 40 Windrädern mit einer Gesamtleistung von 200 Megawatt Strom. Eine zweite Ausbaustufe mit weiteren 20 Windanlagen sei vorgesehen, sagte Sven Becker, Sprecher der Trianel-Geschäftsführung bei der Eröffnung des Turbinenfelds. Den Bauabschluss erwartet Becker in 2016.

    Viel Geld für Ausbau von Offshore-Windparks

    Mit dem Bau des Windparks war schon 2011 begonnen worden. Probleme bei der Netzanbindung, um den erzeugten Windstrom auch ins Stromnetz speisen zu können, verzögerten das Projekt. Seit Mitte Juli ist der Windpark schon am Netz und läuft im Probebetrieb. Der Windpark kann über 800 Gigawattstunden Strom erzeugen und damit rund 200.000 Haushalte mit Strom versorgen. Rund eine Milliarde Euro stecken in der ersten Ausbaustufe des Trianel Windparks Borkum mit den 40 Windrädern. Für die zweite Ausbaustufe rechnet Trianel mit einem Investitionsvolumen von noch einmal 800 Millionen Euro.

    Ein enormes Potenzial für Offshore-Windenergie gäbe es in Deutschland, sagte Michael Lewis, verantwortlich für das Geschäft mit erneuerbaren Energien beim Energieversorger E.On. Rund eine Milliarde Euro hat der Düsseldorfer Konzern derzeit in zwei Offshore-Windparks investiert. Weitere Investitionen in einen Windpark in der Ostsee sind geplant.

    Windkraftwerke in der Nord- und Ostsee entwickeln sich zu einem wichtigen Baustein der Energiewende in Deutschland. Bis Mitte 2015 sind 422 neue Windkraftanlagen in Nord- und Ostsee mit einer Stromleistung von 1765 Megawatt ans Netz gegangen. Diese verteilen sich auf neun Windenergieprojekte auf hoher See. Weitere vier Offshore-Projekte sind geplant.

    Sprung ins Positive

    Bis Juni 2015 speisten damit insgesamt 668 Anlagen mit einer Leistung von 2778 Megawatt grünen Strom ins Netz. Damit lassen sich nach Branchenangaben rund drei Millionen Haushalte mit Energie versorgen.

    Die Bundesregierung kommt damit ihren Ausbauzielen bei Windenergie bis zum Jahr 2020 immer näher. Branchenexperten erwarten, dass bis Ende 2015 3300 Megawatt an Kraftwerksleistung in der Nord- und Ostsee installiert sein werden. Das Ausbauziel der Bundesregierung für 2020 liegt bei 6500 Megawatt. Die Hälfte wäre also bis Ende des Jahres erreicht.

    Hohe Zustimmung zur Energiewende

    Im Jahr vier der Energiewende verbesserten sich 2014 erstmals die Aussichten, dass der Umstieg auf Wind- und Sonnenstrom in Deutschland gelingt. Das zeigt das Energiewende-Monitoring, das die Unternehmensberatung A.T. Kearney seit 2012 im Auftrag der WirtschaftsWoche jährlich erstellt.

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      Maßstab sind die Ziele, die die Bundesregierung mit ihrem Beschluss zum Ausstieg aus der Atomkraft 2011 verband. Dazu gehören folgende Ziele, die bis 2020 erreicht werden sollen: Sichere Stromversorgung, Zustimmung der Bevölkerung zur Energiewende, umweltfreundliche Energieversorgung sowie bezahlbare und wirtschaftliche Energieversorgung.

      So soll das deutsche Klimaziel erreicht werden
      Energieeffizienz25 bis 30 Millionen Tonnen an Kohlendioxid (CO2) sollen durch mehr Energieeffizienz eingespart werden. Für diesen größten Einzelposten im Aktionsprogramm legte Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) den „Nationalen Aktionsplan Energieeffizienz“ (NAPE) vor. Ein Kernpunkt ist mehr Effizienz durch Gebäudesanierung, um den Verbrauch für Heizung und Warmwasser zu senken. Hier sollen mit Hilfe steuerlicher Anreize pro Jahr drei bis vier Millionen Tonnen CO2 eingespart werden. Quelle: dpa
      StromerzeugungDie Regierung nimmt auch den Energiesektor in die Pflicht. Zwischen 2016 und 2020 sollen die Unternehmen zusätzlich 22 Millionen Tonnen CO2 einsparen – wie, bleibt ihnen selbst überlassen. Im Aktionsprogramm wird zudem das Ziel bekräftigt, den Anteil erneuerbarer Energien am Bruttostromverbrauch bis 2025 auf mindestens 40 Prozent und bis 2050 auf 80 Prozent zu steigern. Die Kraft-Wärme-Kopplung soll ausgebaut werden. Quelle: dpa
      Verkehr IDer Verkehrssektor soll ein Minus von sieben bis zehn Millionen Tonnen CO2-Ausstoß beitragen. Den größten Anteil soll nach Angaben aus Regierungskreisen die Ausweitung der künftig nach Energieverbrauch gestaffelten Lkw-Maut auf Fahrzeuge ab 7,5 Tonnen und ab 2018 auf alle Bundesstraßen bringen. Außerdem soll die Hybridtechnik bei Nutzfahrzeugen gefördert und der Schienengüterverkehr durch Beseitigung von Netzengpässen gestärkt werden. Regionalisierungsmittel für öffentliche Verkehrsmittel sollen erhöht und an Fahrgastzahlen sowie Emissionssenkung gekoppelt werden. Autofahrer sollen Gutscheine für Sprit-Spar-Trainings erhalten. Quelle: dpa
      Verkehr IIAußerdem hält die Regierung an dem Ziel fest, den Marktanteil von Elektrofahrzeugen bis 2020 auf deutlich über eine Million Fahrzeuge zu erhöhen. Um das zu erreichen, ist im gewerblichen Bereich beispielsweise für Fuhrparks und Paketdienste die steuerliche Abschreibung vorgesehen. Bislang werden jährlich nur einige tausend E-Autos zugelassen. Quelle: dpa
      Industrie, Gewerbe, AbfallwirtschaftAbfallvermeidung soll knapp zwei Millionen Tonnen CO2-Minderung bringen. Geplant ist ein neues Wertstoffgesetz statt der geltenden Verpackungsverordnung. In Kühlanlagen sollen besonders klimaschädliche Gase durch Verordnungen verdrängt werden. Das Äquivalent von mindestens minus zwei Millionen Tonnen CO2 soll die Minderung des Methanausstoßes von Deponien bringen, vor allem durch bessere Belüftung. Quelle: dpa
      LandwirtschaftHier sollen 3,6 Millionen Tonnen eingespart werden. Strengere Regeln für den Einsatz von Düngemitteln sollen die Emissionen von Stickoxiden mindern – auch durch gasdichte Lagerung und bessere Ausbringungstechniken. Der Flächenanteil von Öko-Landbau soll erhöht, Grünland-Umbruch soll eingeschränkt und Moore sollen renaturiert werden. Quelle: dpa
      Weitere MaßnahmenDaneben setzt das Umweltministerium auf neue Programme zur Förderung energiesparenden Verhaltens von Bürgern und Unternehmen und auf die Vorbildfunktion des öffentlichen Sektors. Auch Programme aus dem Bereich Forschung und Entwicklung sollen zur CO2-Minderung beitragen. Quelle: dpa

      Sicherer ist die Stromversorgung im vergangenen Jahr geworden. Die Deutschen mussten weniger Minuten ohne Strom ausharren und verfügten in 2014 erstmals über mehr Kraftwerksreserven für den Fall, dass die Sonne nicht scheint und der Wind nicht weht. Der Anteil der erneuerbaren Energien an der Stromerzeugung steigt. An windigen Tagen kann Deutschland fast auf konventionelle Energie verzichten.

      Einen Sprung ins Positive gab es bei der Zustimmung der Bevölkerung zur Energiewende. Sie erreichte im vergangenen Jahr 70 Prozent. Grund für die steigende Zustimmung sei, so die Experten von A.T. Kearney, der gesunkene Strompreis sowohl für Verbraucher als auch für die Industrie. Positiv auf die Stromrechnung wirken sich vor allem die niedrigen Gas- und Ölpreise aus. Auf die Großhandelspreise drückte vor allem die wachsende Menge an Ökostrom, sodass Industriekunden immer weniger bezahlen müssen.

      Die 15 aussichtsreichsten Windparkprojekte vor Deutschlands Küsten

      Trotz sinkender Strompreise für Industriekunden und Haushalte ist das Ziel einer bezahlbaren und wirtschaftlichen Energieversorgung noch nicht erreicht. Im vergangenen Jahr ist die Umlage für Ökostrom nach dem Erneuerbaren Energien Gesetz (EEG) um 18 Prozent im Vergleich zu 2013 gestiegen. Hauptgrund für die steigende Umlage war der stark subventionierte Zubau von Solaranlagen. Seit 2015 ist die Förderung allerdings stark gekürzt worden. So nahm die EEG-Umlage für den Ökostrom Anfang des Jahres erstmals ab, nachdem die Bundesregierung das Erneuerbare-Energien-Gesetz reformiert hatte.

      Derzeit liegt die EEG-Umlage noch bei 6,2 Cent pro Kilowattstunde Strom. In diesem Jahr rechnen die Experten von A.T. Kearney zwar mit einer sinkenden Umlage, allerdings nur um wenige Cent. Für 2015 erwartet AT Kearney eine EEG-Umlage von 6,17 Cent pro Kilowattstunde.

      Umfangreiche Reformen für die erneuerbaren Energien

      Denn auch der kostspielige Ausbau der Offshore-Windenergie wird noch stark subventioniert. Die Winderzeuger erhalten derzeit eine feste Vergütung für den erzeugten Windstrom. Die Anfangsvergütung für Offshore-Windstrom liegt bei immerhin rund 18 Cent je Kilowattstunde.

      Die letzten Kernkraftwerke
      AKW Grafenrheinfeld in Bayern Quelle: Creative Commons
      Kernkraftwerk Gundremmingen Quelle: dpa/dpaweb
      Kernkraftwerk Philippsburg Quelle: dpa
      Kernkraftwerk Brokdorf Quelle: dpa
      Kernkraftwerk Grohnde Quelle: dpa
      Kernkraftwerk Neckarwestheim Quelle: dpa
      Kernkraftwerk Isar II Quelle: dpa

      Ab 2017 allerdings wird sich das ändern. Die Bundesregierung plant umfangreiche Reformen für die erneuerbaren Energien. Künftig soll es Ausschreibungen geben für die Genehmigung zum Bau von Windparks. Den Zuschlag erhält der günstigste Anbieter. Derzeit sind nach Informationen aus dem Bundeswirtschaftsministerium Ausschreibungen für drei bis vier Windparks pro Jahr vorgesehen. Für die Vergabe von Flächen für den Bau von Offshore-Windparks soll eine zentrale staatliche Stelle die Flächenentwicklung und Ausschreibung organisieren. Geplant sind zwei Ausschreibungen jährlich.  Branchenvertreter sehen das freilich skeptisch. „Soll der Ausbau kontinuierlich weitergehen, brauchen wir schon 2016 Klarheit über das Ausschreibungsdesign“, sagt Norbert Griese, Vorsitzender des VDMA-Lenkungskreises Offshore-Windenergie.

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        Einsparmöglichkeiten bei Offshore-Windparks

        Steigende CO2-Emissionen

        Einziger dunkler Fleck der Energiewende ist der Anstieg des CO2-Ausstoßes. Grund dafür sind die anhaltend niedrigen Preise für Emissionszertifikate sowie die weltweit verbilligte Kohle. Die niedrigen Preise für Emissionszertifikate bieten den konventionellen Stromerzeugern nicht genügend Anreize, um auf emissionsärmere Anlagen zu setzen. Dazu kommt, dass der fossile Energieträger Kohle derzeit so günstig ist, dass sich selbst weniger umweltbelastende Gaskraftwerke nicht mehr lohnen und abgeschaltet werden.

        Energie



        Im Herbst 2014 hatten sich Staats- und Regierungschefs darauf geeinigt, den CO2-Ausstoß bis 2030 um 40 Prozent, verglichen mit 1990, zu senken. Der Anteil der erneuerbaren Energien am Gesamtverbrauch soll bis dahin auf 27 Prozent und die Energieeffizienz um 27 Prozent steigen. In Deutschland liegt der Anteil der erneuerbaren Energien am Endenergieverbrauch in 2014 bei erst rund elf Prozent.

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