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Energiewende Die letzte Schlacht der Stromkonzerne

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Die Fantasie der Großstromer kennt keine Grenzen

Zugleich nutzt RWE die bisherige Expertise im Großkraftwerksgeschäft, indem der Konzern die einzelnen Minikraftwerke in einer Region vernetzt. So haben die Essener im Münsterland gut 400 Kleinkraftwerke in mittelständischen Betrieben zu einem „virtuellen Kraftwerk“ verbunden. Wenn nötig kann ein höherer Strombedarf in einem Unternehmen von einem unausgelasteten Kraftwerk eines anderen gedeckt werden. „Innerhalb des Netzwerkes können die Kunden voneinander lernen, wie Stromkosten eingespart werden können“, sagt Stangel.

Im Kampf um den Kunden kennt die Fantasie der Großstromer offenbar keine Grenzen mehr. So macht RWE neuerdings etwas nach, was die Strommanager allem Anschein nach bei ProSiebenSat.1 abgeschaut haben: Der Fernsehsender bietet jungen Internet-Firmen an, Werbung zu schalten, und bekommt dafür zum Beispiele Anteile an dem Start-up. Eine ähnliche Kooperation ist RWE mit dem Internet-Portal ImmoScout eingegangen. Ziehen Haushaltskunden in ein anderes Bundesland, wechseln sie damit meist den Stromversorger. Um dem entgegenzuwirken, wirbt RWE kostenlos in dem Maklerportal für günstige Stromtarife. Im Gegenzug darf ImmoScout bei RWE in den konzerneigenen Mitarbeiterpublikationen mit einer Gesamtauflage von 3,4 Millionen Exemplaren zum Nulltarif inserieren. „Solche Tauschgeschäfte waren für uns bisher neu“, sagt ein RWE-Manager.

Straßenlaternen mit Bewegungsmelder

Dass diese Art von Beweglichkeit und die neue Dienstleistungsorientierung nicht nur bei Contracting-Kunden stehen bleibt, sondern auch Aktionäre erfreuen soll, zeigt EnBW. Der Konzern gehört zu je 46 Prozent dem Land Baden-Württemberg und den oberschwäbischen Kommunen. Um die Gemeinden von Ausgaben zu entlasten und die mächtigen Landräte von der Innovationskraft des Stromkonzerns zu überzeugen, bietet EnBW nun den Kommunen Energieberatung an, zum Beispiel bei der Beleuchtung von Straßen und Plätzen.

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So stellte Konzernchef Mastiaux im April bei der Hauptversammlung in Karlsruhe stolz eine neue Straßenlaterne mit integrierter Notrufsäule und Bewegungsmelder vor. Der schaltet die Lampe erst dann an, wenn des Nachts ein Passant vorbeigeht. Dadurch würden die Stromkosten einer Kleinstadt um gut 20 Prozent sinken, lobt ein EnBW-Manager die Idee.

Erste Fehlschläge

Auf solche Einfälle kommen auch andere. So stellte am vorvorigen Freitag der niederländische Elektrogerätehersteller Philips eine Kooperation mit der Nordseeinsel Sylt vor. Das Jetset-Eiland soll künftig zusammen mit Philips flächendeckend und bei Bedarf mehrfarbig illuminiert werden.

Dass es auch Fehleinschätzungen geben kann, zeigt das Beispiel Volkswagen. Europas größter Autobauer war vor fünf Jahren eine Kooperation mit dem Hamburger Ökostromanbieter Lichtblick beim Bau von Miniblockheizkraftwerken eingegangen, diese stellt VW in Salzgitter her. Es sollte eine „Revolution am Strommarkt“ werden. Bis 2018 wollte Lichtblick 100.000 Miniblockheizkraftwerke in deutschen Wohn- und Geschäftshäusern installieren, die dort Strom und Wärme erzeugen sollten. Geplant war, die Anlagen mit einer Software (interner Arbeitstitel: „Schwarmenergie“) zu vernetzen.

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Doch Lichtblick verkaufte angeblich zu wenig Zuhause-Kraftwerke. VW schlug eine andere, „nachgebesserte“ Geschäftsbeziehung vor. Für Lichtblick drohte das Geschäft unwirtschaftlich zu werden. Als nach der jüngsten Reform des Erneuerbaren-Energien-Gesetzes die vollständige Umlagebefreiung bei Eigenstromerzeugung wegfiel, wurden nach Einschätzung von Insidern die Geschäftsaussichten der Kooperation schlechter. VW und Lichtblick stoppten die Zusammenarbeit.

Ähnliches befürchten nun die großen Stromversorger auf ihrem Weg in neue Märkte. Denn künftig will Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel den bisher freien Eigenstromverbrauch mit 40 Prozent der Ökostromumlage belasten, rund 2,5 Cent pro Kilowattstunde. „Das wäre das Eigentor der Energiepolitik“, sagt ein Manager eines großen Stromversorgers.

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